Vampire - Götterhass

Der Nebel befeuchtete ihr Gesicht und es war kalt. Louise zog die Jacke enger um die Schultern und ärgerte sich. Eigentlich wollte sie mit Louis den frischen Franzosen anzapfen, den er heute im Park von Versailles gefangen hatte. Stattdessen lief sie auf dem Friedhof des Schlosses herum und suchte Louis Junior. Normalerweise war sie stolz auf seine Fähigkeiten, sich einfach an jeden gewünschten Ort versetzen zu können. Aber nicht heute, wo sie mit ihrem Mann einen gemütlichen Abend mit dem Touristen geplant hatte. Der hing bereits wundervoll drapiert an der Decke und wurde auch nicht frischer. Und Louis wartete bereits ungeduldig auf sie und legte schon die Blutegel auf Eis. Plötzlich hörte sie irgendwo zwischen den Grabsteinen Juniors Knochenrassel und ein begeistertes Quietschen.  Eilig lief sie weiter in den Friedhof hinein, um ihren Sohn noch zu stoppen. Der Nebel lichtete sich etwas und sie sah ihn auf der Grabplatte von Anne d’Autriche sitzen und mit den Beinchen strampeln. Entsetzt wollte sie nach ihm greifen, aber es war schon zu spät. Die Luft fing an zu vibrieren und rollte sich um sie, zu einem Strudel zusammen. Dann riss es Louise von den Füssen und Junior verschwand in der Dunkelheit.


Louise kam wieder zu Bewusstsein, weil ihr Arm wie ein Höllenfeuer brannte. Sie schlug die Augen auf und erkannte, dass sie inmitten von Brennnesseln lag. Schnell stand sie auf und fuhr mit ihrer Hand über die verletzte Haut. Die roten Stellen verschwanden sofort, genau wie das Brennen. Sie lächelte leicht vor sich hin. Ihre Tochter Marie-Anne hatte in ihr die Heilerfähigkeiten geweckt. Seitdem konnte sie kleine Schäden selber reparieren. Das war vor allem praktisch, wenn die Kleine wieder irgendwo hineinbiss, wo sie nicht sollte.  Während sie noch ihren Arm betrachtete, fiel plötzlich ein Lichtschein darauf. Louise versteckte sich schnell hinter dem nächsten Baum und betrachtete die Umgebung. Wohin hatte Junior sie diesmal gebracht und wo war der Kleine überhaupt? Sie stand auf einer Wiese, die von allen Seiten mit Bäumen gesäumt war. Es war ein geschlossenes Rechteck und sie schien noch immer in Versailles zu sein. Vor ihr kamen Personen in einer Reihe durch das feuchte Gras, die Fackeln in den Händen hielten. Louise hielt den Atem an, als sie die Zeit erkannte, in der sie war. Zuerst bannte sich Kardinal Mazzarin in ihre Augen, dann kam Ann d’Autriche und dann… Louises Herz schlug schneller, als sie Minister Fouquet und das Hexentrio Montespan, Maintenon und von der Pfalz erkannte. Hinter ihnen marschierten noch mindestens zehn Personen, die sie noch nie gesehen hatte. Bis auf die Letzte. Anne Constance, die bezahlte Geliebte von Fouquet. Die Prozession zog still und puppenhaft an Louise vorbei, auf das Ende der Wiese zu. Sie trotten teilnahmslos wie Gefangene, mitten in der Nacht, einfach in den Wald hinein. Louise war hin und her gerissen. Sollte sie Junior suchen und zurück oder ihnen Folgen. Sie hatte sich gerade für das Erste entschieden, als ein Blitz durch die Bäume fuhr und etwas dunkles Grosses mit sich zog. Erstaunt sah sie, wie am Ende der Wiese ein riesiger schwarzer Wasserfall aus der Luft entstand, in den die Prozession lautlos hinein marschierte. Mit jeder eintretenden Person wurde das Wasser dünner und schien langsam zu verschwinden. Louise überlegte nicht lange und hetzte hinter Anne Constance durch den Wasserfall. Kaum war sie durch, da hatte sich das Gebilde auch schon leise, hinter ihr wieder geschlossen. Trotz der Fackeln konnte Louise absolut nichts erkennen. Alles war einfach nur pechschwarz. Es schien, als würden sie alle durch das All schweben, da nicht einmal der Boden wirklich fest wirkte. Als ein Licht plötzlich vor ihnen aufleuchtete, schloss Louise geblendet die Augen und blieb stehen. Sie verharrte eine Weile so, damit sie sich an die Helligkeit gewöhnen konnte und öffnete dann die Augen, nur um direkt auf Juniors Windel zu blicken.


Louise sah, wie sein kleiner Po hinter eine Statue wackelte. Er kroch auf allen vieren, da er noch nicht laufen konnte und nuckelte dabei genüsslich an seinen Knochen. Keiner der Anwesenden schien ihn zu bemerken. Louise war beruhigt, denn dahinter war er gut versteckt. Sie schaute sich in dem Raum um. Es schien tatsächlich ein Göttertempel zu sein. Auf einem Podest am Kopfende des Raumes waren diverse Statuen aufgestellt und zu ihren Füssen hatte es jeweils ein Feuer in kleinen Schalen. Sie schaute zu, wie Mazzarin seine Gefangenen vor die Statuen auf die Knie dirigierte. Über ihren Köpfen flimmerte die Luft leicht und lies in Bildern ihre Gedanken sehen. Louise sah Fouquets Gier nach der Königin und seinen Hass auf den König. Er war ein Schwein, dass selbst vor Schändung nicht zurückschreckte. Anne Constances Wut ging gegen Königin Louise, weil ihr Geliebter diese wollte, anstatt sie. Auch bei allen anderen war dieser Hass sichtbar. Die Luft über ihren Köpfen rotierte extrem schnell in einem Wirbel, schien dabei aber die Schärfe eines Messers zu haben. Und trotzdem waren sie nicht freiwillig hier. Mazzarin musste etwas mit ihnen angestellt und sie willenlos gemacht haben. Louise schaute auf den Kardinal. Auch seine Gedanken kreisten über ihm. Erstaunt sah sie aber keinen Hass, sondern nur die blanke Angst und die Wut darüber, dass sich seine Schäfchen nicht seinem Willen unterordnen wollten. Alle wurden durch ihre sichtbaren Gedanken verraten.  Jeder von ihnen hatte eigene Ziele, die nicht unbedingt nützlich waren für den Kardinal. Louise erkannte eine Art Voodoo. Ihre Körper gehorchten Mazzarin, aber der Geist blieb ihr eigener. Nur die Königinmutter Anne schien nicht unter diesem Bann zu stehen. Sie zitterte leicht und starrte nur auf ihren Mann, den Kardinal, der sich ihr jetzt als Hexer zu erkennen gegeben hatte. Ihre Gedanken zeigten ein Bild nackter Angst, genau wie beim Kardinal. Nur waren die Farben anders. Ihre Gefühle waren blau und seine tief violett. Scheinbar hatte er sie mit anderen Mitteln in der Hand. Erschrocken zuckte Louise aus ihren Betrachtungen auf, als ein Lichtblitz in eine der Statuen fuhr. Louise wurde schlecht. Es war die, hinter der Junior sich versteckt hatte. Mit grossen Augen sass er das und schaute der Statue nach, die plötzliche eine lebendige Frau wurde und elegant auf die kniende Gruppe zuging. Louise hatte sich unwillkürlich einen Schritt zurückgezogen. Die Frau glänzte in ihrer weissen Tunika und ihre Gedanken rotierten grün um ihren Kopf. Es war Hera, die Göttermutter, mit den giftgrünen Augen.


Die Göttin strich hasserfüllt allen Gefangenen über den Kopf. Die Berührung bewirkte, dass der Schädelknochen im oberen Drittel verschwand und das pulsierende Gehirn frei gab. Dann hob sie ihren rechten Zeigefinger, an dem eine metallene Verlängerung steckte und stiess sie jedem tief ins Gehirn. Für ein paar Sekunden verschwanden die Gedanken aller. Hera trat einen Schritt zurück und hob ihre Hände gegen den Himmel. Da kehrten die Gedanken der Opfer zurück. Alle waren nun grün, rotierten im Einklang und alle hatten nur einen Gedanken, der sich formierte. Sie wollten alle die Königin zerstören. Louise begriff nun auch, weshalb sie die Gedankenaktivität überhaupt sehen konnte. Es war Junior, der das steuerte. Es macht ihm einfach Spass, dem Farbenspiel zuzusehen. Weder Hera noch Mazzarin bemerkten dies. Die Göttin drehte sich um und ging ganz langsam auf Anne d’Autriche zu, die sie mit Panik in den Augen ansah, sich aber nicht bewegen konnte. Ihre Gedanken kreisten immer wilder und schneller, so als wollte sie unbedingt sprechen. Erstaunt las Louise ein Bekenntnis an Königin Louise und eine Entschuldigung für ihr Tun, mit der Bitte um Vergebung. Es war deutlich zu sehen, dass sich die Königinmutter mit der Schwiegertochter versöhnen wollte. Aber sie wusste auch, dass es zu spät dafür war. Hera strich ihr über die Wange und liess die Frau auch innerlich erstarren, denn sie schien ihr ihre Gedanken zu übermitteln. Erschrocken las Louise mit. Hera war nicht an der Königin interessiert. Sie wollte den König zerstören und seine Nachkommenschaft verfolgen. Und Anne d’Autriche sollte dabei nicht nur zusehen, sondern willenlos auch helfen. Hera lächelte dabei leicht Mazzarin an. Er würde dafür sorgen, dass es genauso kommen würde. Er und seine göttlich manipulierten Helfer. Anne hatte fast keine Kraft mehr zu stehen, aber ihr Körper gehorchte dem Kardinal. Und dann nieste es plötzlich lautstark vom Podest herunter. 


Louise sah, wie bei Hera sofort der tödliche Gedanke aufflammte. Aber noch bevor diese sich auf das Kind stürzen konnte, war die Vampirin bei ihr und rammte ihr die Zähne in den Hals. Dann schleuderte sie die völlig überraschte Göttin zu Boden, wobei sie ein Stück Fleisch heraustrennte und wollte zu Junior rennen. Der Kleine quiekte auf, die Luft flimmerte und alles wurde dunkel.


Louise sass wieder auf dem Grabstein von Anne d’Autriche als sie die Augen aufmachte. Würgend spuckte sie das Fleisch von Hera aus, dass sie noch im Mund hatte und wischte sich das Blut vom Gesicht. Dann spürte sie schon die Ärmchen ihres Söhnchens um ihren Hals, der sich immer noch über den Ausflug freute und vor sich hin gluckste. Sie packte ihn und rannte ins Schloss zurück. Sie musste dringend mit Louis sprechen. Und wahrscheinlich auch mit John. Die letzten Gedanken, die sie von Hera und Mazzarin gesehen hatte, hatten ein altes Geheimnis offenbart. Jetzt wusste sie, wovor Mazzarin so panische Angst hatte. Und Hera hatte sie erkannt. Die Dame war unsterblich, sie mussten dringendst raus aus Versailles.