Vampire - Schattenspiele

Louise stand am vergitterten Fenster des Museums und starrte gedankenverloren in das dunkle und stürmische Wetter hinaus. Normalerweise liebte sie diese Stimmung. Seit ein paar Monaten war das nicht mehr so. Die grauen Farben des Himmels wurden immer wieder unterbrochen durch die Schatten. Schwarz und schnell wirbelten sie umher und zogen hunderte von dünnen Spinnenfäden hinter sich durch die Luft. Sie zielten und stürzten dann Kopfüber in hohem Tempo hinunter. Jeder Schatten suchte ein Opfer. Menschen. Sie stülpten sich über sie und wickelten ihr Fangarme so fest um deren Körper, bis sie im Fleisch verschwanden. Die Leute bemerkten das nicht. Es schien ihnen kurz etwas schwindlig zu werden, dann war es vorbei. Aber sie hatten sich damit eine lebenslange Müdigkeit eingefangen, denn die Schwarzen ernährten sich von ihrer Energie. Oder besser gesagt, die Mönche des Todes. Es war die totale Invasion. Das machte Louise wütend. Solche Menschen waren für die Vampire verdorbene Nahrung. Sie hatte es versucht, aber das Blut schmeckte wie Katzenpisse. Einfach unerträglich. Immerhin hängten sie sich nicht an die Vampire. Ansonsten blieben sie ein Rätsel. 


Entschlossen drehte Louise sich um und suchte Medea Deloray, ihr neues Kindermädchen. Sie war mit Marie Ann bereits ein paar Käfige weiter. Louise hörte sie schon schimpfen, bevor sie in Sichtweite der beiden war. Nahe an der magischen Wand ging sie hinter den Gittern durch und sah auch schon das Malheur. Marie Ann hockte zufrieden am Boden und klatschte mit ihrem rosa Fischschwänzchen begeistert auf die Glasplatten. Dabei leckte sie sich genüsslich alle zehn blutigen Fingerchen. Louise seufzte. Sie hatte sich schon wieder vor dem Essen einen Snack genehmigt und hatte sich den Appetit verdorben. Medea war gerade damit beschäftigt, die dünne Blutspur, die von dem Kind weg auf die magische Wand zulief und durch sie hindurch, aufzulösen. Louise war begeistert. Das Kindermädchen war sich auch zum Putzen nicht zu schade. Sie schaute der Spur nach, die auf die andere Seite zu einem menschlichen Kleinkind führte, das inzwischen wie eine verschrumpelte Pflaume in seinem Kinderwagen hing. Marie Ann hatte ihm gehörig Blut abgezogen. Noch fünf Minuten schätzte Louise und dann wäre das Kind vollkommen getrocknet gewesen. Dann entdeckte die Mutter ihr brötchentrockenes Kind und bekam einen Schreikrampf. Louise drehte sich um und packte entschlossen ihre Entourage zusammen und schimpfte noch ein wenig mit ihrer Tochter. Auch wenn sie insgeheim fast vor Stolz platzte. Ihre Kleine war der einzige Vampir, der Blut durch die Luft abziehen konnte. Was für ein Talent. Aber schliesslich waren sie zum Einkaufen hier und Marie Ann musste die Regeln lernen.  


Die Vampirläden waren gut verteilt, weil jedes Museum dieser Welt, mit einem für Menschen unsichtbaren Teil versehen war. Dieser hier war besonders gut, denn es war ein Bioladen. Darauf legte Louise wert. Schliesslich musste Marie Ann und Louis Junior richtig ernährt werden. Der machte sich auch schon wieder auf ihrer Blase bemerkbar. Überhaupt wurde es langsam anstrengend. Louise war im neunten Monat und der Kleine biss ihr dauernd in die Bauchwand. Es wurde wirklich Zeit, dass er rauskam und wen anders beissen konnte. Louise marschierte mit Medea und Marie Ann zielstrebig zu den Schwedenkäfigen. Da wartete auch schon Louis, der sich genüsslich vom Verkäufer die Blutsorten kredenzen liess. Neuerdings hatte er eine Vorliebe für junge blonde Schweden. Vergnügt begrüsste er seine Familie und drohte Marie Ann scherzhaft mit dem Finger, weil sie ihr Schwänzchen nicht umgewandelt hatte. Die Kleine strahlte ihren Papa an und schwupps war das Schwänzchen weg und zwei kleine dicke Beinchen da. Louise grummelte etwas vor sich hin, weil sie ihr nie so gehorchte. Sie war eben ein Papakind.

 

Sie schaute auf die Käfige. Vor ihr an der Wand eingelassen, sassen ca. zwanzig ausgewählte Schweden drin. Jeder in einer anderen Altersklasse. Louis mochte lieber Männer, weil deren Blut den herberen Geschmack hatte. Er reichte seiner Frau ein Glas mit dem Blut eines Greises und studierte wieder das Regal. Louise fand das Blut köstlich. Ein Waldarbeiter, der nie Fastfood gegessen hatte. Man konnte richtig die Kräuter rausschmecken, die der Mann im Wald gesammelt hatte. Allerdings war es etwas laut hier. Die Gefangenen schrien und stampften und wollten sich einfach nicht beruhigen. Aber für Bio durften sie nun mal nicht betäubt sein, sonst wären sie unter dem Etikett industriell gelaufen. Also London, Paris, Hong Kong oder New York. Massenproduktion eben. Louise nippte genüsslich an ihrem Saft, als Louis Junior anfing, sie zu treten wie ein Verrückter. Louis konnte ihr gerade noch das Glas abnehmen und sie stützen.  Dann schleuderte sie eine Eislawine in eine dunkle Spirale. Louise konnte gerade noch nach seiner Hand greifen, dann verlor sie das Bewusstsein. 


Es war immer noch kalt. Louise wachte langsam und mit hämmerndem Kopf auf. Sie lag auf einem Steinboden, direkt neben Louis, der vernehmlich stöhnte. Ein Tritt des Sohnes auf ihre Blase weckte sie endgültig. Sie krümmte sich vor Schmerzen und taste nach Louis, der sich zitternd aufrichtete und nach Marie Ann griff, die auf seinem Bauch lag. Als beide sassen und in den riesigen Raum blicken konnten, lief ihnen ein Schauer durch den Körper. Louise griff nach der Hand ihres Mannes. Sie waren im Verlies von Versailles. An dem Ort, wo Karl Friedrich seine Mutter Franny zerfleischt hatte. Nur waren sie diesmal nicht Zuschauer, sondern waren in der Arena der Opfer. Leise und metallisch knirschend öffneten sich beide Türen am jeweiligen Ende des Raumes. Louise schaute erschrocken auf die Rechte Öffnung. Ein Schatten floss geschmeidig hindurch und schlängelte sich hinauf zur Decke. Gleichzeitig kamen aus der anderen Türe zwei weitere Schatten, die genauso flüssig nach oben zum Ersten schwebten. Louise war sicher, dass sie ein ganz leises Kichern hören konnte. Die drei blieben eine Weile an der hohen Gewölbedecke hängen und liessen sich dann langsam und völlig geräuschlos auf den Boden hinunter. Dabei wurden sie immer länger und breiter. Auf dem Jahrhunderte alten Steinboden angekommen, hatten sie die Form von Menschen. Louise erkannte die Gewänder. Es waren Frauen. Eine dunkle Ahnung überkam sie, noch bevor die Gesichter sichtbar wurden. Dann begann ein Licht in den Frauen zu leuchten, dass vom Bauch nach oben wanderte und schliesslich die Gesichter enthüllte. Louise gefror das Blut in den Adern. Vor ihnen standen Franny, Liesel und Vroni. Nun wusste Louise auch, wie sie dem Tod entkommen waren. Sie hatten sich mit dem dunklen Lord verbunden und das absolut verboten getan. Dessen schwarze Magie hatte alle die Wesen erschaffen. Die Untoten Frauen und die Schatten auf der Erde. Der erste Angriff war also auch kein Zufall gewesen. Genau so wenig, wie ihre Anwesenheit auf dem Planeten. 


Die drei Todesfurien sprachen nicht, sondern sie kamen einfach langsam schwebend und sehr genüsslich auf die Familie am Boden zu. Das war auch nicht nötig. Alle wussten, dass die drei Verräterinnen hier waren, um sie zu töten. Sie und ihren Mann, die immer treu das französische Königshaus beschützt hatten und dem Hause Bourbon treu ergeben waren. Diese Piranhas wollten endlich siegen und ihren Bannspruch gegen die Bourbonen für immer und in alle Ewigkeit einbrennen. Dazu mussten sie die letzten Widersacher vernichten. Louise, Louis und ihre Nachkommenschaft. Sie hatten ihre Rache lange geplant. Die drei Todesengel standen nun dicht vor der Familie und liessen einen Singsang auf die Opfer niederprasseln, der diese zur Unbeweglichkeit erstarren liess. Immer noch singend, schwebten sie wie ein Lufthauch wieder nach oben. Louise konnte den Kopf nicht drehen, aber sie hörte abermals das metallische Geräusch. Dann kamen sie durch die Türen. Geifernd, lauernd und mit blutig tränenden Augen. Es war die Herde mutierter Vampire. Die Schweizer Ableger, die eigentlich eingekerkert sein sollten. Die Bestien kreisten ihre Opfer ein und bewegten sich langsam auf sie zu. Louise konnte den Hunger dieser Viecher fast körperlich spüren. Sie fühlte Louis Herzschlag. Sie würde nicht alleine sterben. Die verzerrten Gesichter der stinkenden Gestalten waren schon so nahe, dass die Familie deren fauligen Atem riechen konnte. Louise hörte ein letztes Gekicher der teuflischen Weiber, dann setzten die Monster zum Sprung an. 


Das Licht blendete Louise in den Augen und schmerzte. Dann hörte sie dieses Klatschen wieder. Sie versuchte sich aufzusetzen, was ihr wegen ihres grossen Bauches aber misslang. Dann griffen Hände nach ihr und sie geriet in Panik, bis sie Louis beruhigende Stimme hörte. Er hielt sie in seinen Armen und stützte ihr den Rücken. Sie klammerte sich an ihn und versuchte, ihre Augen an das Licht zu gewöhnen. Sie öffnete sie ganz, und starrte ungläubig direkt in eine Sonne. Sie stand mitten im riesigen Raum und beleuchtete den Tisch unter ihr, der von Gestalten mit Schwertern gesäumt war.  Louise erkannte die Camelot. Der Administrator stand da und hob stumm sein Schwert und zeigte auf die Sonne. Die anderen taten es ihm gleich. Alle waren in alte Rüstungen und Gewänder gekleidet und ein blauer Lichtbogen umspielte ihre Körper. Louis erkannte die Tafelrunde und Artus, der sie mit Excalibur anführte. Die Szene war so unwirklich, dass er seine Gedanken nicht sofort an seine Frau übermittelte. Aber Louise hatte es ebenfalls gesehen. Mit staunen bemerkte sie, dass sowohl Merlinea, wie auch Katress und Medea zu den Rittern gehörten. Die anderen waren ihr unbekannt. Die Schwerter der Tafelrunde trafen von allen Seiten auf die Sonne, sodass diese anfing zu rotieren. Die goldene Farbe wich einer durchsichtigen Schicht, in der drei Schatten gefangen waren. Louise erstarrte. Das waren Franny, Liesel und Vroni die tobend gegen die Schicht schlugen. Aber die Kugel gab nicht nach, sondern liess Buchstaben und Sätze erscheinen, die immer wieder zwischen den wilden Furien aufleuchteten. Es dauerte eine Weile, bis Louise begriff, dass sie den Treueschwur von König Louis XIV und Königin Louise las. Da er aus purer Liebe bestand, konnten die Furien ihn nicht überwinden.  


Vroni und Liesel wurden bald müder. Nur Franny wollte sich nicht geschlagen geben. Sie schrie immer wieder den Bannspruch, den sie vor langer Zeit über das Haus Bourbon gesprochen hatte, laut hinaus. Louise fror innerlich bei diesen Worten. Sie wusste, dass es ihn gab, hatte ihn aber noch nie gehört. Franny geiferte und gab sich siegessicher, denn nur sie konnte ihn auflösen und nur der König und die Königin in menschlicher Gestalt, konnten die Auflösung einfordern. Sie war sicher, dass ihre Rache glücken würde. Die Tafelrunde stand weiter unbeirrt da und reagierte nicht auf das Gekeife. Franny wütete weiter und bemerkte den Schatten im Hintergrund nicht. Louise erkannte eine Frau in schwarzer Kleidung, die kurz die Arme hob und wieder verschwand. An derselben Stelle begann ein Licht zu glimmen, dass immer grösser wurde und zwei Menschen formte. Die Farben wurden immer klarer und die Personen erkennbar. Louise starrte auf die beiden, zerquetschte Louis Hand und bekam Schnappatmung.

 

Da standen leuchtend König Louis und Königin Louise. Franny sank bei dem Anblick auf den Boden der Kugel und starrte nun still auf die beiden. Liesel und Vroni versteckten sich hinter ihr. Dann grinste Franny verzerrt und stiess ein lautes Gelächter aus. Die beiden waren Geister und keine Menschen. Sie konnten den Bann so nicht rückgängig machen und ihre Rache verhindern. Die Frau in schwarz erschien wie ein Schemen wieder im Hintergrund und machte wieder eine kurze Bewegung mit den Händen. Der König drehte sich um und blickte Louis in die Augen. Die Königin tat dasselbe mit Louise. Die beiden Vampire standen mit Tränen in den Augen auf und gingen den beiden Lichtgestalten entgegen. Vor ihnen stehend, streckten sie die Hand aus und der König vereinigte sich mit dem Körper von Louis und die Königin mit dem von Louise. Dann fassten sich beide an der Hand und drehten sich zu Franny, Liesel und Vroni um. Laut und deutlich verlangten sie die Aufhebung des Bannspruches von allen dreien. Würden sie dem nicht Folge leisten, wären sie verdammt, für immer in der Sonne zu bleiben. Franny wich zurück, aber Königin Louise hob die Hand und liess die Sonne wieder golden werden. Darin floss die ganze liebe der Sonnenkönigin und umhüllte die drei Verräterinnen. Franny fing als erste an zu schreien, weil ihr diese Liebe die grössten Schmerzen bereitete. Liesel und Vroni stimmten bald mit ein, weil diese Qual auch für sie nicht auszuhalten war.  


Da das Böse mit Schwäche und Feigheit geschlagen ist, gaben alle drei bald auf. Sie streckten sich und sprachen die magischen Worte, wie vom Königspaar gefordert. Franny, Liesel und Vroni sprachen im Chor: «Wir nehmen unseren Bannspruch gemeinsam zurück, so als wäre er nie gesprochen worden. Wir lösen ihn auf für alle Ewigkeit und durch alle Zeiten. Nie wieder kann ein Bann über das Haus Bourbon gesprochen werden. Dies gilt für alle Bourbonen und deren Abkommen in allen Zeiten und bis ans Ende der Ewigkeit». Franny, Liesel und Vroni schauten dem König und der Königin ins Gesicht und flüsterten kraftlos: «Ihr seid frei, für immer und durch alle Zeiten und für alle Ewigkeiten». Das Königspaar akzeptierte die Aufhebung des Bannes mit einem Nicken. Die drei hofften, nun aus ihrem Käfig entkommen zu können. Aber die Tafelrunde von König Artus hielt weiterhin mit den Schwertern die Sonne am Rotieren, die immer kräftiger wurde. Franny, Liesel und Vroni dagegen wurden darin immer kleiner und lösten sich schliesslich ganz auf. Sie waren der Liebe nicht gewachsen und so verbrannen ihre schwarzen Seelen in ihr und lösten sich in der Liebe auf. 


Marie Ann klatschte wieder in die Hände und die Kugel verschwand ganz. Louise stand da und betrachtete erstaunt ihre Tochter. Was hatte das Mädchen noch für Talente? Plötzlich fuhr ihr ein stechender Schmerz durch den Unterleib und sie fiel in Louis Arme. Die Wehen kamen unvermittelt stark und heftig. Die Heilerin war sofort zur Stelle und half. Louise lag auf dem Boden und merkte, dass Louis Junior auf dem Weg war. Da perlte ein leises Lachen durch ihren Kopf und eine sanfte Stimme sagte ihr, dass sie beide das schon schaffen würden Es wäre ja nicht das erste Mal.  Allerdings müssten sie noch über Marie Ann und das e sprechen. Louise lächelte und entspannte sich. Sie würde ihr Kind mit ihrer Freundin der Königin gebären. Sie blicke Louis an und sah in die Augen des Königs. Dann gebar sie inmitten der Tafelrunde von König Artus auf der Camelot Louis Junior.