Vampire - Wiedergeboren

Louise zog die Beine des Mannes auseinander und drückte sich nach hinten um den Birkenstamm. Die Arme schob sie nach oben in die Zweige, damit die Innenseiten mit den Adern schön nach aussen schimmerten. Sie war zufrieden mit ihrem Werk. Auch dieser Junge hing nun am Baum wie Jesus am Kreuz. Mit ihrer Gedankenkraft konnte sie seinen Körper so manipulieren, dass der Franzose sich mit einem Muskelkrampf selber festhielt. Er war aus Burgund. Louise sah sich zufrieden auf der Waldlichtung um, die in einen kleinen See mündete. Dieser war malerisch mit Bäumen und Bergen umrahmt. Ein kleines abgeschiedenes Ressort, dass den Sterblichen unbekannt war. Louise hatte sich mit der Dekoration schon seit Tagen gequält. Es musste einfach perfekt sein. Die helle Lichtung war mit Birken umsäumt, an der jeweils ein teurer Blutspender hing. Es gab neben Burgundern auch welche aus dem Languedoc-Roussillon oder aus Bordeaux. Sogar ein Chardonnay hing an einem. Ein Albino, mit Augen wie Eis. Louise fand ihn besonders dekorativ, da sowas sehr selten war. Auf die alten Schweden hatte sie diesmal verzichtet. Sie waren mit ihren Falten und hängenden Bäuchen einfach nicht Augentauglich. Jedenfalls nicht heute. Rund um den Rand des Sees wuchsen blaue Blumen in die Höhe, die weit über zwei Meter hoch waren. Die Kelche bereits weit offen, gierten sie nach allem, was ihnen zu nahekam. Von der Lichtung führte ein breiter Holzsteg hinaus aufs Wasser. Links und rechts schwammen kleine ägyptische Barken, mit einer Schwangeren darauf. Merlinea hatte die Frauen so präpariert, dass sie durchsichtig waren. So sah jedermann gut die pulsierenden Adern und das sich bewegende Kind in der leckeren Fruchtblase. Am Ende des Stegs schwebte eine Plattform wie aus Glas, auf der der französische Thron stand. Louise kicherte leise. Der war ausgeborgt aus Versailles. Die hatten heute Feiertag und würden das nicht merken. Diese Hochzeit musste einfach perfekt werden. Sie hatten es verdient nach so vielen hundert Jahren. Aber jetzt musste Louise nach Hause. Es warteten noch zwei Leichen, die sie fachgerecht für das Fest präparieren musste.  


Kaum öffnete Louise die Türe ihres Hauses hörte sie den Krach auch schon. Er kam aus dem Kellergewölbe unter dem Haus. Sie stürzte hinunter und sah das Wasser im Pool in wilden roten Wellen um sich schlagen. Darin schwamm vergnügt Marie-Anne, die mit ihren kleinen Vampirhaien Katzen jagte. Die warf ihr Medea, das Kindermädchen, immer wieder jubelnd ins Wasser. Kaum hatte ihre Tochter eine angebissen, überliess sie den Rest den Fischen und eine neue Katze kam geflogen. Das Wasser war inzwischen nicht nur blutrot, sondern es schwammen überall Fellteile herum. Louise schmunzelte. Ihre Tochter war bereits sehr aktiv. Sie liebte das. Aber wo war Louis Junior? Der Kleine war inzwischen schon ein halbes Jahr alt und ein äusserst fröhliches Kind. Er hatte nicht den Fischschwanz geerbt, wie seine Schwester, dafür konnte er sich jetzt schon teleportieren. Und er hatte dauernd Hunger. Das zumindest hatte er mit seinem explodierten Cousin Karl Friedrich gemein. Louise hörte ein leises Schmatzen aus der Vorratskammer. Entsetzt stürzte sie in den Raum. Er durfte nicht an die Leichen. Aber genau da sass der Kleine rittlings auf dem toten Bauch des Mannes und leckte genüsslich die blutige Leistengegend ab. Dabei hielt er seinen Schnuller mit einem Händchen in die Luft, damit der nicht schmutzig wurde. Sein Babytuch hatte er allerdings vergessen. Er sass auf dem blutigen weissen Stoff, der sich immer mehr vollsaugte. Leicht angesäuert holte Louise ihren Sohn von der Leiche herunter und trug ihn wieder ins Kinderzimmer. Trotz seines lauten Protestes steckte sie ihn in den blauen Lichtbogenkäfig, den sie von Merlinea geschenkt bekommen hatte. Er war oval und schimmerte in allen Blautönen. Louise hatte keine Ahnung, wie Junior da rausgekommen war. Aber dafür hatte sie jetzt keine Zeit. Sie musste unbedingt zusehen, dass sie die kaputte Leiche reparieren konnte. Sie hatte schlicht keine Zeit mehr, eine Neue zu suchen. Und Louis war bereits vor Ort. 


In vollkommener Stille hatten sich alle Vampire um den See versammelt und schauten auf die Plattform. In einem Lufthauch erschien der Administrator, der nicht mehr John war, sondern seine Insignien trug. Als König Artus war er berechtigt, die Trauung vorzunehmen. Gleichzeitig fing das Seewasser an zu kräuseln und Katress und Ludwig II von Bayern erschienen. Sie waren als Trauzeugen geladen und blieben unter der Plattform im Wasser schwebend auf ihrem Meerjungfrauenschwanz stehen. Neben Katress erschien Prinzessin Marie-Anne de Bourbon. Louise drückte aufgeregt Louis Hand und sah zu, wie sich aus einem Luftwirbel die Geister von Königin Marie-Antoinette und Louis Auguste de Bourbon, Duc du Maine, an je eine Seite der Plattform begaben. Der Duc du Maine war der leibliche Sohn von Louis XIV und seiner Frau Louise. Die letzten Trauzeugen waren somit da. Da das Königspaar bei seiner zweiten Heirat Körper wollte, hatte Louise die Leichen besorgt. Schöne Tote wohlverstanden. Alle hielten den Atem an, als Merlinea die Hüllen auf den Thron setzte. Das ganze kleine Ressort war in blaues Licht getaucht, sodass sogar die Männer an den Bäumen bläulich schimmerten. Die durchsichtigen Schwangeren gaben mit den roten Adern ein wundervolles pulsierendes Bild ab. Dabei waren die schlagenden Babyherzen am köstlichsten. Plötzlich fing die Plattform an zu strahlen und wurde zu einer leuchtenden Sonnenscheibe, die ihre Kraft auf die Leichen übertrug. Diese wurden langsam rosa, begannen zu zittern und öffneten dann die Augen. Louise erkannte die Königin sofort. Die Tote hatte wunderschöne blaue Augen, aber eindeutig den Blick der Louise de la Vallière. Die Geister des Königspaares war in die Leichen geschlüpft und fingen an zu leben. Die Königin griff nach der Hand ihres Ehemannes und beide standen würdevoll auf, den Blick auf König Artus gerichtet. Gerade als Merlinea den Schutzwall um das Ressort endgültig schliessen wollte, fing es an, auf die Kuppel zu trommeln.  


Erstaunt sahen alle nach oben und erkannten die Mönchsschatten, die gegen die blaue Hülle schlugen und kleben blieben. Louise riss entsetzt die Augen auf, als eine dunkle Silhouette einfach durch die Sicherung hindurch glitt und vor dem Königspaar in der Luft schwebend, stehen blieb. Es war kein Mönch. Der Mann trug ein Kardinalsgewand, hob seinen Kopf und seine Hände gegen den Himmel und verfiel in einen rauschenden Singsang. Die Luft wurde schwarz und fast undurchdringlich. Keiner der Anwesenden konnte sich mehr bewegen. Auch König Louis und seine Frau waren auf ihren Thron zurückgesunken. Der König starrte die Gestalt wütend an, konnte aber nichts tun. Da erkannte der Vampir Louis ihn. Es war Giulio Raymondo Mazzarini, Jules Raymond Duc de Mayenne et de Mazarin, Comte de Ferette, Cardinal de Mazarin. Der Kardinal war da. König Louis Vater, der die Fäden gegen ihn und seine Frau gezogen hatte und die drei Furien Franny, Liesel und Vroni geschützt hatte. Der grösste und gefährlichste Gegner war hier, um sich seine Macht zu holen. Endgültig. Sein Singsang schien die Wände der Kuppel aufzulösen und die Schatten glitten einer nach dem anderen hindurch. Sie stellten sich hinter die Vampire und umringten das Königspaar. Der Kardinal war mit seiner Mönchsarmee erschienen, um sie alle zu töten und die Geister der Bourbonen endgültig in die Verbannung zu schicken.  


Louise schloss die Augen und hörte den Kardinal sprechen. Dunkel und leise, aber vernehmlich verlangte er von seinem Sohn die freiwillige Abgabe der Macht und den Tod der Königin. Nur so konnte er selber die Königswürde übernehmen. König Louis aber blieb stur und antwortete mit einem klaren nein. Der Kardinal verzog den Mund zu einem süffisanten Lächeln und bewegte die Hand. Vor dem König erschien das Bild eines Scheiterhaufens. Am Pfahl angebunden seine Mutter, Anne d’Autriche. Einer der Mönche schwebte sofort hin und hielt eine Fackel an das Stroh unter ihren Füssen. Sofort fing alles an zu brennen. Die Mutter des Königs schrie entsetzt auf und starrte angstvoll auf ihren Sohn. Doch König Louis XIV liess sich nicht erpressen und blieb bei seinem nein. Der Kardinal drehte sich wütend um und befahl seinen Geschöpfen, die Vampire zu töten. Dann wandte er sich seinem Sohn zu und zückte einen Dolch. Die beiden hatten Körper und waren in diesem Zustand leicht zu ermorden. Louise schloss die Augen, dachte an ihre Kinder und wartete auf den tödlichen Stoss. 


Der Kardinal holte aus, seine Mönche taten es ihm gleich und stiessen ins Leere. Die Vampire und das Königspaar waren verschwunden. Auch die Deko-Leichen waren nicht mehr da. Die ganze Illusion hatte sich auf einen Schlag aufgelöst. Blaue Blitze schlugen durch die Kuppel und trafen die Teufelsarmee, die durcheinander geschleudert wurden und durch die Luft flogen. Verzweifelt versuchten sie, durch die Kuppel zu entkommen, schlugen aber nur hart dagegen. Die Wucht des Aufpralls liess die Schatten in den See fallen. Sofort schossen die Blumen am Rand in die Höhe und legten sich über das Wasser, so dass die Mönche und der Kardinal darin gefangen blieben. Sie konnten so nicht sehen, dass Merlinea und Katress auf dem Holzsteg erschienen und ihre Hände über den See hielten. Langsam hoben sie ihre Arme an und das Wasser fing an zu leuchten. Zischend erhob sich eine gleissend helle Sonnenkugel aus dem Wasser und darin gefangen die Mönche und der Kardinal. Wie einst bei Franny, Liesel und Vroni wirbelte die Kugel die Meuchelmörder durch die Sonnenstrahlen, umgeben vom flimmernden Hochzeitsversprechen von König Louis XIV und Königin Louise. Der Kardinal und seine Armee lösten sich vor Merlineas und Katress Augen, im Licht und in der ewigen Liebe, in nichts auf.  


Feierlich traute König Artus König Louis und Königin Louise zum zweiten Mal. Sie standen alle in Versailles im Thronsaal und beobachteten andächtig die erneute Eheschliessung des Königs und der Königin von Frankreich. Das Hochzeitsgelübde trieb den anwesenden Vampiren die Tränen in die Augen. Dann wurde gefeiert bis in die Morgenstunden. Louise bekam Schnappatmung, als der König sie zu einem Tanz aufforderte. Es war sein Dank an sie, für ihre Mühe und Treue. Sie alle hatten an dieser Falle gebaut, denn es war klar, dass der Kardinal noch einen Angriff versuchen würde. Nun war er genauso und endgültig bis in alle Zeit und Ewigkeit tot, wie die drei Furien, die er befehligt hatte. Merlineas Illusion hatte ihn erfolgreich in die Irre geführt. Und der Geruch von echten Körpern, auch wenn die tot waren.  


Louise drehte sich verzückt mit dem König im Reigen der Musik. Er fand es zwar nicht unbedingt witzig, in einer Leiche zu stecken, aber es war ja nur für einen Abend. Davon abgesehen hörte er auf diese Weise den Ruf des Käuzchens, was seine Frau hinter ihrem Fächer erröten liess.  


Louis und Louise waren nach dieser erfolgreichen Nacht wieder zu Hause und standen Hand in Hand vor ihren schlafenden Kindern. Sie wussten nun, dass beide Kinder des Königs waren. Marie-Anne hatte sich von Anfang an entschieden, wiedergeboren zu werden. Und Louis Junior, der Duc du Main, hatte es ihr bald gleichgetan. Trotzdem konnten sie ihren Geist immer noch von ihrem Körper trennen. Louise platzte fast vor stolz, dass sie zwei Königskinder hatte. Sie würden ein gutes Leben bei ihnen haben die beiden. Die Vampire hatten somit wieder die Aufgabe, die Bourbonen zu beschützen. Und genau das würden sie auch tun. Bis ans Ende der Zeit. Leise gingen beide aus dem Zimmer. 


John, Merlinea und Katress hatten sich auf der Camelot eingefunden. Auch König Ludwig II von Bayern war anwesend. Da die Königsfamilie im einen oder anderen körperlichen Zustand wieder unter ihnen weilte, mussten die Aufgaben neu besprochen werden. Die Bourbonen waren wieder da. Die Gegner würden deshalb nicht lange auf sich warten lassen. Und mit dem Geist von Anne d’Autriche hatten sie eine neue Verbündete gefunden, die nun ebenfalls wieder in Freiheit war. John seufzte, das würde eine Weile dauern, die Regeln des Netzwerkes den neuen Gegebenheiten anzupassen.