Vampire - Merlinea

Louise spazierte naserümpfend durch den grossen Garten. Es war Frühling und die Blumendüfte irritierten sie, weil sie die wichtigen Gerüche verdeckten. Deshalb hasste sie diese Jahreszeit. So wäre sie nicht einmal in der Lage, hinter dem nächsten Gebüsch einen Vampir zu entdecken. Das war äusserst lästig. Dazu war ihr Mann wieder im Amazonas Gebiet, um die letzten Angelegenheiten seines toten Bruders zu regeln. Das gefiel ihr noch weniger. Gestern war dann die E-Mail von John gekommen, mit diesem merkwürdigen Stellenangebot. Sie sollte ein grosses Altersheim leiten, dass von der Sozialfürsorge getragen wurde. Louise wollte aus ihrem Bestattungsinstitut eigentlich nicht weg. Aber die Zukunft sah dort auch nicht so rosig aus. Natürlich gab es immer mehr Todesfälle. Aber es wollten immer weniger kremiert werden und die Hinterbliebenen wünschten dauernd, die Toten zu sehen. Sie konnte denen ja nicht plattgesaugte Körper präsentieren, die aussahen wie gebügelt. Diese merkwürdige Entwicklung beraubte sie zusehends ihrer Nahrungsquelle. Wie sollten sie ohne Leichen unauffällig an Blut kommen?

 

Natürlich liess Louis immer wieder frische Menschen lebend aus Südamerika einfliegen, die sie dann gut gehängt, lange nutzen konnten. Diese Amazonas Indianer waren zwar gesund, aber etwas einseitig im Geschmack. Sie rochen immer leicht nach Bananen. Davon abgesehen liebte Louise die europäische Küche. Sie bevorzugte Franzosen oder Spanier. Bis auf die kleinen Vampirfledermäuse natürlich. Die konnte man als Fastfood mitnehmen und unterwegs gut ausquetschen. Sie waren sehr praktisch und passten in jede Handtasche. Das waren einige Gründe, weshalb sie das Jobangebot interessierte. Und wieder einmal umziehen konnte auch nicht schaden, da Karl Friedrich deutlich zu viele Kindermädchen gefressen hatte. Gott sei Dank war das noch nicht aufgefallen. Aber, man wusste ja nie. Louise war wirklich froh, dass seine Eingeweide jetzt als Gemälde an den Verlieswänden von Versailles klebten. Dieses Kind hatte ihr den letzten Nerv geraubt. Aber der wichtigste Grund überhaupt für ihr Interesse bewohnte gerade ihren Bauch. Louise war schwanger. Es war ein Mädchen, das hatte sie gleich gewusst. Louis ahnte es noch nicht, aber er würde ausser sich sein vor Freude.

 

Während Louise auf das grosse betonartige Gebäude zulief, stellte sie sich schmunzelnd vor, wie ihr Kleine hier herumtoben und ein wenig die Insassen anknabbern konnte. Da die meisten Angehörigen sowieso nichts mehr von ihren Alten wissen wollten, würde das hier nicht auffallen. Dazu waren die Infusionen und Spritzen natürlich ein Traum. Überall Löcher im Körper und alles war erklärbar. Louise seufzte. Ja, es wäre ein schönes neues zu Hause für ihre kleine Familie. Innerlich dankte sie John für dieses Angebot. Louise betrat den Empfang und wurde von der Sekretärin auf ein Sofa verwiesen. Die aktuelle Leiterin, Silvy van der Nadel, würde sie gleich abholen.

 

Während sie so dasass, beobachtete sie die herumschleichenden Insassen. Die meisten bewegten sich mit einem Rollator. Irritiert fing Louise an zu schnüffeln. Diese Körper rochen sehr schmackhaft. Gut, aufgrund des Alters waren sie edle Jahrgänge. Alle so aus den 1930er Jahren. Aber sie hatten Medikamente intus. Eigentlich durfte und konnte das nicht sein. Einen chemiefreien alten Jahrgang zu finden war heute fast unmöglich.

 

Während Louise noch verzückt den Duft einsog, legte sich lautlos ein Schatten über sie. Sie hob den Kopf und blickte in ein paar wundervolle tiefe Augen, deren Farbe nicht bestimmbar war. Silvy van der Nadel streckte ihr charmant lächelnd die Hand entgegen. Zögernd ergriff Louise sie, während bei ihr alle Alarmglocken schrillten. Sie hatte die Frau weder gesehen noch gehört. Und… sie roch sie nicht. Sie war eindeutig kein Vampir. Was sollte das? Eine Falle? Frau van der Nadel lächelte wieder und fuhr ihr mit der Hand wortlos über die Stirn. Louise bekam Panik, denn sie konnte sich auf der Stelle nicht mehr bewegen oder sprechen. Wer war das und was war hier los? Sie versuchte mit ihren Kräften wieder frei zu kommen, aber es gelang ihr nicht, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Entsetzt starrte sie die Leiterin an, die inzwischen ganz leicht über dem Boden schwebte. Nur ein wenig, aber genug, dass sie nicht laufen musste. Sie machte wieder eine Bewegung mit der Hand und Louises Füsse hoben sich ebenfalls vom Boden ab. Dann drehte sich Silvy van der Nadel um und zog Louise in einem kleinen Sog hinter sich her. Wie ein Hund an der Leine. Louise schrie innerlich auf, aber es nützte alles nichts. Sie folgte dieser Frau hinab in das Kellergewölbe, ob sie wollte oder nicht. Sie dachte an ihre Tochter und war verzweifelt. Marie Ann! Sollte diese nie zur Welt kommen? Wieso hatte John ihr das angetan? Was hatte sie verbrochen? Louise war sich sicher, dass sie sich immer an seine Weisungen und Regeln gehalten hatte. Niemals hatte sie mit einer Bestrafung gerechnet. Nicht vom Administrator.

 

Silvy van der Nadel hob ihre Hände und ein blauer Lichtbogen stieg hoch, der bald beide Frauen wie einen Kokon umspannte. Louise beruhigte sich etwas, denn es fühlte sich warm und sicher an. Wer zum Teufel war diese Silvy? Sie kam aber nicht dazu, den Gedanken fertig zu denken, denn die beiden schwebten auf eine Betonwand zu. Louise fing an zu schwitzen, als sie sah, dass Silvy einfach hindurchglitt. Das konnten Vampire nicht. Ein paar Sekunden später war sie an der Reihe. Sie konnte nicht einmal ihre Augen schliessen, so entsetzt war sie. Dann glitt auch sie hindurch. Innerlich erstarrt fand sie sich in einem überdimensionalen dunklen Kellergewölbe wieder. Sie schwebten mindestens zwanzig Meter über dem Boden.

 

Louise merkte, dass sie den Kopf wieder bewegen konnte und sah nach unten. Im ersten Moment sah sie nichts Ungewöhnliches. Der Raum war in viele Käfige unterteilt und in jedem befand sich ein alter Mensch. So wie sie das früher alle hatten. Dazwischen hatte es Gänge, wo das Personal sich bewegen konnte. Der Lichtbogen mit den beiden Frauen schwebte langsam nach unten und Louise sah sich unsicher um. Direkt vor ihr sass ein sehr alter Mann, der an seinen Käfig gekettet war und sich kaum mehr bewegte. Sein verzweifelter Blick erschütterte sie nicht, denn er war nur Nahrung. Aber Käfighaltung? Und dazu noch so unhygienisch! Er sass auf dem Boden, direkt neben seinem Rollklo. Den anderen ging es auch nicht besser. Einige versuchten sich an den Gittern heraufzuziehen und wieder andere lagen einfach matt auf dem harten Betonboden. Durch den Lichtbogen konnte Louise nichts riechen, da er hermetisch alles abriegelte. Sie war froh darüber, denn sie war sicher, dass diese Leute stanken wie die Pest.

 

Die Käfiginsassen fingen an, sie anzustarren. Sie fand das unangenehm. Sie mochte es nicht, wenn ihr Essen sie beobachtete und dabei noch bei Bewusstsein war. Louise hatte genug gesehen und hoffte, dass Silvy weiter schweben würde. Aber das tat sie nicht. Sie drückte den Lichtbogen einfach wieder ein paar Meter nach oben und liess sie dann auf der Position verharren. Gleich darauf war auch klar wieso. Eine Türe öffnete sich auf der anderen Seite des riesigen Raumes und zwei Pflegerinnen betraten mit Rollwagen das Gewölbe. Scheinbar war jetzt Essenszeit. Gleichzeitig hoben sich die Käfigtüren und die Menschen schleppten sich mühsam zur Essensausgabe. Trotz ihrer Schwäche warteten sie geduldig in einer Reihe, auf ihre Rollatoren oder Krücken gestützt. Die beiden Damen fingen an, das Essen auszugeben, dass in kleine Plastiktüten verpackt schien. Louise betrachtete die beiden Pflegerinnen erst gelangweilt und erstarrte dann aber plötzlich. Vor ihr standen Liesel und Vroni. Mit vollem Namen Liselotte von der Pfalz und Madame Maintenon. Jetzt wurde Louise wütend. Was sollte das denn? Würde sie von den beiden Verräterinnen bestraft werden, die Louis le Grand und seine Louise hintergangen hatten? Niemals! Sie schrie innerlich so laut auf, dass Silvy sie erstaunt anblickte. Die lächelte aber nur milde, bedeutete ihr zu schweigen und schaute wieder nach unten. Louise folgte ihrem Blick hasserfüllt.

 

Plötzlich liess ein lautes Gebrüll die Wände erzittern und die Türe hinter Liesel und Vroni schloss sich krachend. Die alten Menschen hatten ihre Beutel leergegessen und fuhren in derselben Sekunde ihre Klauen und Zähne aus. Dann hetzten sie durch die herumstehenden Rollatoren und warfen sich auf die beiden Pflegerinnen. Es waren Vampire! Louise sah noch einen kurzen Augenblick in Vronis Augen, bevor diese herausgerissen wurden. Bei Liesel war schon der ganze Kopf weg. Da gab es nichts mehr zu sehen. Louise hörte nur noch das Knacken von Knochen und das Geräusch von mahlenden Zähnen. Liesel und Vroni hatten keine Chance gehabt. Sie wurden von der Meute in Sekunden in Stücke gerissen und gefressen. Dabei spritzte das Blut bis zu ihrem Lichtbogen, prallte aber ab.

 

Louise sah hinunter auf ihr Schicksal und begann zu zittern. So glücklich sie über den Tod von Liesel und Vroni war, so sah sie doch, dass ihr Ende heran nahte. Wenn das ihr Louis erfuhr, war die Rache fürchterlich, das wusste sie. Dann setzte sich der Lichtbogen wieder in Bewegung. Sie schwebte mit Silvy nach oben auf die Mauer zu und durch sie hindurch. Louise atmete auf. Auf der anderen Seite wurde sie unsanft auf den Boden gestellt. Der Lichtbogen war weg und Silvy stand neben ihr. Verwirrt schaute Louise nach vorne und direkt in Johns Augen, der an einem riesigen runden Tisch sass und sie frech angrinste.

 

Verwirrt stand Louise wieder im Garten des Pflegheimes und war das erste Mal im Leben froh, die Sonne zu sehen. Es war unfassbar. Das Heim war der Deckmantel für die eingekerkerten Vampire. Es war die abtrünnige Schweizer Linie, die hier ihr Elend fristete. Und Liesel und Vroni hatten sie schon seit Jahrhunderten versteckt. Deshalb hatte man sie an die Monster verfüttert. Die kleinen Beutel, die die gierige Schar bekommen hatte, waren Tetrapaks mit Blut gefüllt. Die Vorspeise sozusagen, die ihnen die Kraft gab, die beiden Frauen zu reissen. Aber das war nicht das eigentliche Problem. Louise war immer noch ganz benommen von Silvy. John hatte sie ihr vorgestellt. Sie hiess Merlinea und war seine Frau. Eine heute sehr emanzipierte Zauberin, die in früheren Jahrhunderten ganz anders gelebt hatte. Louise zitterten immer noch die Knie. Sie war Merlin begegnet. Dem Echten. Nur war der eine Frau, weil damals alles andere nicht zulässig gewesen wäre.

 

Louise marschierte weiter durch den Garen, als sie eine Bewegung wahrnahm und aufschaute. Etwas weiter weg, hinter einem Baum stand er. Ein Wolf! Mitten in der Stadt. Louise starrte ihn an. Hier gab es wohl noch mehr Geheimnisse, als sie dachte. Und wieso Merlinea zu John sagte, dass er sich nur Knüppel zwischen die Beine werfen würde, machte das Rätsel um John nur grösser. Louise seufzte leise. Aber der Job schien interessant zu sein.