Vampire - Licht und Schatten

Sie spürte eine Hand und wusste, es war seine. Louis! Langsam kam ihr Bewusstsein wieder an die Oberfläche. Der Strudel hatte aufgehört. Louise fing an zu zittern, da ihre Knie weich wie Gummi waren. Oder war es die Kälte, die durch ihre Kleider drang? Flatternd öffneten sich ihre Augenlieder und sie sah direkt in Louis besorgtes Gesicht.  Sie hatte den Mund noch nicht offen, da bedeutete er ihr, zu schweigen und half ihr, sich aufzusetzen. Dabei spürte sie den Sand unter sich, der sich wie Eis anfühlte. Sie wollte aufstehen, aber ihr Mann drückte sie wieder auf den Boden und zeigte mit der Hand schwach in die Luft.

 

Louises Augen stellten sich auf das diffuse Licht ein und sie sah sich um. Sie sassen in einem kreisrunden Tempel, der grösser war, als das Verlies von Versailles. Fackeln! Die Wände waren von Säulen und Fackeln gesäumt, soweit das Auge reichte. Von beiden Seiten liefen die Säulen auf ein Podest zu, auf dem Statuen standen. Allesamt griechisch. Da erkannte Louise, dass der Kreis ein Oval war. Und sie waren nicht die Einzigen. Der ganze riesige Raum war mit Menschen gefüllt, die wie sie, am Boden kauerten und froren, als wären sie in einer Gefriertruhe. Auch den Beiden ging es so und es machte sie müde. Das dünne Business Outfit, das sie trugen, war nicht für extreme Temperaturen gedacht. Aber der Duft, der Louise in die Nase stach, den kannte sie. Es waren Vampire. Alle! Erschrocken hielt sie die Nase in die Luft, aber sie konnte sie nicht riechen. Erleichtert fiel sie wieder in sich zusammen. Die Kinder und Medea waren nicht da. Louise hoffte, dass ihre Gegner Atlantis und Katress nicht gefunden hatten. Das Versteck war unbezahlbar und sie war heilfroh, die beiden dort gelassen zu haben. Dann begann die Luft leicht zu vibrieren und würde bläulich. Und es wurde noch kälter. Die Vampire erstarrten, denn sie vertrugen Minusgrade nicht. Louise merkte noch, wie ihr Mann langsam einnickte, bevor auch sie die Augen wieder schloss. Die eisige Luft liess sie alle langsam einschlafen. 


Ein Knurren liess sie wieder zu sich kommen. Schwach erkannte sie eine Gestalt, die auf allen vieren auf sie zu kroch. Louise versuchte, sich zu bewegen, aber es ging nicht. Der Schatten kam immer schneller auf sie zu und würde grösser. Entsetzt riss sie den Mund zu einem Schrei auf! Der Eisbär ging direkt vor ihr in die Höhe und lies ein grauenhaftes röhren los. So, als wollte er seine Mahlzeit begrüssen. Keiner der Vampire regte sich, sie waren eingefroren. Auch Louis hatte bereits Eis im Gesicht und reagierte auf nichts mehr. Der Bär fiel wieder auf seine Vorderpfoten und kam langsam auf Louise zu, die hektisch zu hecheln begann. Das Tier liess ein Schnappen hören. Es schien, als würde er von ihrem Atem angezogen. Fast schon vor ihrem Gesicht blieb er stehen und starrte sie mit blitzenden Augen an. Sie sah eine Schwärze, Pupillen, in denen blaue Blitze herumfuhren. Dazu roch sie den fauligen Atem, der aus seiner Schnauze drang. Ihr wurde übel, als sie das Stück Fleisch zwischen seinen Zähnen hängen sah. Sie war nicht sein erstes Fressen heute. Dann riss der Bär das Maul auf und stürzte sich mit lautem Geheul auf sie.

 

Entsetzt starrte die Vampirin in seinen Rachen, als das Tier plötzlich in die Luft geschleudert wurde, fast über ihrem Kopf explodierte und dann auf sie und Louis hinunter regnete. Aber es war kein Blut und keine Knochen, die da rieselten. Das weisse Tier hatte sich in eine schwarze Lawine verwandelt, die sich wie Pudding über sie ergossen hatte. Schleimig tropfte es über ihr Jacket. Die blauen Blitze zuckten noch durch die ganze Masse und kitzelten sie mit leichten Stromstössen. Aber der Matsch war warm und hauchte Louise so langsam wieder Leben ein. Sie hob den verschmierten Kopf und sah zum Podest, weil sich von da ein warmes Licht ausbreitete. Und das stand sie, die Fata Morgana! Louise glaubte, dass ihre Augäpfel noch eingefroren waren und rieb sie kurz warm. Aber es änderte sich nichts. Unter Zeus Statue stand König Louis XIV und Königin Louise. Beide mit blauem Mantel, Zepter und Krone. Und beide stinksauer. So zumindest deutete Louise die königlichen Mienen. Er hielt noch sein Zepter in der Luft, mit dem er den Bären erlegt hatte. Die Königin machte eine Handbewegung und schon wurde es in dem riesigen Raum wieder warm und die Vampire erwachten. Auch Louis, der anfing, sich das Eis vom Gesicht zu kratzen. Seine zugeschleimte, blitzende Frau erkannte er nicht. 


Ein Donnerschlag riss alle Vampire auf die Füsse. Louis wollte nach seiner Frau greifen, glitt aber ab. Noch bevor er sich weitere Gedanken machen konnte, donnerte es weiter vom Podest herunter. Louise flüsterte, dass es ihr gut ginge, während sie die schwarze Sauce aus den Ohren puhlte und nach vorne guckte. Ihre missliche Lage war aber schnell vergessen. Da stand Zeus! Gross, mit einem gewaltigen Bauch, in einem weissen Leinentuch. Greek Style in Vollendung. Seine Locken kringelten sich um das dicke rote Gesicht, das vor Wut schon fast dampfte. Louise war noch von seinen weissen und stark beharrten Waden fasziniert, die unter dem Bettlaken hervorstachen, als es auch schon weiter krachte. In einem bezaubernden grünen Chiffonkleidchen war Hera auf der Bühne erschienen. Sie liess ihren Busen wippen und stellte sich provokativ neben ihren Mann. Der bemerkte das durchaus. Scheinbar war auch ein Gott mehr Mann als Frau dachte. Hera fixierte mit ihren Augen die Königin, als wollte sie ihr gleich den Hals umdrehen. Und dann begann es! Der Streit. Louise liess sich die Gesprächsfetzen von Louis übersetzen, denn der war in Altgriechisch besser als sie. Viel verstanden sie nicht. Nur, dass der König eigentlich Apollon war und Zeus der Papa. Und dass die Vampire sterben sollten.

 

Der Göttersohn hatte scheinbar die Regeln missachtet und die Vampire für seine Zwecke erschaffen. Hera schrie dauernd Morddrohungen dazwischen, bis Zeus genervt war und Apollon bedrohlich anfing, sein Zepter gegen seine Stiefmutter zu schwingen. Da hatte der Göttervater endgültig genug. Es donnerte wieder und Hera sass blitzschnell, in einem schalldichten Glaskörper, fest. Sie tobte weiter und hämmerte dagegen, aber die Stille  ausserhalb war eine Wohltat. Zeus hob die Hand und die Statuen hinter ihm verschwanden. Stattdessen wurde eine Zuschauertribüne sichtbar. Louise stocke der Atem. Sie tippte ihren Mann an, der vor ihrem Schleimfinger zurückzuckte. Trotzdem schaute auch er hin. Es war unglaublich. Da sassen viele Grössen der bekannten Geschichte. Ludwig II von Bayern wedelte mit seinem Fischschwanz neben Alexandre Dumas. Daneben grimmig Leonardo Da Vinci, der sich flüsternd mit Paracelsus unterhielt. Racine, der etwas am Schreiben war und Charpentier der Musiker des Königs. Ganz rechts sassen weitere Bourbonen wie Königin Marie-Antoinette und ihr Mann und natürlich die Königinmutter Anne d’Autriche. Alle umrahmt von den Musketieren, die wichtig dreinblickten. Und links ging es mit den Templern und den Jesuiten weiter. Louise konnte nicht anders, sie musste kichern.

 

Das Ganze sah aus, wie eine Zirkusaufführung. Jeder sass in der Montur seiner Zeit da. Albert Einstein stach mit seinem weissen Kittel sehr heraus. Das sah neben den Templerrüstungen köstlich aus.  Es gab auch einige geheimnisvolle Anzugträger in Schwarz, die eine Sonnenbrille im Gesicht kleben hatten. Die erinnerten sie an die Men in black. Louis bedeutete ihr mit einem Blick zu schweigen. Aber Louise konnte nicht anders. Ja, die wollten ihren Tod! Aber es sah trotzdem aus, wie an Karneval. Anders konnte man diesen Auftritt wirklich nicht nennen. Jetzt schienen sich alle zu beraten. Ohne Apollon und seine Königin. Wer sie wohl war? Dann wurde es still und die Tribühne verschwand.  Eisige Kälte breitete sich wieder aus. Louise wischte ihre Hand im Sandboden sauber und griff nach Louis. Es war klar, was jetzt kam. Die Riege dieser Richter, hatte die Vampire zum Tode verurteilt. Aber diesmal war Louise ruhig. Ihre Kinder waren in Sicherheit und es würde schnell gehen. Zeus fackelte da sicher nicht lange. 


Aber Zeus konnte das Urteil nicht mehr sprechen. Mit einem Schlag verschwand der Tempel, ein eisiger Wind fegte über alle hinweg und es wurde dunkel. Louise sah die Sterne über sich und unter ihr wurden die Füsse sofort kalt. Sie hielt sich an Louis Hand fest, als das Gebrüll losging. Eisbären! Viele Eisbären. Die Vampire formierten sich sofort zu einem Kreis, als überall Fackeln angingen und Licht spendeten. Louise starrte die Lichter entgeistert an. Es gab keine Götter und auch keine Menschen mehr. Ausser den Vampiren hatten sich alle in Leuchtwesen verwandelt. Sie sahen aus wie Menschen, schienen aber wie in Gummianzügen zu stecken. Dabei leuchteten sie fast silbrig und durch die Augen fuhren goldene Blitze. Ihre Köpfe waren glatt und oval. Sie hatten eine Kopfform wie einige Ägyptische Mumien. Die Lage wurde von allen schnell erfasst und sie stellten sich gegen das Geheul. Durch das Licht erkannte Louise, wo sie waren. Sie standen mitten im eisig kalten Schnee der Antarktis. Dann erkannte sie auch die Schemen, die auf sie zukamen. Sie waren alle auf einer riesigen Eisfläche und vor ihnen marschierten sie. Tausende von Eisbären, die gierig danach waren, sie alle zu zerreissen. Dann kam die Wärme. Das Wesen, das Königin Louise gewesen war, setzte zu einem Singsang an und die Temperaturen hoben sich augenblicklich. Die Vampire fletschten ihre Reisszähne und stellten sich gegen die Bären, die sich mit der Bewegung ebenfalls veränderten. Sie wurden dunkel, dann schwarz und begannen, sich aufzurichten. Ein paar hundert Meter vor ihnen wurden sie zu den gleichen unbekannten Wesen, aber in Schwarz. Sie waren Schatten. Über ihre Körper zischten blaue Blitze, die sich bis in die Augen zogen. Da wusste Louise, dass sie diese wandelnden Schlammpfützen nicht beissen konnten. Sie würden gnadenlos verlieren und untergehen.

 

Während sich die Vampire mit den Silberwesen auf die Schatten zubewegten, schaute Louise nach dem ehemaligen Zeus. Sie konnte ihn spüren. Sie konnte alle spüren und sie wusste, dass es hässlich enden würde. Die Gegner waren von der gleichen Gattung mit denselben Möglichkeiten wie ihre Gruppe. Und keiner schien Blut im Körper zu haben. Aber Louise war es langsam egal. Zeus hätte sie sowieso getötet. Da war es besser, im Kampf zu sterben, als hilflos eingefroren am Boden einzuschlafen. Louis schien dasselbe zu denken. Er packte sie an der Hand und Seite an Seite gingen sie zähnebleckend dem Feind entgegen. 


Vor Louise tauchte ein blitzender Schatten auf und kam schnell näher. Er fixierte sie mit seinen Augen und die Blitze rotierten immer mehr auf seinem Körper. Kurz umhüllte ihn seine irdische Gestalt und sie erkannte Napoleon Bonaparte. Dann verschwand das Bild wieder. Da packe Louise die Wut. Diese widerliche Revolutionbratze wollte ihr an den Kragen. Er war der Gegner! Er und seine scheussliche Sippschaft! Mit einem Wutschrei und einem gewaltigen Sprung warf sie sich auf ihn und krallte sich fest. Seine Blitze wirkten auf ihren Körper wie Elektroschocks. Halb benommen rammte sie ihm die Zähne in den Kopf und wollte ihn aufreissen. Aber der puddingartige, schmierige Körper gab mit einem Schmatzen nach. Louise glitt ab und fiel auf den Boden. Triumphierend stand Bonaparte über ihr und sein Körper explodierte in einem Feuerwerk aus Stromstössen. Dann warf er sich auf sie. Louise versuchte sich mit ihren Armen zu schützen, als sie ein blauer Blitz traf und mitriss.


Sie lag immer noch auf dem Boden, mit den Armen vor dem Gesicht, als sie merkte, dass der Schatten nicht mehr da war. Ruckartig stand sie auf, um weiter zu kämpfen. Aber es war nicht mehr nötig. Sie stand inmitten aller Vampire, die alle noch in ihrer letzten Bewegung waren. Auch Louis schlug noch um sich. Um sie herum die Lichtwesen, die alle auf jemanden schauten. Louise drehte sich um und sah John, Merlinea und Katress. Sie waren auf der Camelot. Die drei hatten sie alle geholt und vor diesen Schlammviechern gerettet. Vorläufig zumindest. Mit ernster Stimme verkündete John gerade, dass jetzt eingetreten sei, was nie jemand geglaubt hätte. Der Krieg der Götter! Und sie alle waren mitten drin. Louise fragte sich noch, wer der erste Eisbär gewesen war. Ein Verräter in den eigenen Reihen?