Vampire - Katress

Frierend und klatschnass stand Louise im tobenden Sturm am Rande der hohen Klippe und schaute zitternd in die Tiefe. Das Meer schrie regelrecht unter ihr und schien mit jeder Gischtfontäne nach ihr zu greifen. Bevor sie jedoch einen Schritt vom Abgrund zurücktreten konnte, schwebte Merlinea wieder über ihr und stoppte sie. Dabei berührte die Spitze ihres Schwertes ganz leicht Louises Kopf. Erschrocken zuckte diese zurück und schaute verzweifelt nach oben, direkt in das lächelnde Gesicht der Zauberin. Dabei rutschte sie leicht aus. Der Boden war glitschig und Louise griff kraftlos nach einem Ast, der von einem Strauch hing, um sich festzuhalten. Aber ihre nasse, klamme Hand rutschte ab. Sie wollte schreien, diese Frau töten, die ihr das antat. Die Wehen setzten Louise langsam zu und schmerzten höllisch. Aber bevor sie handeln konnte, stiess Merlinea zu und wischte sie mit einer Handbewegung von der Klippe.

 

Louise fiel durch den peitschenden Regen schreiend in die Tiefe. Sie umklammerte dabei ihren Bauch, so als könnte sie ihr Kind damit noch schützen. Sie wusste, sie würde diese Höhe nicht überleben. Nie hätte sie gedacht, dass die Klippen von Cornwall einmal ihr nasses Grab werden würden. Sie hatte den Gedanken kaum fertig gedacht, als sich unter ihr ein riesiger Strudel im Meer bildete, der wie ein Tunnel nach oben schoss, nach ihr Griff und sie eiskalt in die Tiefe zog. Louise schloss die Augen und wartete ergeben auf den Tod.

 

Etwas stupste sie an und rüttelte an ihr. Erschrocken öffnete Louise die Augen und starrte direkt durch das Zahngitter eines weissen Hais, welches vor ihrem Gesicht tanzte. Das Maul war so gross und weit offen, dass sie durch seinen Schlund noch Bewegungen seiner letzten Mahlzeit sah. Es sah aus wie eine zappelnde Hand. Sie wollte instinktiv zurückweichen, aber sie wurde, von einem Felsen gestoppt. Der Hai blieb regungslos vor ihr im Wasser stehen. Verwirrt riss sie die Augen noch mehr auf und bemerkte dabei Luftblasen, die von ihr aufstiegen. Sie atmete im Wasser! Die Gerüchte stimmten also! Vampire konnten im Wasser überleben. Louise sammelte ihre Kräfte. Vielleicht konnte sie das Monster töten. Sie stemmte sich an den Felsen und prüfte vorsichtig ihre Umgebung. Aber was sie sah, liess ihr erneut das Blut in den Adern gefrieren. Haie! Überall standen sie im Wasser und starrten sie gierig an. Es waren hunderte und sie schienen sich bis an die Wasseroberfläche verteilt zu haben. Es sah aus, wie ein Wald im Wasser. Merlinea war wirklich gründlich gewesen und hatte ihr so jede Chance genommen. Wäre Louise nicht im Wasser gewesen, dann hätte man die Tränen gesehen. So aber verschwanden sie als letzte kleine Perlen von ihr, durch die wieder geschlossenen Augenlieder, im riesigen Ozean.

 

«Himmel, wollen Sie hier gebären Madame? »

 

Die Stimme war schmerzhaft durch Louises Kopf gefahren. Erstaunt riss sie ihre Augen wieder auf. Da schwamm eine golden schimmernde Meerjungfrau vor ihr und sah sie strafend an. Eigentlich war es ein Meermann mit einer Krone auf dem Kopf. Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern scheuchte die Haie wieder an ihren Platz zurück. Bevor Louise sich weitere Gedanken machen konnte, durchzuckte sie wieder eine Wehe. Sie wurden stärker. Das gekrönte Haupt bemerkte ihren Zustand und winkte wieder. Sofort kamen zwei Delfine angeschossen, die Louise sanft in ihre Mitte nahmen und mit ihr auf einen riesigen metallenen Ring zu schwammen. Kaum waren sie durch das Tor, vergass sie zu atmen.

 

Was sie sah, war unglaublich. Louise war in einer Unterwasser Stadt. Sie sah aus, wie eine von der Erdoberfläche, ausser dass die Häuser irgendwie durchsichtig waren und die Bewohner herumschwammen und Flossen hatten. Dazu brach sich das Licht in den Wellen. Merkwürdig, es war nicht dunkel! Und überall gab es diese hohen roten Pflanzen mit Blüten, so gross wie ein Regenschirm. Die beiden Delfine führten sie auf eine Höhe zum grössten Haus, schwammen mit ihr durch den Eingang und setzten sie in einem grossen hellen Saal auf den Sandboden. Auch hier wuchsen an den Wänden überall diese roten Blumen. Louise fand sie schön, aber etwas unheimlich, weil sie dauernd kleine Fische verschlangen. Sie konnte sehen, wie die Tiere durch eine Öffnung in der Blüte verschwanden und durch die Stängel hindurch gewürgt wurden. Durch das fressen, waren die Blumen die ganze Zeit gespenstisch am Zittern. Louise presste die Hände auf ihren Bauch. Die Wehen wurden stärker. Marie Ann hatte offensichtlich keine Geduld mehr. Hilfesuchend sah sie zu dem königlichen Meermann hin. Doch der war gerade damit beschäftigt, eine der roten Blumen anzubeissen. Sofort ergoss sich Fischblut über sein Gesicht, dass er gierig leckte, wie eine Katze den Lebertran. Aber das spielte keine Rolle mehr, denn vor Louise kam ein drei Meter hoher Wasserwirbel zum Stehen, der sich langsam im Meer auflöste. Übrig blieb eine Meerjungfrau, die lächelnd vor ihr schwebte. Sie hatte hüftlange rotblonde Haare und die Augen leuchteten in allen Regenbogenfarben. Ihre Schuppen waren tatsächlich rosa glitzernd und erhellten den ganzen Saal merklich. Dann streifte ihre Stimme Louises Gedanken und stellte sich vor. Katress de Lostromo, die Herrin von Atlantis.

 

Louises Gedanken überschlugen sich. Sie kannte die Legenden, die besagten, dass die Vampire ursprünglich aus dem Wasser gekommen waren. Und sie wusste aus Büchern, dass auch das nicht der Anfang ihrer Gattung sein sollte. Aber nie im Leben hätte sie gedacht, dass diese Geschichten tatsächlich mehr als Märchen waren. Natürlich war sie ein junger Vampir und wusste nicht viel. Nur, in all den Jahrhunderten hatte sie nie andere Gattungen ihrer Spezies gesehen. Ausser den Schweizerablegern natürlich. Das hier konnte einfach nicht wahr sein! Und weshalb hatte Merlinea sie hierhergebracht? Louise schüttelte den Kopf. Gut, seit sie John kannte, wunderte sie nichts mehr. Der Mann war ein einziges Geheimnis. Katress hatte ihre Gedanken gelesen und bedeutete dem immer noch blutleckenden Meermann, her zu kommen. Der füllte eine Muschel mit Fischblut und reicht sie aufmunternd der angeekelten Louise. Katress sah sie streng an und Louise nahm schliesslich widerwillig einen Schluck. Sofort begann ihre Haut unangenehm zu kribbeln und zu jucken. Entsetzt warf Louise das Blut in die Wellen und versuchte aufzustehen. Wollten die sie vergiften! Aber Katress drückte sie sanft in den Sand zurück und liess einen Strom durch sie hindurch laufen, der sich wie ein warmer Regenschauer anfühlte. Da wusste Louise es. Es war Marie Ann. Das Kleine brauchte dieses Blut, dass durch eine Blüte angereichert war. Sie hingegen war allergisch dagegen. Ihre Tochter hatte offensichtlich die alten Vampirgene von Atlantis geerbt. Deshalb hatte Merlinea sie über die Klippen gestossen. Es war der einzige Eingang zu dieser alten Stadt. An den Humor der Zauberin musste sie sich wirklich noch gewöhnen. Louise hatte aber auch diesmal keine Zeit mehr, sich Gedanken zu machen. Die Wehen setzten nun endgültig ein. Merlinea hatte es gewusst. Einmal mehr.

 

Louise sass im Sand, umgeben von Katress, dem Fischkönig und seinen Delfinen. Die Wächterhaie waren wieder ausserhalb der Stadt auf Position. Im Schoss hielt sie ihr Neugeborenes. Zärtlich streichelte sie die blasse Wange des Kindes und strich seine blonden Haare zurück. Diesmal waren die Tränen ihrem Kind gewidmet. Ruhig lag es auf ihren Knien. Louise betrachtete ihr schönes Kind, dass sie nie würde mit nach Hause nehmen können. Sie strich mit der Hand über die Stelle, wo die Beine hätten sein müssen. Sie fehlten. Marie Ann war ein Meervampir. Sie würde nicht an Land leben können. Wusste Louis es schon? Und wie lange konnte sie hierbleiben? Es gab hier keine Nahrung für Landvampire. Louise verzweifelte fast. Katress fühlte ihren Schmerz und gab dem Fischkönig ein Zeichen. Der kam kurz darauf mit zwei weissen Haien zurück, die den Saal mit ihrer Grösse fast füllten. Entgeistert schaute Louise zu, wie der Flossenmann das Maul des ersten Tieres aufsperrte und halb hineinschwamm. Seine Flosse blieb draussen und zitterte, als würde er heftig an etwas zerren. Dem war auch so. Denn mit einem Ruck löste sich das Gewünschte aus dem Fischmagen und er knallte mit seiner Beute in den Händen, auf den Sandboden zurück und von da wieder zwei Meter nach oben. Das war im Wasser nicht so einfach. Louise sah erleichtert, was er herausgezogen hatte. Es war eine wunderschöne blaue Wasserleiche. Sie dankte dem Himmel dafür, denn sie war so hungrig, dass sie ein ganzes Dorf hätte aussaugen können. Der kleine König winkte und sofort eilten ein paar Riesenkrebse herbei, die anfingen, die Leiche entlang der Schlagader zu zerteilen. Lächelnd sah Louise zu, wie ein abgerissener Finger davon schwamm. Unwillkürlich musste sie an Karl Friedrich denken. Dem hätte das gefallen. Das gekrönte Haupt war aber noch nicht zufrieden. Er schnippte mit den Fingern durchs Wasser und alsbald kam ein Riesenkalmar durch den Eingang geschwommen. Er schien etwas mürrisch zu sein und schlug mit seinen Tentakeln den Haien auf den Rücken. Die verschwanden beleidigt wieder nach draussen. Dann griff er sich mit seinen Saugringen kunstvoll die Leichenteile und drapierte sie so vor Louise, dass sie bequem die Schlagadern leersaugen konnte. Sozusagen ein Essen auf Rädern. Dankbar lutschte Louise an der Leiche, auch wenn sie zuerst das Leichenwachs abschaben musste. Es fühlte sich an, wie für die Menschen die Haut auf dem Kakao. Leicht eklig eben. Marie Ann schlief derweilen selig und zerknüllte eine rote Blüte in ihren kleinen Fäustchen.

 

Langsam ging es Louise besser. Sie wusste, dass sie ihre Tochter hierlassen musste. Aber sie wusste nun auch, dass sie sehr gut versorgt war. Sie würde wie eine Prinzessin behandelt werden, den ihr Patenonkel war ein König und würde für alles sorgen. Ja, der Fischkönig war Ludwig II. von Bayern. Louise grinste ein wenig vor sich hin. Nein, er war damals nicht im See ertrunken. Das konnte er gar nicht. Und wie gesagt, Wasserleichen gab es überall. Die waren das kleinste Problem. Louise lehnte sich glücklich zurück und spielte mit ihrer kleinen Meerjungfrau. Dabei überlegte sie, weshalb Katress so ein blendendes rosa trug. Selbst für hier unten war das ungewöhnlich. Wer war Katress de Lostromo wirklich?