Vampire - Karl Friedrich

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Glücklich vor sich hin summend stand Louise an ihrem Arbeitstisch. Langsam balancierte sie das Skalpell in der einen Hand und fixierte mit der anderen den Augendeckel der Leiche. Als der Winkel stimmte, stach sie hinter das Auge und schälte es heraus. Weiter vor sich hinsingend holte sie sich so auch das Zweite. Er mochte die so sehr. Louise verstand das zwar nicht, aber er musste ernährt werden. Heute war dazu ihr Glückstag, denn es war eine Leiche zum Einäschern eingetroffen. So konnte sie getrost neben den Augen auch noch etwas Schenkel und Brust mit nach Hause nehmen. Es würde den Trauernden nicht auffallen, dass da etwas weniger Asche im Krug war.

 

Konzentriert verstaute Louise alles in ihrem Kühlbeutel und schob die Leiche dann wie eine Pizza in den Ofen. Leise lächelnd stand sie vor der eisernen Tür und schaute verzückt durch das Fenster, wie sich der Leichnam durch die Hitze langsam aufblähte. Endlich war die Fastfood Zeit für sie vorbei. Louis war wieder bei ihr. Er hatte es im Dschungel nicht ohne sie ausgehalten. Und das, obwohl sie schon fast 300 Jahre verheiratet waren. Kaum war ihr geliebter Mann zurück, hatte dieser auch schon angefangen, das Haus artgerecht einzurichten. Er mochte Leichen nicht. Louis war der Meinung, die wären ungesund und ergäben viel zu viel Cholesterin. Vom kalten Geschmack mal ganz abgesehen. Louises Mann bestand darauf, dass sie wieder lebendes Blut zu sich nahm. Er duldete da keinen Widerspruch. Sie lächelte noch breiter, als der Bauch der Leiche wegen der Hitze aufplatzte und die Gedärme wie Kinderarme winkten. Ihr kleines Katzengeheimnis würde sie für sich behalten. Ehemänner mussten ja nicht alles wissen. Aber sie musste sich nun beeilen, denn die Leichenteile blieben nicht ewig so frisch. Speziell die Augen waren sehr anfällig und wurden schnell komplett trübe. Dann mochte er sie nicht mehr und warf sie einfach an die Wand. Und da sie im Moment fast kein Hauspersonal beschäftigen konnte, musste sie die Putzarbeit selber machen. Louise hasste das. Sie hoffte inständig, dass Louis etwas über die Krankheit herausfinden konnte. Deshalb war er im Moment in den Katakomben von Versailles. Da hatte die Europäische Vampirgesellschaft seit dem Bau des Schlosses ihren Hauptsitz.

 

Louise verehrte den Sonnenkönig und seine Königin, wie alle Vampire, auch wenn sie schon lange tot waren. Die beiden hatten den Rest ihrer Spezies im Schloss versteckt und so vor dem Scheiterhaufen gerettet. Der König und vor allem die Königin, Louise de la Vallière, hatten einfach Mitleid mit ihnen gehabt und ihnen Unterschlupf gewährt. Im Gegenzug hatte die Schutzgesellschaft der Vampire ihnen Sicherheit zugesagt. Das ging gut, bis zur Französischen Revolution und deren Unart alles zu köpfen, was sich bewegte. Und an diesem Ort war ihr Ehemann nun und versuchte seit geraumer Zeit, etwas über die Krankheit herauszufinden.

 

Louise packte den Fleischbeutel und verliess ihr Bestattungsinstitut, um nach Hause zu fahren. Ihr Mann hatte ihr diesen Job noch ausreden wollen, denn schliesslich hatten sie über die Jahrhunderte genug Geld gespart. Aber Louise hatte sich geweigert, weil sie unabhängig bleiben wollte. Jetzt waren beide heilfroh, dass es so war. Wie wären sie sonst dauernd an Leichenteile gekommen, ohne aufzufallen? Für Louise war die Vorstellung, wie früher in den Strassen jagen zu gehen, nicht sehr erheiternd. Überall diese verdammten Kameras. Dazu war bald jeder Mensch registriert. Genau wie Hunde. Es fehlte nur noch die Marke im Ohr. Louise mochte diese staatlichen Kontrollen nicht. Es schränkte ihre Freiheit zu sehr ein.

 

Zu Hause angekommen stellte sie die Tüte in die Küche und machte sich über die Obstschale her. Es war sensationell, was Louis da im Dschungel geschaffen hatte. Während sie dachte, dass er einfach seinem Vergnügen hinterherhechelte und auf die Jagd ging, hatte er in Wahrheit gearbeitet. Er hatte mit seinem Bruder Gaston eine Lebensmittelfabrik aufgemacht. Seitdem gab es Orangen, die mit Blut gefüllt waren, Blutschokolade oder Blutcremejoghurt. Die Vampirgemeinde riss ihnen das förmlich aus den Händen. Sie hatten vorher schon genug Geld gehabt, aber jetzt waren sie deswegen richtig reich.

 

Während Louise sich ein Stück ihrer Lieblingsschokolade Indian Amazonas abbrach, hörte sie ein lautes Schmatzen und Krachen aus dem Gästezimmer. Entsetzt liess Louise ihr Dessert fallen und rannte nach oben. Er sass mitten im Zimmer über das Mädchen gebeugt und riss ihr gerade die Leber mit dem Mund aus dem blutig zerbissenen Bauch. Als er das Stück heraushatte, schüttelte er es wie ein Hund und fing an, es ruckartig zu verschlingen. Dann bemerkte er Louise und starrte sie mit roten Augen an. Sie schrie wütend auf. Nicht schon wieder! Karl Friedrich ihr Neffe, hatte in diesem Monat soeben sein drittes Kindermädchen gefressen. Der Kleine reagierte sofort auf ihre Wut und klappte seine zweite Zahnreihe wieder ein, die wie ein Wolfsgebiss aussah. Er mochte seine Tante sehr und wollte nicht, dass sie sauer auf ihn war. Aber dazu war es zu spät. Mit Schwung hob Louise den blutbeschmierten Fünfjährigen hoch, marschierte ins Badezimmer und duschte den protestierenden Zwerg ab. Es dauerte eine Weile, bis das Kind wieder blonde und nicht mehr rote Haare hatte und sauber war. Es gefiel Karl Friedrich gar nicht, plötzlich nackt in der Wanne zu sitzen. Er fing an zu weinen und wollte seinen geliebten Fingerknochen haben. Der war noch vom ersten Kindermädchen. Karl Friedrich hatte sie sehr geliebt. Aber wenn er Hunger hatte, dann hatte er eben Hunger.

 

Damit Louise Zeit hatte, das ganze Blut im Gästezimmer zu putzen, setzte sie ihren Neffen in die Küche in den Kinderstuhl und gab ihm die Augen und die anderen Fleischteile auf einen Teller. Sofort war Karl Friedrich wieder vergnügt und biss mit Entzücken in ein Auge, dass es nur so spritzte. Louise war genervt. Gott sei Dank hatte die Küche Fliesen. Sie hoffte wirklich, Louis würde bald nach Hause kommen. Dieses Kind war einfach widerlich. Kein Vampir ass Fleisch und hatte dafür auch noch zwei Gebisse! Irgendwann war dann alles gereinigt und der kleine Karl Friedrich lag satt in seinem Bettchen. Louise stand müde in ihrem Wohnzimmer. Wenigstens hatte sie jetzt wieder eine Leiche. Das würde eine Weile reichen. Aber dieser Tag war noch nicht zu Ende. Sie brauchte ein neues Kindermädchen. Bisher hatte sie immer eine leichte Dame vom Strich geholt und diese in einen geistlosen Starrezustand versetzt. Aber der Kleine hatte Kräfte, die mit einem Kleinkind nichts gemein hatten. Sie würde etwas tun müssen, das sie bisher vermieden hatte. Sie würde die nächste Dame zum Vampir umfunktionieren müssen. Es ging nicht anders. Sie konnte ihren Neffen ja nicht ins Bestattungsinstitut mitnehmen. Nicht auszudenken, wenn er anfing, die Leichen anzubeissen. Das würde man kaum mehr vertuschen können. Und ihre Angestellten wollte sie nun wirklich nicht verlieren. Jedenfalls nicht als Mahlzeit. Louise seufzte. Wieso konnte der Neffe ihres Mannes nicht einfach ein gesunder kleiner Vampir sein? Es war wirklich bedauerlich, dass sein Vater Gaston vom Dach gestürzt und vom Zaun aufgespiesst worden war. So blieb dieser Troll an ihnen hängen.

 

Louise gönnte sich gerade eine weitere Blutorange, als ihr Handy vibrierte. Es war Louis aus Versailles! Was er ihr erzählte, versetzte ihr einen Schock. Die Familie ihres Mannes hatte einen Vampirzweig, der bis jetzt geheim gehalten wurde. Es war eine kleine Gruppe abtrünniger Vampire, die sich vor ein paar hundert Jahren in den Schweizer Bergen versteckt hatte. Sie waren vor der Vampir-Gesellschaft geflüchtet, weil sie deren Lebensmittelverschwendung angeprangert hatten. Dabei waren sie auch mit Gewalt gegen Ihresgleichen vorgegangen, bis sie verjagt wurden. Übersetzt hiess das, sie tranken nicht nur das Blut, sondern sie assen das ganze Opfer. Dazu gehörten auch die Knochen. Es sollte ja nichts verschwendet werden. Deshalb hatte sich wohl auch das zweite Gebiss gebildet. Für die Knochen. Louise war immer noch völlig verwirrt. Sie hatte einen Abkömmling von Terroristen zu Hause. Ein Allesfresser! Und nicht nur das, ihr Mann gehörte genetisch auch dazu.

 

Louise stand auf und ging auf zitternden Beinen in den Keller. Sie brauchte jetzt einen Franzosen. Sie stand mit ihrem Glas neben der Trage und betrachtete den Mann, wie er atmete. Louis hatte ihn medizinisch so versorgt, dass er nicht aufwachte, aber weiterlebte. Mit dem Schlauch aus der Halsarterie füllte Louise ihr Glas. Die Stärkung war jetzt mehr als willkommen. Sie sah sich im Keller um. Es hatte noch genug Platz. Vielleicht sollten sie das kleine Monster auch hier an einen Schlauch hängen? Er roch nämlich sehr gut. Das Fleischessen schien seinem Blut zu bekommen. Louise leckte sich die Lippen und beschloss, auf Louis zu warten. Dann würde man sehen.

 

 

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