Mini - Diebe haben es auch nicht leicht!

Ich hatte mein Mittagessen in der Kantine schon fast beendet als er endlich kam und sich mir gegenüber hinsetzte. Heini, das gefrässige Frettchen aus meiner Abteilung. Natürlich grinste er mich unverschämt an und machte dabei mit seinen kleinen Schweinsaugen den Hundeblick, so als könnte er kein Wässerchen trüben.

 

Munter plapperte er drauf los und erzählte mir seinen Ausgangserfolg vom Vorabend. Der hiess Erika. Ich lächelte ihn freundlich an und hörte geduldig zu. Nicht dass mich sein neuestes Spielzeug interessiert hätte. Aber er sollte nicht merken, woran ich tatsächlich dachte. Dabei betrachtete ich seine langen Finger, die regelmässig in meiner Schreibtisch Schublade waren. Besser gesagt, in meiner Schokoladenecke. Deshalb war er ja auch heute wieder später zum Essen gekommen. Er hatte sie geklaut und sie zur Vorspeise erkoren. Das machte er schon länger und nicht nur bei mir. Heute hatte er eine Tafel gemopst, die in jedem einzelnen Täfelchen eine Birnenfüllung aus Gelee beherbergte. Mein absolutes Lieblingsteil. Ich ärgerte mich schon lange über den Heini, der sich auch noch so nannte. Bis heute.

 

Mit unschuldigem Gesicht heuchelte ich weiter Interesse an seinen verbalen Darbietungen, die inzwischen etwas schlüpfrig waren. Erika schien ja ein kleines Schweinchen gewesen zu sein, falls sie denn auch wirklich existierte. Ich hatte da so meine Zweifel. Er sah nicht schlecht aus, aber er sollte definitiv den Mund nicht aufmachen. Aber ich liess ihn diesmal einfach reden. Das irritierte den Herrn dann mit der Zeit doch etwas, denn das war er von mir nicht gewohnt. Eigentlich von niemandem, denn keiner hörte dem Eigentumsverächter lange zu. Langsam unsicher, über so viel Aufmerksamkeit, kam Heini ins Stottern und wusste nicht mehr, was er noch erzählen sollte. Zu Erika hatte er nämlich nicht mehr viel zu erzählen. Auf meine Nachfrage, wusste er nicht einmal genau, wie sie ausgesehen hatte. Na ja, die Nacht war wohl sehr dunkel gewesen. Heini beugte seinen Kopf tief über sein Dessert und startete ein wohltuendes Schweigen. Ich nervte ihn mit meiner Fragerei.

 

Grinsend starrte ich auf seinen lichten Schopf und fing an, von meiner Schoggi zu reden und dass sie dauernd einer klaute. Erschrocken setzte er sich gerade hin und fing sofort wieder mit Erika an. Diesmal kamen erstaunlicherweise Details, die er vorher vergessen hatte. Mich beeindruckte das weniger und ich machte genüsslich mit meinem Schoggi Thema weiter. Das verwirrte den guten Mann zusehends und es war deutlich, dass er keine Ahnung hatte, wie er aus dieser Nummer wieder rauskommen sollte. Ich fand das toll und torpedierte ihn weiter mit Fragen nach dem dreisten Langfinger. Wie erwartet, fing er sich nach einigen Minuten und servierte mir eine verblödete Geschichte nach der anderen. Vom Hauswart bis zum Chef waren für ihn alle verdächtig. Da ich ihm weiter aufmerksam zuhörte, bekam er immer mehr Spass an seinen nicht sehr talentierten Geschichten und machte weiter, bis er endlich beim Postboten angekommen war. Ich zeigte ihm, wie ernst ich seine Argumente nahm und nickte gewichtig dazu. Seine Freude, mich erfolgreich hinters Licht geführt zu haben, war so gross, dass er für uns beide einen Kaffee holte. Gerne habe ich mich überschwänglich für die Einladung bedankt.

 

Bevor ich ging, erklärte ich ihm aber noch die Sache mit der Füllung. Vergnügt rieb ich ihm unter die Nase, dass der Dieb wohl keine grosse Freude an der Schoggi gehabt hätte. Als Heini erstaunt die Augen aufriss, malte ich ihm genüsslich aus, wie ich jedes einzelne Täfelchen aufgeschnitten, die Füllung ausgeleckt und die Stelle wieder geschlossen hatte. Auch dass ich danach die ganze Rückseite der Schokolade mit Spucke festgeklebte. Heini sass da, als wäre er gerade gegen eine Türe gedonnert. Was soll ich sagen, was meins ist wird angeleckt und seitdem hat in meiner Schublade nie wieder etwas gefehlt.