Vampire - Louises Traum

Seufzend stand Louise vor ihrem Kleiderschrank und fuhr liebevoll mit ihren Fingern durch die raschelnde Seide. Sie streichelte ein Kostüm, das aussah wie aus dem 17. Jahrhundert. Es war blau und zart wie ein Schmetterling. Sie liebte es schon so lange. Aber auch das passte ihr nicht mehr. Louise war eindeutig zu dick geworden. Wenn das mit der Ernährung so weiterging, würde sie es nie mehr tragen können. Ergeben griff sie nach dem schwarzen Anzug. Er war elegant und sie sah damit wie die Geschäftsfrau aus, die sie war. Aber auch hier dauerte es eine Weile, bis sie sich hinein gequetscht hatte. Es war offensichtlich, dass sie in letzter Zeit viel zu fettig gegessen hatte. Fastfood war einfach nichts auf Dauer. Louise presste ihr Bauchfett nach hinten, um die Hose richtig schliessen zu können. Sie musste ganz dringend wieder auf vegan umstellen. Vielleicht würde es ja heute klappen. Aber langsam wurde es Zeit. Sie hatte am Nachmittag neue Kunden. Die konnte sie nicht warten lassen. Davon abgesehen hatte sie schon wieder Hunger. Also musste sie vorher noch essen.

 

Louise packte ihre glänzende Gucci Tasche und fuhr mit dem Lift von der Wohnung direkt in die Tiefgarage. Ja, sie konnte sich Luxus leisten. Sie hatte nicht nur ein Penthouse, sondern auch ein volles Konto. Das sperrte sie aber auch ein. Louise wusste, dass sie selber schuld war. Sie hätte es anders haben können. So wie ihr Mann Louis. Dem hatten die ganzen Vorschriften des Vereins irgendwann gestunken. Er wollte frei sein und bewusst in der Natur leben. Dabei war ihm die natürliche Ernährung äusserst wichtig. Er fand, in der ersten Welt wären die Lebensmittel alle verseucht. Louise verstand ihn. Trotzdem war sie immer noch sauer, dass er sich einfach nach Südamerika abgesetzt hatte. Mitten in den Dschungel ins Nirgendwo. Das wollte Louise für sich nicht.

 

Sie stand vor ihrem silbernen Mercedes SUV und warf ihre Tasche auf den Beifahrersitz. Nein, sie würde nicht in einer Baumhütte leben, nur um den Kameras zu entgehen und um in der Dunkelheit der Bäume dahin zu vegetieren. Beides schränkte sie in der Zivilisation natürlich massiv ein. Vor allem das viele Licht in der Nacht. Auch hatte sie lieber einen Mercedes in der Garage, als Affen vor der Hängematte.

 

Louise startete den Motor, mit dem gleichzeitig auch das Radio anlief. Sofort hämmerte ihr die Musik von «KISS» gnadenlos laut entgegen. Sie schnalzte mit der Zunge. Die Jungs hatte sie schon immer geliebt. Keine erkennbaren Gesichter, nur Körper! Toll! Speziell Gene Simmons, den Drummer, fand sie lecker, weil er so wild war. Der hätte sich wehren können. Louises Gedanken schweiften verzückt ab. Allerdings nicht sehr lange und sie stand schon auf ihrem Geschäftsparkplatz. Nun etwas schwungvoller, schloss sie das Geschäft auf und marschierte in ihr Büro. Sie hatte nur wenige Angestellte. Da war Hans, der Leichenwäscher, der gleichzeitig mit Peter als Sargträger fungierte und Hedwig die Sekretärin. Louise hasste es, Menschen um sich zu haben, aber sie hasste auch jegliche Arbeit. Also akzeptierte sie die drei. Schliesslich führte sie ein Bestattungsunternehmen. Da kam es auf mehr oder weniger Geruch nicht an.

 

Louise setzte sich hinter ihren Bürotisch. Sie hatte noch zwei Stunden Zeit, bis die ersten Kunden kamen. Das reichte locker, die Post zu erledigen und zu Essen. Es hatte wieder so viele Briefe. Dankesschreiben von Kunden und Kostenanfragen. Plötzlich sah sie beim Durchblättern der Briefe das Emblem. Es war die wohl bekannte goldene Krone, auf weiss satiniertem Papier. Louise verzog das Gesicht. Was wollten die denn schon wieder? Jedesmal wenn sie von dem Verein Post bekam, ging es nur um neue Verbote und Verhaltensregeln. Sie las das Schreiben widerwillig durch. Tatsächlich! Das letzte Mal war es nur das Flugverbot gewesen. Wegen der Drohnen. Und jetzt waren auch noch die Tiere ausgeschlossen. Wütend schlug Louise ihre Faust auf den Tisch. Was denn noch alles? Diese Zivilisation nahm einfach kranke Züge an. Damit war die letzte Abwechslung ersatzlos gestrichen. Vielleicht sollte sie doch zu Louis, seinen Affen und der Horde Eingeborener.

 

Louise stand auf und pfefferte den Brief in den Papierkorb. Eigentlich ging sie ja dies alles nichts an, weil sie sowieso andere Möglichkeiten hatte. Sie marschierte entschlossen in die hinteren Räume und von da in den Keller. Es war alles gut versteckt. Nicht, dass die Angehörigen plötzlich, über noch nicht fertige und blutige Leichen stolperten. Auch das gehörte zu den Vorschriften. Sie zog ihr elegantes Jackett aus und warf sich den Plastikmantel über. Auch das war so ein Vorteil. Sie hatte nie eine Sauerei mit dem Blut. Dann drehte Louise sich um und öffnete die Schiebetüre zur grossen Leichenhalle.

 

Das Licht das sie einschaltete ergoss sich wie ein Überfall auf die fünf steifen Körper, die unter ihre Plane lagen und regungslos warteten. Tot, leider! Louise betrachtete sie und überlegte. Alle waren sie krank gewesen. Der erste hatte Krebs gehabt und war mit Chemie vollgepumpt. Der zweite war fett und triefte nur so vor Cholesterin und der dritte war Matsch von einem Unfall. Ein Jogger, der unter einen Lastwagen geraten war. Nummer vier und fünf waren Frauen im gebärfähigen Alter gewesen, die sich umgebracht hatten. Der Hormongeruch der Antibabypille der Damen, verpestete immer noch den ganzen Raum. Louise verzog angewidert das Gesicht. Wie konnten die Frauen sich das antun und so stinken. Es war abartig. Hätten sie noch ein Baby im Bauch gehabt, dann wäre es etwas Anderes gewesen. Tote Kinder rochen immer gut. Speziell wenn sie noch an der Nabelschnur hingen. Sie drehte sich um und nahm die grosse Spritze vom Tisch. Auch so eine alberne neue Vorgabe. Sie hätte genauso gut mit einer Gabel eine Suppe löffeln können. Aber nein, sie durfte ja keine Spuren hinterlassen. Louise schüttelte den Kopf. Als ob das hier jemanden interessierte hätte. Aber es war zumindest zivilisierter, als der eklige Schlauch, den sie an jede Leiche hängte, um sie auszubluten. Zumindest zum Essen. Egal! Mittlerweile hatte sie sich auch entschieden und wandte sich dem flach gedrückten Jogger zu, weil ihr Übergewicht sie dazu drängte. Sie roch ihn. Er hatte sich gesund ernährt. Vegan, ohne Fett und Chemie. Wunderbar!

 

Louise hob den Arm, rammte dem Toten die Spritze in den Rest seines Halses und zog Blut heraus, um es dann in ein Weinglas zu spritzen. Endlich Mittagessen! Louise schlürfte den kalten roten Saft und erinnerte sich dabei wehmütig an alte Zeiten. Das waren die Tage, an denen sie nicht wie in einer stinkenden Hamburgerbude, totes Fleisch anzapfen musste. Ja, es war heutzutage nicht einfach, ein Vampir zu sein. Alles was Spass machte, war inzwischen vom Vampirverein verboten worden. Jagen, zerfleischen und im warmen blubbernden Blut baden, gab es nicht mehr. Lebende Kreaturen als Vorrat, war mit dem Tierverbot von heute, auch endgültig vorbei. Menschen durften schon lange keine mehr gehalten werden. Nicht einmal Kinder. Früher hatten sie ganze Keller mit den Kleinen gefüllt gehabt. Es war wirklich das Ende. Ihr Mann hatte Recht behalten. Vielleicht sollte sie doch zu Louis ziehen und mit ihm Eingeborene jagen. Die Menschen nannten sowas aus dem Alltag ausbrechen. Louise seufzte. Es wäre schön, wieder einmal lebende und pulsierende Adern zwischen den Zähnen zu zerreissen, und nicht nur stinkende Tote auszusaugen. Ein Wohnmobil! Vielleicht wäre das auch eine Lösung?

 

Louise riss sich aus ihren Tagträumen und machte weiter. Schliesslich kam totes Blut auch nicht freiwillig raus und sie hatte noch Hunger.