Lorais Interview mit Marie Anne de Bourbon

 

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Interview mit Marie Anne de Bourbon

 


Protagonistin aus:

 

«Die Sonnenkönigin – Frankreichs vergessene Königin»

 

von Louise Bourbon

Ort: Versailles im Geiste


Interviewerin: Mademoiselle Lorai,

Protagonistin aus «Lorai»

von Le. Alex Sax

 


Lorai: Hallo Marie Anne! Da ich mich in deiner geistigen Welt bewegen kann, hatte ich das Glück, dass ich dich schon kennen lernen durfte. Und damit sich die Royalisten nicht aufregen, du hast mir das du erlaubt.


MA: Salut, ma chère. Das ist wahr, wir sind nicht so förmlich. Beziehungsweise ich bin nicht so förmlich. Abgesehen davon habe ich gemerkt, dass Euch die am Hof üblichen Anreden offensichtlich Schwierigkeiten bereiten. Ich glaube, Ihr habt meine Mutter mal als Hoheit bezeichnet. Herrjeh, Sa Majesté la Reyne...
Verzeiht aber bitte, dass ich das du immer noch nicht erwidern kann. Da kann man quasi nicht aus seiner Haut, um das so zu sagen. Wir hatten damals nun einmal etwas andere Gewohnheiten. Aber die Euren sollten wir bei Gelegenheit üben. Auf meine Eltern trifft es nicht zu, sie sind da, ich will sagen, etwas altmodisch. Nicht weitersagen, dass ich das gesagt habe. Meine Mutter nennt mich ohne hin ab und an vorlaut. Von wem ich das wohl habe?


Lorai: Du hast ja mit 13 Jahren einen Prinzen Conti, oder wie der Kerl hiess, geheiratet. Das Gerücht geht, dass die Hochzeitsnacht katastrophal gewesen war. Was war denn da los?


MA: Der Kerl hieß Louis Armand de Bourbon, Prince de Conty. Ja, Bourbon, ein weitläufiger Cousin von mir! Ich weiß, das findet ihr heutzutage auch ganz schrecklich. Aber es war wirklich sehr weitläufig. Ma chère, ich hoffe, Ihr habt viel Zeit. Zunächst: Der Kerl war kein schlechter Kerl. Und mit 13 erreichte man damals die Volljährigkeit. Zudem hat mir meine Autorin berichtet, dass eure Jugend heutzutage noch etwas früher dran ist... Nun, Der Herr war mein Jugendfreund, und zu seiner Entschuldigung, ich wollte ihn heiraten, und es war ja noch erstaunlich, dass meine Eltern den zugestimmt haben. Denn die Contys nicht sonderlich begeistert, wie Ihr ja wisst, bin ich unehelicher Geburt. Ein bâtard, sagen wir es auf Französisch. Dass mein Vater der König ist, hat da relativ wenig Bedeutung. Dass er es gewagt hat, seine Kinder in die großen Familien Frankreichs zu verheiraten, schon eher. Und wie gesagt, ich war mit dieser Entscheidung durchaus einverstanden. Nun ist es so: eine Verlobung kann man jederzeit lösen. Eine Heirat nicht. Und deshalb fand die Eheschließung sehr rasch nach der Zustimmung der Familie Conty statt. Und folgendes wird Euch verwundern: sowohl mein Vater als auch meine Mutter haben mich gewarnt - und mir eindringlich ans Herz gelegt, diese eine "Sache" - nennen wir es Sache - noch auszusetzen. Meine Mutter, ihrer Zeit weit voraus, hat sich mit mir hingesetzt, und mir sehr vorsichtig die Vorgänge zwischen Mann und Frau erklärt. Nun gut, einiges wusste ich ohnehin schon, wir haben Hunde ;-)
Ich sei zu jung zu dafür. Hören Eltern auf ihre Kinder? Nein, das tun sie nicht.
Nun, wie Ihr wisst, es wurde eine Katastrophe. Der Herr hatte keinerlei Erfahrung mit Frauen, nun gut, auch das soll kein Hindernisgrund sein, mein Vater hat sein Brautbett, das erste, auch nahezu ohne Erfahrung eingenommen. Ha, da staunt Ihr, was? Ich weiß, das erzählt man in der offiziellen Geschichte auch anders. Offensichtlich war er dennoch in der Lage, meiner Mutter ein adäquates Vergnügen zu bereiten. Mein Ehemann hat das leider nicht verstanden. Zu viel Eifer in der Hitze des Gefechts mit zu viel Alkohol, um sich Mut anzutrinken, vertragen sich nicht sonderlich gut. Und ich bemerkte, dass er, obwohl er ein schöner Mann war, mich doch nicht in der Weise reizen konnte, wie ich es mir vorgestellt habe. Einige Jahre später merkte ich, dass ich mir das ganze bei einer Frau sehr wohl habe vorstellen können.


Lorai: Und überhaupt, was ist das für eine Pfeiffe, der eine 13-jährige heiratet und das auch noch durchziehen will? Wie alt war der überhaupt?


MA: Ma chère, er war 18 Jahre alt. Und ich gebe es ungern zu, ich war es, die das durchziehen wollte, wie Ihr so schön sagt. Wisst Ihr, ich war jung und sehr verliebt. Und ich hatte diese romantische Vorstellung von meinen Eltern im Kopf. Man sieht sich, verliebt sich, und die Hochzeitsnacht ist, man verzeihe das Wortspiel, die Krönung des Ganzen. Und das hier sagt Ihr nicht weiter, wir sind ja unter uns ;-) meine Mutter hat für meinen Vater ihre Gelübde gebrochen. So, wie die beiden miteinander umgehen, konnte man den Eindruck gewinnen, dass das alles etwas ganz Tolles sein muss. Sie haben zwar immer geglaubt, wir würden das nicht bemerken, aber wenn man etwas aufmerksam ist, dann bemerkt man alles! Die verstohlenen Händedrücke, wenn sie einander in den Gängen begegnet sind. Oder die geraubten Küsse. Ha! Der Ausdruck, mein Vater sei bei den Damen, war doch nur ein Euphemismus für: er hat sich mit meiner Mutter zurückgezogen. Jawohl, am helllichten Tag! Bei Katholiken! Da konnte ich nur glauben, dass es ganz wundervoll sein würde.


Lorai: Jetzt mal genauer! Wäre es nicht einfacher gewesen, dem Herrn Gemahl etwas Blausäure unterzumischen?


MA: Ma chère, Ihr bringt eindeutig zu gerne Leute um! Oh, niemals! Ich glaube, mit Gift wurde bei uns schon genug gespielt. Abgesehen davon, hatte ich eher Mitleid mit ihm. Während von meinen Empfindungen nach dieser Nacht nahezu nichts mehr da war, war er noch immer sehr verliebt in mich. Und weil ich sicher bin, dass wir beobachtet worden sind, war er recht schnell das Gespräch bei Hof. Der arme Kerl hat sich dann der Armee angeschlossen, um seine verlorene Ehre wiederzugewinnen. Ach, das gleiche Schicksal in der gleichen Familie zweimal! Mein jüngerer Bruder, Louis, tat etwas ähnliches. Pardon, das war kein guter Hinweis, diesen Namen gibt es bei uns häufiger! Ich meine meinen um ein Jahr jüngeren Bruder.


Lorai: Du hattest mal die Pocken und hast das überlebt. Dein Gemahl nicht. War sein Tod eher Fluch oder Geschenk?


MA: Ma chère, als er erkrankte, habe ich ihn gepflegt. Ich glaubte, ihm das schuldig zu sein, Weil er dieses an mir tat, und ich hatte lange Zeit ein wirklich schlechtes Gewissen, weil ich überlebt habe und er nicht. Ich habe Euch ja versprochen, ehrlich zu sein, sein Tod hat mich als reiche Witwe zurückgelassen. Und ich war in gewisser Weise erleichtert. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, hatte ich das Gefühl, Ursache seines Unglücks zu sein. Aber ich glaube, er wollte auch nicht länger. Er war ein sehr trauriger junger Mann.
Er liegt übrigens an einem sehr interessanten Ort begraben, das wäre dann wieder ein Geheimnis ... Nun, dummerweise kam mein Vater kurz darauf auf die Idee, mich wieder verheiraten zu wollen. Er hatte tatsächlich das Angebot irgend eines afrikanischen Sultans erhalten, der ein Portrait von mir gesehen und manches von mir gehört hatte. Nun, bei Letzterem hätte ich gedacht, das müsste ihn eher abhalten...

Meine Mutter war außer sich - Der Plan führte zu einer der schlimmsten Auseinandersetzungen, die die beiden je hatten. Sie waren schon miteinander verheiratet, und ich ging zu meiner Mutter, um sie zu bitten, sich bei meinem Vater für mich zu verwenden. Sie tat es, denn sie wollte ihre Tochter nicht ins Ausland verlieren. Mein Vater, der schon die politischen Vorteile bedacht hatte, wollte seinen Plan durchsetzen. Meiner Mutter Widerspruch war heftig, und dann beging mein Vater einen großen Fehler: er sagte zu ihr: Madame, ich bin noch immer Euer König. Und meine Mutter zog ihren Ehering von Finger, ganz langsam, und sagte: fahrt so fort, und das wird das einzige sein, was Ihr noch sein werdet. Und warf ihm den Ring vor die Füße. Am Abend erreichte sie ein Brief, darin der Ehering und ein einziges: Pardonne-moi. Wenn man weiß, wie schwer es meinem Vater gefallen ist, um Vergebung zu bitten, weiß man, was das für ein Schritt war. Als meine Mutter, noch immer sehr verletzt, nicht reagierte, ging er selbst, warf sich vor ihr auf die Knie, bat noch einmal um Verzeihung und beteuerte seine ewige Liebe. Der Gedanke an meine Heirat war nie wieder ein Thema.


Lorai: Stimmt es, dass du der Liebling deines Vater Louis XIV warst und die anderen Geschwister dich deshalb nicht leiden konnten?


MA: Was für ein Unsinn! Nun ja, ich bin die älteste. Und als solche habe ich natürlich die Vorgänge erlebt, die zum Rückzug meiner Mutter in das Kloster führten. Wisst Ihr, gegenüber meinen nachgeborenen Geschwistern hatte ich einen großen Vorteil: eine Mutter. Meine Geschwister, die meine Mutter abgeben musste, hatten das nicht. Die Montespan, dieses Stück, brauchte sie als Alibi, und scherte sich nicht weiter um sie. Ich muss gestehen, dass sich mir immer noch die Galle hebt, wenn ich diesen Namen ausspreche. Ich habe der Guten einige Streiche gespielt, sagen wir, dass sie selbst auf einmal auf künstliches Haar angewiesen war, ist auf seeehr merkwürdig Umstände zurückzuführen ;-) Mein Vater hat alle seine Kinder anerkannt, und sogar eines, das gar nicht das seine ist. Und um meiner Mutter nicht noch weiteren Schmerz zuzufügen, hat er sich bei der Anerkennung geweigert, den Namen der falschen Mutter anzugeben. Damit hatten meine Geschwister offiziell keine, und auch das galt als Schande. Und selbst, als meine Mutter im Kloster war, war sie für mich erreichbarer als für meine anderen Geschwister. Mein Bruder, Louis Auguste, er hat es immer gespürt. Und er hat meine Mutter auch besucht. Heimlich, versteht sich. Und da er noch ein kleiner Junge war, waren wir für diese Pläne auf Hilfe angewiesen. Doch ihn hat es fast zerrissen, zu wissen, wer seine Mutter ist, ohne es aussprechen zu dürfen. Natürlich hat das zu Spannungen unter uns geführt. Und man muss auch sagen, dass, mit Verlaub, mein Vater in dieser Zeit nicht mehr ganz, äh, zurechnungsfähig war. Spätestens im Nachmittag begann er zu trinken, um abends besoffen genug zu sein, um ins Bett zu fallen. Meine Liebe, das war eine wirklich schreckliche Zeit. Wenn er sich ganz vergaß, schluchzte er und schrie den Namen meiner Mutter, schlug die Stirn gegen die Wand. Noch schlimmer aber war, wenn er dasaß und ihm einfach nur die Tränen über die Wangen liefen. Stumm, ohne ein Wort. Und weil ich darüber wusste, gab ich mir nach Möglichkeit Mühe, ihn zu trösten. Ich sage Euch, wenn meine Mutter ihn nicht endlich empfangen hätte, dann hätte er das nicht überlebt. Sie auch nicht, man konnte bei beiden sehen, wie von Tag zu Tag ein Stück Leben aus ihnen gewichen ist. Diese gemeinsame durchgestandene Zeit, das verbindet uns.


Lorai: Jedenfalls hast du später diverse Hotels und Schlösser geführt. Würdest du dich zu den ersten Emanzen in Frankreich zählen?


MA: Meine Liebe, ich glaube, ich muss erklären, was ein Hotel ist! Eigentlich nannte man ein Stadthaus einfach so. Emanze, ich? Wohl eher meine Mutter! Sie ist ja normalerweise eher sanft, aber wenn jemand behauptet hat, dass eine Frau gewisse Dinge nicht tun kann, dann konnte sie, sagen wir, ungehalten werden. Mein Vater sagte dann immer: wenn ich Euch ließe, würdet Ihr noch mit der Armee ins Feld ziehen. Und meine Mutter sagte: ja, das würde ich. Sagen wir, sie hatte meinen Vater ausgesprochen gut im Griff. Hat sie übrigens immer noch.


Lorai: Eines deiner Schlösser wurde ja abgerissen. War das nur wegen der Revolution? Ich weiss, das Wort Napoleon gehört nicht in deinen Wortschatz. Ich muss trotzdem fragen.


MA: oh, bitte, meine Liebe! Dieser wieselgesichtige kleine Zwerg gehört nun wirklich nicht zu meinem Umgang. Wirklich, man hat eines abgerissen? Das ist ja interessant. Entschuldigt mich einen Augenblick, ich glaube, da muss ich Madame Bourbon hier fragen. Sie wird das wissen, in dieser Hinsicht ist sie besser als Google! Oh, Choisy, tatsächlich! Das stimmt mich jetzt gerade traurig. Es war so ein schönes kleines Schloss. Nun, dann würde mich interessieren, wo die Dinge hin verschwunden sind, die ich dort hinterlassen habe. Nun, ich fürchte, so ist es leider vielen Schlössern ergangen. Nach der schrecklichen Revolution waren sie alle Jahre lang leer gestanden, solange dieser schreckliche Terrorist sie nicht genutzt hat. Anstatt sie dann weiter zu halten, hat man sie abgerissen. Wobei ich in diesem Fall glaube, das das meinem Nachfahren gut in den Kram gepasst hat.


Lorai: Wenn ein Mensch stirbt, dann geht er ins Licht und ist weg. Irgendwer hat dieses Licht aber auch mal «die Taschenlampe des Teufels» genannt. Du hast das aber nicht getan und beehrst uns immer wieder. Weshalb bist du geblieben?


MA: hach, Ihr habt schon ein paar sehr amüsante Vorstellungen von den Vorgängen nach dem so genannten Tod! Natürlich geht man nicht ins Licht und ist weg. Glaubt mir, hier ist manchmal ganz schönes Gedränge! Nun, ebenso wie eine Seele entscheidet, mit welchem Hintergrund sie in die Welt will, entscheidet sich auch, mit welchem Hintergrund sie sie wieder verlässt. Ma chère, ich liebe meine Eltern. Beide. Bevor ich deren Tochter wurde, habe ich schon einige andere Erfahrungen auf dieser Welt gemacht und ich muss sagen, Tochter meiner Eltern zu sein, trotz allem, ist die beste, die ich je machen konnte! Ich möchte gar nichts anderes sein. Und nun, wo es an der Zeit ist, die wahre Geschichte meine Eltern zu erzählen, muss ich doch ein wenig aufpassen. Und ab und an ein paar geschickte Hinweise fallen lassen, damit Madame Bourbon wieder Futter bekommt. Außerdem lässt sie mich ihre Schokolade essen und bringt mir Kuchen mit. Ab und an ermahnt sie mich auch, und dann fühle ich mich sehr zu Hause!
Auch, wenn unsere liebe Autorin bisweilen etwas widerspenstig ist. Aber das scheint am Namen zu liegen.


Lorai: Wäre eine vernünftige Wiedergeburt nicht was Feines? Würdest du heute gerne Politikerin sein und einigen ein wenig den Marsch blasen?


MA: Ma chère, blasen ist nicht so meine Sache. Und diese Antwort könnt Ihr jetzt interpretieren wie Ihr möchtet. Nein, keine Wiedergeburt mehr, nicht für mich! Das hier ist doch viel lustiger! Ich bin noch immer Tochter meiner Eltern, das ist ganz wunderbar! Und damit das für sie nicht so seltsam ist, habe ich mich in der geistigen Welt für ein Alter von ungefähr 20 entschieden. Das ist fantastisch! Ich werde noch immer von meiner Mutter gehätschelt und verwöhnt, und dafür nehme ich die Anpfiffe, die sie mir ab und an verpasst, gerne in Kauf! Politikerin, ich? Meine Liebe, ich bin eine Prinzessin. Und warum? Weil ich eigentlich ziemlich faul bin. Königin, das ist ein Job für jemanden wie meine Mutter. Die hatte die Energie dazu und den Willen. Denn im Gegensatz zu euren Annahmen ist Königin ein ziemlich harter Beruf. Und heutzutage? Ach bitte, nur nachzuplappern, was irgend eine Lobby von mir wünscht? Das gefällt mir gar nicht. Ich sage viel zu gern meine eigene Meinung! Ich gebe zu, manchen würde ich diese allerdings gerne ins Gesicht schleudern. Mal schauen, vielleicht erscheine ich einigen im Schlaf erschrecke sie ganz fürchterlich! Oh, den Satz sagt mein Vater immer.


Lorai: Ach, da würde mich doch glatt noch interessieren, wer tummelt sich denn noch so in der geistigen Welt, der nicht verschwinden will? Gut, ich gebe es zu, mein Interesse gilt David Bowie und Elvis.


MA: Oh, bitte, wer sind denn die zwei? Begegnet sind sie mir noch nicht. Aber vielleicht bereiten sie sich auch gerade auf eine Wiedergeburt vor, mit solchen Menschen treffe ich nicht zusammen. Ich wollte jetzt glatt meine Autorin fragen, die sah mich verständnislos an und sagte: wer sind die denn? Irritierend war, dass mein Vater das wusste. Nun gut, aber er wusste schon immer alles. Auch wenn er nur die Hälfte von dem gesagt hat, was er wusste. Oder ein Zehntel. Musiker, das habe ich jetzt verstanden. Und nicht vor 1900 verstorben. Meine Liebe, nehmt es mir nicht übel, aber diese Musik klingt für mich wie Katzenjammer. Oder Schlimmeres. In jedem Fall wie Folter. Und ich bekomme körperliche Schmerzen. Freundlicherweise mutet meine Autoren mir so etwas nicht zu. Das sind wir alle noch ein wenig altmodisch. Meine Autorin suchte kürzlich in YouTube nach einer sogenannten Playlist, bekam Clérambeault präsentiert und sagte: Oh? Was ist denn das für ein moderner Unfug.


Lorai: Unsere Zeit kennt ja das Internet und die Geräte dazu. Wenn du das damals schon gehabt hättest, was hätte sich in deinem Leben geändert? Und wäre die Montespan ein Internet-Troll gewesen?


MA: Oh, ich liebe Euer Internet! Am liebsten mag ich, dass man sich Bücher bestellen kann, und, das sage ich wieder unter uns, Süßigkeiten. Süßigkeiten in Hülle und Fülle! Was hätte sich in meinem Leben geändert, gute Frage! Ich hätte sicherlich einen Blog eröffnet - und über all die Dinge berichtet, die ich angestellt habe, aber man als Prinzessin nicht tut. Eigentlich. Und wahrscheinlich hätte mein Vater innerhalb von 30 Sekunden herausgefunden, wie dieser Blog heißt und hätte irgendwelche Sicherheits-Vorkehrungen getroffen. Und ich hätte ganz unbedingt einen YouTube Kanal! Ich rede ja gerne und viel und lang, ich frage mich übrigens auch, wie ich das wieder herhabe, auf YouTube widerspricht mir wenigstens niemand. Die Montespan? Der hätte ich einen Flashmob um die Ohren gehauen, der sich gewaschen hätte! Mit mir legt man sich nicht an. Das müsste sie irgendwann auch verstehen. Und Troll? Nun ja, optisch kommt das hin. Ich weiß, Ihr glaubt in Eurer Welt immer, wir sollen rein geistig. Was für ein Unsinn. Und glaubt mir, auch wenn ich vollständig voller Liebe und Güte sein sollte, diese Frau stellt meine Geduld auf eine harte Probe. Dabei ist sie längst bestraft genug. Von Hass lebt sich nicht gut, eher von der Liebe.


Lorai: Oder anders gefragt, was würde dir an der heutigen Zeit gefallen und was nicht?


MA: es ist zu laut bei euch. Viel zu laut. Dieser ganze Lärm und Krach die ganze Zeit, das kann einen wahnsinnig machen. Nun gut, ein Großteil der Menschheit ist ja wahnsinnig. Und ihr habt alle keine Zeit. Ihr könnt in 3 Stunden 300 km fahren, und trotzdem habt ihr keine Zeit. Die Wäsche kommt aus der Maschine, ein Bügeleisen wiegt ein Bruchteil von dem was die unseren gewogen haben, und trotzdem habt ihr keine Zeit. Und dank dieser mobilen Geräte hat jeder seine 10 Minuten der Berühmtheit und hält sich für exorbitant wichtig. Dabei sind wir alle nur Sandkörner im großen Betriebe der Zeit. Manche lassen etwas zurück, und andere nicht. Und was ich liebe? Autofahren! Meine liebe Autorin hier missachtet ja gerne einmal sogenannte Geschwindigkeitsbegrenzungen. Und in Frankreich ist das offensichtlich recht teuer. Sie sagt immer: wenn der französische Staat pleite geht, ich habe meinen Teil dagegen getan. Aber ich liebe es!
Bitte verzeiht mir die Wiederholung. Kuchen und Schokolade. Entschuldigung, ich muss zum Kühlschrank. Sagt bitte Madame Bourbon, ich werde mich bemühen, mich daran zu erinnern, diesen auch wieder zu schließen.


Lorai: Ich gehe mal in die Vergangenheit zurück. Hast du deine Eltern oft gesehen, oder waren sie eher eine Randerscheinung in deinem Leben?


MA: Ma chère, sie waren selbstverständlich keine Randerscheinung. Ganz im Gegenteil. Meine Mutter war sogar so eigenwillig, dass sie uns selbst an die Brust genommen hat, weil sie es keiner anderen überlassen wollte. Insbesondere ich wollte wohl direkt nach der Geburt dorthin. An ihre Brust, meine ich. Nun ja, ganz der Papa.
Und sie musste dabei einige Kämpfe durchstehen. Dass die vermeintlichen Kinder von diesem Troll, Ihr wisst, wen ich meine, von einer Amme versorgt worden sind, war für sie eine Katastrophe. Oft genug hat man ihr die kleinen gebracht, heimlich, dass sie sie zumindest zeitweilig selbst nähren konnte. Und mein Vater war nicht einfach nur der König, sondern tatsächlich mein Vater. Insbesondere, als meine Eltern verheiratet waren, haben sie großen Wert auf ein so genanntes Privat-Leben gelebt. Und zwar mit uns. In den geheimen Bereichen von Versailles hatten sie so etwas wie eine kleine Wohnung. Sogar inklusive Küche, mein Vater konnte durch eine Zahnoperation nichts Festes mehr zu sich nehmen, und weil man ihm den Gaumen durchstoßen hat, trat einiges von dem, was er aß oder trank zur Nase wieder heraus. Für ihn war das schrecklich. Und all die Dinge, die er noch gerade so essen konnte, aber öffentlich nicht mehr essen wollte, er speiste ja leider öffentlich, das Protokoll wollte das so, hat meine Mutter dann abends zubereitet. Vor ihr hat er sich nicht geschämt.


Lorai: Nehmen wir mal an, du könntest geistig in die Vergangenheit reisen und du wärst handlungsfähig. Würdest du dich rächen? Und wenn ja an wem? Und natürlich vor allem wie? Mir persönlich gefällt köpfen. Wie siehst du das?


MA: ma chère, köpfen ist doch eine Sauerei. Ich fürchte, da würden heutige Putzkolonnen in den Streik treten. Es spritzt ja immer gleich so außerordentlich! Und wenn der Henker seine Arbeit nicht versteht, ist das eher ein Gemetzel. Abgesehen davon, ist für einige der Tod etwas zu schnell. Welche Strafe könnte
größer sein, als das Unglück der eigenen Existenz zu bedauern? Ich glaube, der Troll weiß ganz genau, was ich damit meine. Und meine geehrte Tante, die Liebe Liselotte, ganz sicherlich auch. Rächen? Nicht nötig. Das Buch meiner Autorin beziehungsweise die Bücher sind doch schon ganz nützlich. Ich sitze lieber hier und schaue zu, wie die Antagonisten sich winden.
Meine Eltern haben einander wiedergefunden, es ist eine Liebe für die Ewigkeit. So etwas werden die hier genannten Damen nie kennen.


Lorai: Wenn du heute leben würdest, mit der freien Partnerwahl, wen würdest du dir aussuchen?


MA: meine Liebe, die Damen träumen immer von Prinzen. Ich träume natürlich von einer Prinzessin. Und natürlich von einer seriösen. Von diesem Varieté Feder Kram wollen wir ja nicht unbedingt anfangen. Und wer hat mich da wieder herausgeholt? Meine Mutter. Wie immer.


Lorai: Wenn du ein Buch schreiben könntest, was wäre das Thema? Und… welche Geheimnisse gäbe es da?


MA: Ich, ein Buch, ich fürchte, es wäre ein Fantasy Roman, zumindest glaubt meine Mutter das. Aber ich weiß, dass meine Autorin den Plan hegt, mir ein eigenes Buch zu spendieren. Ich muss sagen, das gefällt mir unglaublich gut! Geheimnisse, nun, wir wollen ja nicht vorgreifen. Nun gut, Euch zuliebe ein kleines. Meine Mutter hat noch eine Tochter, die als in jungen Jahren verstorben gilt. Nein, verstorben ist sie nicht. Der Troll hat sie entführt. Ich habe sie in meinem späteren Lebensjahren ausfindig gemacht.


Lorai: Du bist mit 72 Jahren gestorben. Wie war das und wer war dabei?


MA: War ich 72, tatsächlich? Ich glaube, es war ein Jahr mehr. Ja. Wie war das. Ich muss gestehen, das fällt mir etwas schwer. Ich bin bis heute noch der Meinung, dass mein Tod kein natürlicher war. Ich hatte Pläne mit den Unterlagen meiner Eltern, wisst Ihr, und ich hatte noch eine größere Reise vor. Ich glaube, das hat jemanden gestört. Ich glaube, man behauptet heutzutage, ich sei an einem Tumor verstorben. Ja, wenn Gifte so etwas auslösen können, dann ist das vielleicht möglich. Und bitte verzeiht, es waren zwei Personen bei mir, aber über diese darf ich noch nicht berichten. Aber als es soweit war, haben meine Eltern mich in Empfang genommen. Und das war wundervoll.


Lorai: Was ist für dich das Wichtigste, das du über deine Mutter Louise de Bourbon sagen möchtest?


MA: Dass sie eine wundervolle und ganz besondere Frau ist, mit unglaublichem Mut und unglaublicher Stärke, die ihrer Zeit weit voraus war und ihrer Aufgabe voll umfänglich gerecht geworden ist, ohne an ihre eigenen Befindlichkeiten zu denken. Dass ich keine andere als Mutter haben möchte als sie. Sie ist so voller Liebe und Warmherzigkeit, ach, jetzt muss ich ein wenig weinen. Aber ich wäre dankbar, wenn Ihr ihr ihren Titel geben könntet. Sie hat lange genug darauf verzichten müssen. Und sie ist eine große Königin.


Lorai: Und was ist das Wichtigste, was du über deinen Vater Louis XIV sagen möchtest?


MA: Dass er ein wunderbarer Ehemann und Vater ist. Und ein großer König. Und dass dieser Historiker, der behauptet hat, er sei humorlos, ganz offensichtlich, verzeiht mir die moderne Aussage, etwas geraucht hat. Etwas falsches. Und dass mon père nicht immer sagen soll, ich hätte das von meiner Mutter, wenn ich wieder irgendetwas mache, was ihm nicht gefällt. 😂 und an meine beiden Eltern: dass ich sie sehr liebe.


Lorai: Dann das Ganze noch etwas allgemeiner. Gibt es etwas, dass du uns unbedingt mitteilen möchtest? Etwas, das die Welt noch nicht weiss?


MA: Da möchte ich eigentlich gerne meiner Autorin etwas sagen. Sie soll durchhalten. Es gibt immer Sturm, es gibt auch manchen Widerspruch, aber letztendlich bahnt sich die Wahrheit immer ihren Weg. Sie soll weitermachen und sich bloß nicht aufhalten lassen. Auch nicht von nervtötenden Antagonisten. Ich glaube, um die werde ich mich demnächst kümmern. Oh, die Welt weiß einiges noch nicht. Da gibt es noch den angeblich verschollenen jüngsten Sohn meiner Eltern, beispielsweise, da hätte ich viel dazu zu sagen. Oder zu den Kindern meines um ein Jahr jüngeren Bruders, von denen auch niemand weiß.
Aber da muss ich mich leider im Augenblick noch etwas zurückhalten. Madame hier muss ja noch ein bisschen was zu schreiben haben.
Aber wir können das gerne erst einmal unter uns besprechen.


Lorai: Wie du vielleicht weisst, spielst du eine Rolle in ein paar schmuddeligen Vampirgeschichten. Ich sag jetzt nicht, von wem das Zeug stammt. Wie gefällt es dir, dass du da einen Fischschwanz hast und Katzen anbeisst?


MA: Oh, Das ist fantastisch! Ich liebe diese Geschichten! Ich fühle mich nur etwas merkwürdig, weil ich so wenig Geschwister habe. Aber dieser wandelbare Fischschwanz, das ist fantastisch! Ich glaube, ich hätte mich als Meerjungfrau durchaus hübsch gemacht. Ich sehe mich schon auf einem Felsen liegen und Seeleute in die Irre führen! Und ich danke sehr, dass ich mein e wieder bekommen habe. Ohne dieses habe ich mich doch ein wenig verloren gefühlt.
Und wenn ich zu meinen Lebzeiten schon hätte Katzen anbeißen können, dann hätte mein Vater mir wahrscheinlich einen weiteren Job gegeben! Und so schmuddelig finde ich die Geschichten eigentlich gar nicht. Dieses Märchen ist durchaus noch etwas abstruser - wobei ich da sagen muss, dass ich da insbesondere meine Mutter gut getroffen finde. Himmel, die wäre ausgerastet!


Lorai: Welche deiner Verwandten fandest du am merkwürdigsten und warum? Und bitte nur üble Sachen erwähnen. Wäre einer geeignet für eine Gruselstory?


MA: natürlich, nur merkwürdige Dinge! Ich kenne doch Euren Geschmack! Nun, merkwürdig, mein Onkel. Philippe. Ich glaube, als Frau wäre er ein Erfolg bei den Männern gewesen. Nun gut, Erfolg bei den Männern hatte er auch als Mann. Aber wahrscheinlich eher wegen seines Titels. In jedem Fall war er bei den meisten Maskenbällen fast die schönste Frau am Hofe. Gut, ich sage, wenn ich mit einem solchen, Pardon, Dreckschrubber wie meiner Tante Liselotte verheiratet gewesen wäre, hätte ich mir auch einen Rosenkranz um das Gemächt gewickelt. Oh. Das habe ich mir nicht ausgedacht! Bevor er aus den klassischen Gründen in das Bett seiner Frau musste, hat er das wohl getan. Und zum Glück nicht mit mir verwandt, aber dennoch immer zugegen, diese Mainte-Non-Non-Non. Also, ich weiß wirklich nicht, ob der Film-Titel: die Exorzistin nicht vielleicht sogar noch untertrieben gewesen wäre. Himmel, die war wirklich gruselig! Ich glaube, wenn sie auf eine Zitrone gebissen hätte, hätte das ihre Gesichtszüge noch aufgelockert. Auch sie hat mich übrigens gerne gesagt, ich sei das Ergebnis einer Sünde. Was für ein Glück! So kann ich zumindest hoffen, ich habe meinen Eltern Spaß gemacht.


Lorai: Was sagst du zu unserer sexuellen Freizügigkeit. Ich muss das fragen, denn bei deinem Vater und deiner Mutter habe ich mich nicht so getraut. Zu königlich, du verstehst?


MA: Oups 😂😂😂 jetzt unter uns, meine Liebe, meint Ihr ernsthaft, die hätte es zu unserer Zeit nicht gegeben? Man hat nur nicht, wie zu euren Zeiten üblich, gleich einen Facebook Beitrag daraus gemacht. Oder man könnte auch sagen: das Beieinanderliegen war so normal, dass man es nicht der Öffentlichkeit mitteilen musste. Ihr wisst ja, viele Eheschließungen waren politisch motiviert. Auch die des Adels selbstverständlich. Und wenn man sich dann doch verliebt hat, kam es natürlich, sagen wir, zu Entgleisungen. Mein Vater hat das nicht gerne gesehen, und meine Eltern gelten ja nahezu als langweilig. Ich darf offen mit Euch sein, nicht wahr? Die beiden hatten ihre, sagen wir, amourösen Anfälle nicht gerade selten, aber eben immer nur miteinander. Als dann mein unsäglicher Cousin, der Regent, meinen Bruder hat einsperren lassen und sich selbst eben zum Regenten aufgeschwungen hat, war der Hof fast schon Sodom und Gomorrha. Und der Nachfolger meines Vaters, nun ja, schaut im Internet nach Hirschpark. Der große Unterschied lag insbesondere darin, dass wir die Türen geschlossen und über die Vorgänge in den Schlafzimmern geschwiegen haben. Und wie sehr würde ich mir wünschen, Ihr würdet das doch bitte meine Eltern fragen! Mein Vater würde wahrscheinlich irgendetwas von gemeinsamen Decken erzählen, meine Mutter würde ihn mit dem Fächer schlagen, und sie selbst würde irgendetwas von ihren Katholizismus erzählen. Ich erzähle, dass sie den an der Schlafzimmertür mit Vorliebe vergessen hat. Und jetzt bete ich, dass sie das nicht liest.


Lorai: Liebe Marie Anne, ich danke dir ganz herzlich für das Interview. Es hat mich sehr gefreut. Sobald ich nicht mehr arbeiten muss, dann treffen wir uns inkognito und dann unterhalten wir uns über die Geheimnisse, die niemand wissen soll. Bis nachher!!


MA: Das, ma Chère, kommt mir sehr entgegen! Davon hätte ich noch einige zu bieten!

 

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