Vampire - Marie Ann

Glücklich standen Louise und Louis, Hand in Hand, auf der Klippe in Cornwall. Es war schone eine Weile her, dass sie ihre kleine Marie Ann besucht hatten. Der Wind wehte wie immer stark und es war wundervoll düster. Louis drückte ihre Hand und beide sprangen von der Klippe. Diesmal musste ihnen Merlinea nicht helfen. Louise sah den Strudel auf sich zu kommen und freute sich auf die Achterbahnfahrt, die sie auf den Meeresgrund bringen würde. An Louis Hand spürte sie, dass er etwas verkrampft war. Er mochte es definitiv nicht, einfach in die Tiefe zu hechten. Der Strudel schoss auf sie zu und sie wirbelten mit ihm hinunter. Louise sah fasziniert dem Wasserspiel zu, bis sich dieses plötzlich änderte. Das Wasser unter ihnen wurde dunkel. Das schwarze Nass kroch wie auf einer Treppe langsam nach oben. Genau auf die beiden zu, die ihm hilflos entgegenfielen. Louise schrie entsetzt auf und Louis versuchte mit Gegenbewegungen, dieser unheimlichen Welle zu entkommen. Fast hätten sie es geschafft, aber die Dunkelheit war schneller.

 

Louise merkte, wie ihre Wangen getätschelt wurden. Sie versuchte sich zu bewegen, aber ihr Körper schmerzte zu sehr. Sie schaffte es kaum, die Augen zu öffnen. Louis sass über ihr und streichelte besorgt ihr Gesicht. Dann nahm er ihren Arm und half ihr, sich aufzusetzen. Das schmerzte wieder und Louise hörte ein Stöhnen. In Louis Arm hielt sie inne und schaute über seine Schulter. Was sie sah, liess sie sich augenblicklich an ihren Mann klammern. Nicht sie hatte gestöhnt, sondern andere. Viele andere! Das Gitter vor ihren Augen war nicht so dicht, dass sie nicht erkannte hätte, wo sie war. Es war dunkel, aber sie waren klar in einem Verlies eingesperrt. Dazu vibrierte der Boden auf unerklärliche Weise. Louise wollte irritiert ihren Gatten danach fragen, als dieser ihr bedeutete zu schweigen. Mit starrem Blick drehte er sie um, damit sie in die andere Richtung blicken konnte. Sie waren in einem metallischen rechteckigen Raum, der keine Fenster hatte. Eigentlich war es eher ein Saal, denn er konnte mit dem Verlies von Versailles absolut mithalten. Die Käfige, in denen sie sassen, waren auf beiden Seiten der Längswände aufgestellt. Und alle waren voll. Sie waren gestopft mit Vampiren. Bevor Louise ihr Entsetzen richtig verarbeitet hatte, öffnete sich die Decke und eine Plattform glitt herunter. Sie starrte auf die drei Gestalten, die darauf standen und krallte sich an Louis fest. Zwei hatten eine Mönchskutte an und der Dritte stand mit Anzug und dem weissen Kragen eines Priesters auf der Plattform. Der Kirchenmann hob den Arm und alle Gefangenen standen auf. Louis musste seine Frau fast hochheben, da sie zu schlecht stehen konnte. Dann pfiff ein scharfer Befehl durch ihre Köpfe. Die Käfigtüren auf ihrer Seite des Saales hoben sich und alle stiegen zu den dreien auf die Plattform. Mit ihnen waren es sicher über zwanzig Gefangene. Die Bewegung fiel ihnen schwer. Ihre Entführer mussten eine Art Feld um sie gelegt haben, damit sie sich nicht wehren konnten. Sie schleppten sich langsam auf die Platte, die sich augenblicklich wieder nach oben bewegte. Louise schaute nach unten zu den zurückgebliebenen Gefangenen und erkannte ein Gesicht. Es leuchtete durch die Dunkelheit und bewegte sich nicht. Es war John! Ihre Verwirrung wurde immer grösser. Weshalb war er hier? Dann bekam sie weiche Knie. War der Administrator in Atlantis gewesen und wenn ja, wo war Marie Ann?

 

Mit einem Ruck stoppte die Plattform und verschloss so den Boden unter sich. Louise sah fassungslos in den Himmel. Sie standen auf einem riesigen metallenen Feld, das unter eine Glaskuppel lag, durch die die Sterne schimmerten. Louise schluckte hart, als sie merkte, worauf sie da starrte. Louis erging es nicht besser. Damit hatten sie nicht gerechnet. Sie waren im Weltall und schauten direkt in den leeren Raum hinaus. Der Boden vibrierte wieder stärker und das Raumschiff schien einen Schub zu bekommen. Aber die beiden hatten nicht lange Zeit, das All zu bestaunen. Der Priester stand auf einer Kanzel und liess die Informationen nur so auf sie niederprasseln. Louise fasste sich an den Kopf, der langsam anfing zu schmerzen. Sie war sich eine solche Flut von Gedanken nicht gewöhnt. Kein Vampir konnte so etwas. Sie hob den Kopf und sah dem Mann direkt in die Augen. Er hatte ein normales menschliches Gesicht und eisblaue arktische Augen. Aber er war kein Mensch und kein Vampir. Er teilte ihnen mit, dass sie Arbeiter waren und ernten sollten. Es war das, wofür sie einst geschaffen worden waren, bevor ihre Vorfahren flüchteten. Steif hielt Louis seine Frau fest. Sie standen vor ihren Schöpfern, die sie geholt hatten. Zurück in die Sklavenhaltung, aus der sie vor vielen Jahrhunderten geflohen waren. Louise hatte keine Ahnung, worum es ging. Ihre Schöpfungsgeschichte war immer ein Geheimnis gewesen, dass die Administratoren nie geteilt hatten. Aber was sollten sie hier ernten? Kaum hatte Louise die Frage gedacht, gingen vor ihren Füssen die Gitter hoch und sperrten sie an die Wand. Und es wurde unerträglich laut. Es klang, als würden Millionen von Hufen über den Boden tippeln. Dann brach die Woge wie eine riesige schwarze Lawine über den Raum herein. Entsetzt war Louise hinter ihren Mann geflüchtet. Es waren Insekten, die aussahen wie übergrosse Mistkäfer, die die Grösse von Kühen hatten. Nur schwirrten sie nicht durcheinander, sondern liefen auf den Priester zu. Unter seiner Plattform standen sie auf die Hinterfüsse und fingen an zu surren. Zum ersten Mal lächelte der Mann der Kirche und betrachtete fast liebevoll diese Geschöpfe. Als er seine Hand hob, wurde das Surren noch lauter und die Käfer drängten sich Fühler an Fühler unter der Kanzel. Louise hörte erst ein metallisches Klicken, dann sah sie die Öffnung, die sich seitlich der Plattform auftat. Sie war so gross wie eine Scheune mit einer riesigen Schaufel unter der Decke. Die Insekten wurden bei dem Anblick immer wilder und der Krach immer lauter. Dann schoss das baggerartige Gebilde hinunter, schabte hinter der Wand über den Boden und kam gefüllt wieder aus der Lucke heraus. Die Schaufel drehte sich und der Inhalt prallte den Käfern vor die Füsse. Mit einem lauten Pfeifton stürzten sich die Viecher auf ihr Futter. Louise drehte sich um und würgte. Es waren die Vampire von der anderen Seite, die den Käfern als Nahrung dienten. Die Tiere zerfetzten sie lebendig mit ihren Zangen und frassen sie stückweise auf. Louise konnte spüren, wie Louis neben ihr vor Zorn kochte. Aber sie hatten immer noch dieses Feld um sich und waren nicht fähig, sich zu bewegen. Louise war in Panik, Marie Ann da vorne zu sehen. Und John? War er auch unter den Opfern?

 

Die Käfer lagen nun gesättigt und bewegungslos auf dem Boden und die Arbeit konnte beginnen. Die Vampire hackten ihre Zähne in den Hintern der Tiere, wo der Darm lag und saugten eine vorgegebene Menge Blut aus ihnen heraus. Die Flüssigkeit durchlief den Körper der Vampire, sammelte sich in der Blase und wurde danach auf einem Abflussrohr wieder heraus uriniert. Blutsauger konnten das, denn es war immer möglich, dass sie verseuchtes Blut tranken. Das musste möglichst schnell wieder abgelassen werden. Hier dienten sie aber nur als Filter, um das Blut ihrer Kameraden zu reinigen, dass sie aus den Käfern zogen. Dadurch, dass das Blut der verfütterten Vampire zuerst durch die Tiere lief, bekam es eine nussige Note. Denn das war es, was ihre Peiniger wollten. Es war die Nahrung dieser Priester und Mönche. Wenn die Körper der Arbeitervampire dann vom vielen Reinigen zusammenbrachen, dann wurden sie zu Futtermittel für die Käfer. Das war der effiziente Kreislauf, den diese Rasse geschaffen hatte.

 

Louise stapfte neben Louis durch das Blut der zerstückelten Vampire, saugte die Flüssigkeit auf und ging dann pinkeln. Es stank erbärmlich nach Tod und Exkrementen. Selbst wenn die Viecher ruhig dalagen, liessen sie einfach ihren Kot und Urin raustropfen. Louis war schon bis zum Knie braun und Louise ging es auch nicht besser. Nach ein paar Stunden wurden die Tiere wieder lebendig, weil sie Hunger hatten und das Spiel wiederholte sich. Louise starrte wieder angestrengt nach vorne, aber sie konnte weder Marie Ann noch John entdecken. Nach vielen Stunden wurden sie ausgewechselt und die nächste Schicht begann mit ihrer Arbeit. Louise lag erst knapp eine halbe Stunde neben Louis auf dem Boden, als die Plattform wieder zu ihnen hinunterfuhr. Erschöpft sahen beide auf, weil ein strahlend helles Licht von oben kam. Der Priester hatte eine Bahre mitgebracht, auf der jemand lag. Louise kniff die Augen zusammen, weil sie kaum durch das Leuchten hindurchsehen konnte. Als sie erkannte, wer auf der Bahre lag, stiess sie sich mit einem Schrei vom Boden ab, rannte zum Gitter und rüttelte wie eine Irre daran. Dort oben lag Marie Ann wie tot und leuchtete von den Haaren bis zur Schwanzspitze. Der Priester hob die Hand und Louise donnerte mit Wucht auf den Boden zurück. Sie packte Louis, doch der bewegte sich nicht. Er war in einer Starre gefangen, die vom Priester auszugehen schien. Louise schnappte nach Luft und fletschte ihre Zähne. Sie würde diesen Kerl zerteilen, wie einen Kuchen auf dem Teller. Der Priester lächelte sie an und schon war auch sie in dieser Starre gefangen. Die Botschaft, die dann von ihm kam war klar und deutlich. Marie Ann hatte sich selber in einen todesähnlichen Zustand begeben, als sie gefangen wurde. Sollte sie das bis zum nächsten Tag nicht aufgeben, dann würde er sie den Käfern vorwerfen. Damit legte er das kleine Mädchen mitten in den Raum, zwischen die Käfige, und fuhr wieder nach oben.

 

Louise stand allein vor dem Gitter und wartete auf die Fütterung. Ihr war eiskalt und ihr Gehirn versagte ihr den Dienst. Als sich die Luke öffnete und die Käfer zu rasen begannen, setzte ihr Herz fast aus. Die Schaufel förderte die in Starre liegenden Vampire nach oben und kippte sie über die hungrigen Tiere. Mit weit aufgerissenen Augen sah Louise, wie zuerst John, dann Louis und zum Schluss Marie Ann in die Tiefe fielen. Louise umfasste das scharfe Stück Metall, das sie gefunden hatte, fest mit der Faust und führte es schnell zu ihrem Herz. Bevor sie zustossen und sich selbst umbringen konnte, klappte über den Käfern eine Luftblase auf und ein rasende Merlinea gefolgt von Katress schossen in den Raum. Louise versuchte noch, beide zu rufen, aber es war zu spät. Der ganze Raum schien zu explodieren und es wurde dunkel.