Vampire - Franny

Louise sass nervös auf dem Rücksitz der Limousine, lutschte an ihrer Blutschokolade und zerquetschte fast ihr Handy zwischen den Knien. Währenddessen umrundeten die Polizisten das grosse schwarze Auto und guckten immer wieder prüfend ins Wageninnere. Speziell einer gestaltete sich ziemlich nervig, indem er ihr immer wieder zublinzelte. Nach dem dritten Mal war Louise endgültig empört. Wenn das ihr Louis wüsste, dann wäre der Kerl bald ein Schaschlik. Sie griff sich nochmals ihr Handy, mit den Instruktionen des Administrators. Nur zur Kontrolle. Ja, sie hatte alles richtig gemacht. Sie war zur richtigen Zeit am Zoll und Karl Friedrich war im hinteren Teil des Wagens. Dazu war er verschnürt wie ein Weihnachtspaket und in einem speziellen Käfig.

 

Ein Schatten fiel auf ihre Hände und sie sah auf, direkt in zwei freche braune Augen. Louise machte sich sofort bereit, den Zollpolizisten ruhig zu stellen, denn sie wollte schnell weiter nach Versailles. Davon abgesehen fing Karl Friedrich hinten schon an zu grunzen und würde wohl bald aufwachen. Das wäre dann endgültig das Ende der kleinen Zollstation. Nicht, dass das ein Problem gewesen wäre, ein kleiner Imbiss hätte ihr auch gut getan. Aber gegen die Kameras kam sie nicht an. Louise hasste diesen Technikkram. Überall hinderte der sie am Essen. Da konnte sie mit Karl Friedrich gut mitfühlen. Aber seit das Vampirnetzwerk bestand, bestimmte der Administrator die Regeln. Eine davon war, dass nicht öffentlich gegessen werden durfte.

 

Louise wollte gerade den süss riechenden Polizisten angehen, als sie es roch. Die braunen Augen lachten und winkten ihr Auto schnell durch den Zoll. Gleichzeitig schlug Karl Friedrich hinten plötzlich gegen das Blech. Er hatte Hunger. Die Katze war nicht nur zu wenig gewesen, davon musste er auch noch furzen, weil sie ihm nicht bekommen war. Ihr Chauffeur gab Gas und schon waren sie in Frankreich. Louise nickte anerkennend mit dem Kopf. Der Zöllner war ein Vampir gewesen. Das war schon sehr gut organisiert, das musste sie dem Chef-Admin lassen. Sie drückte auf die Kanüle neben ihr auf dem Sitz und eine Flüssigkeit lief den Schlauch entlang nach hinten. Damit war das ekelhafte Kind wieder eine Weile ruhiggestellt. Louise nahm ihren Laptop auf den Schoss und fing seufzend an zu lesen. Der Administrator hatte ihr die Verhaltensregeln für Versailles zukommen lassen. Ausgerechnet! Das war schliesslich ihr Heimatort. Dort hatte sie in alten Zeiten schon mehr Menschen im Katakomben Brunnen versenkt, als anderswo. Aber sie alle mussten gehorchen, sonst flog man aus dem Vampirnetzwerk und war auf sich alleine gestellt. Das konnte sich in der heutigen Zeit keiner von ihnen mehr leisten. Louise fand nur Trost in dem Gedanken, dass ihr geliebter Louis in Versailles auf sie wartete. Endlich! Dann startete sie die MP3-Datei und hörte der tiefen und sonoren Stimme des Administrators zu. Merkwürdig, er schien ganz nett zu sein. Das hatte auch Louis gemeint. Obwohl die Bezeichnung für einen Vampir nicht sehr natürlich war. Louise konnte den Anweisungen allerdings nicht lange folgen. Müde schlief sie ein. Hätte sie das bösartige Grinsen ihres Chauffeurs gesehen und dass dabei seine Gesichtsmaske etwas verzogen wurde, dann…

 

Ein kalter Luftzug weckte sie ein paar Stunden später wieder auf. Jemand hatte die Türe der Limousine aufgerissen. Louise erschrak und fletschte automatisch ihre Reisszähne und ihre Augen liefen augenblicklich voll Blut. Und schon hatte sie einen Schmatz mitten auf ihre Beisserchen bekommen. Louis! Strahlend stand er da und hatte vor Aufregung ganz rote Bäckchen. Louise fiel ihm erleichtert um den Hals. Sie war zu Hause, in ihrem Schloss und wieder in der Nähe ihrer geliebten toten Königin. Und Louis! Glücklich hängte sie sich bei ihrem Mann ein und beobachtete das Treiben. Der Chauffeur hatte sie direkt durch den Geheimgang in die Katakomben gefahren. Die Diener strömten herbei und fingen an, den Käfig mit Karl Friedrich aus der Limousine auszubauen. Das ging nicht so schnell, weil die Angestellten umfunktionierte Menschen waren. Also eigentlich waren sie nur noch sich bewegende Hüllen, die am Tag arbeiteten und am Abend an der Decke hingen. Deshalb hatten sie überall Löcher im Fleisch. Einerseits von den Haken und andererseits von den Röhrchen. So konnte man sie zum Essen direkt aussaugen. Natürlich nicht zu sehr, sie sollten ja am nächsten Tag wieder ihr Werk tun können. Davon abgesehen wollten die Vampire nicht auffallen, denn die französische Regierung reagierte nicht sehr gut auf schlechte Arbeitsbedingungen. Der Tod war eine solche Unannehmlichkeit.

 

Als Karl Friedrich an die Luft kam, fing er augenblicklich an zu toben und versuchte, die Dienerschaft durch das Gitter anzufressen. Und tatsächlich erwischte er den Finger einer jungen Hausangestellten. Die reagierte als Zombie erwartungsgemäss nicht darauf. Für sie war ein Glied mehr oder weniger nicht relevant. Louise fragt sich, weshalb der Administrator dieses Monsterfrettchen von einem Neffen hier haben wollte. Es wäre wirklich einfacher gewesen, diesen Schandfleck gleich in Deutschland zu schlachten und gut unter den Verwandten zu verteilen. Louis hatte ihre Gedanken gelesen und gab zurück, dass der Administrator vielleicht eine Teufelsaustreibung plante. Beide kicherten wie zwei Teenager und Louis zog sie an der Hand in ihre Gemächer, die sie seit Louis le Grand hier bewohnten. Er hatte für sie eine Überraschung geplant, bevor die grosse Sitzung wegen seines unsäglichen Neffen losging.

 

Louise betrat ihre Gruft und schrie leise vor Entzücken auf. Das alte Grab schimmerte im Kerzenlicht und beleuchtete wundervoll den Doppelsarg. Louise liebte dieses Bett. Er war herrlich weich mit dickem Samt ausgeschlagen und der Deckel knirschte so schön. Es war immer wie bei einer Beerdigung. Das war ein Luxus, den sie sich nur hier leisten konnten. In der Mitte stand der Esstisch, der sich unter den Köstlichkeiten bog. Louis betrachtete verliebt seine Frau, wie sie die Platte mit den gefüllten Blutegeln anstrahlte und beim Mückenkaviar endgültig in Verzückung geriet. Louis deutete auf den jungen Mann, der von der Decke hing und dessen Blut bereits langsam in die Gläser tröpfelte. Stolz erklärte ihr Ehemann, dass das ein Franzose aus Bordeaux sei. Der passe ganz ausgezeichnet zu den blutigen Eiterbällchen in Serumgelee. Glücklich nahm Louise seine Hand und sie setzten sich, um die Köstlichkeiten zu geniessen.

 

Louise und Louis standen wie vom Administrator angeordnet auf den abgesperrten Zuschauerrängen über dem grossen Amphitheater ganz tief in den Katakomben. Es diente früher als Kampfarena für jungen Vampire. Bei Festen wurden darin natürlich auch Menschen gejagt. Vergleichbar mit den Stierkämpfen von heute. Es hatte einen Durchmesser von fast hundert Metern. In der Mitte war ein Schacht, in den das Blut ablaufen konnte. Jetzt waren rund um das Theater Vampire auf den obersten Reihen aufgestellt. Louise kannte die meisten von ihnen. Auch ihr Chauffeur war darunter. Alle warteten ruhig. Plötzlich gab es eine Bewegung und die Königstüre ging auf. Sie war in alten Zeiten ausschliesslich dem König vorbehalten gewesen. Heute durchschritt sie ein anderer. Es war der Administrator. Louise sah ihn zum ersten Mal richtig. Meist war er einfach die dunkle Eminenz hinter allem. Er war gross und hatte silberne Haare. Um seine Tarnung perfekt zu machen, trug er sogar eine Brille. Für Vampire war das natürlich ein Blödsinn, aber er sah gut aus damit, fand Louise. Alles blieb still, keiner sagte ein Wort. Der Administrator trat an den Rand des Theaters und hob die Hand. Louise war verwirrt, wollte er Karl Friedrich durch das Theater jagen? Das war inzwischen auch für sie viel zu gefährlich. Karl Friedrich verdankte seiner Abstammung Kräfte, die die ihren weit überstiegen. Plötzlich etwas ängstlich, griff Louise nach der Hand ihres Mannes und starrte in die Manege. Nicht lange und das frühere Tor für die Menschen öffnete sich auf der einen Seite. Mit Wutgebrüll schoss Karl Friedrich auf allen vieren heraus und fletschte geifernd sein Gebiss, dass inzwischen fast den ganzen Kopf einnahm. Er hatte weder mit einem Menschen noch mit einem Vampir mehr viel gemein. Er war ein Monster, dass sie alle töten würden, wenn sie nicht hinter Gittern wären. Louise erschauderte. Wieso konnten sie ihn nicht einfach töten, schliesslich war er nicht mehr wirklich ein Vampir? Aber sie hatte zu laut gedacht. Der Administrator hatte sie gehört und alle anderen auch. Er drehte den Kopf in ihre Richtung und gab ihr zu verstehen, dass er genau das war, ein Vampir. Und das sie nicht berechtigten wären, ihn zu töten. Entsetzt schnappte Louise nach Luft und schmiegte sich an ihren Mann. Der hielt sie beruhigend fest. Dann kam nochmals die Stimme des Administrators. Leise erklärte er, dass nur eine Person Karl Friedrich töten durfte. Seine Mutter. Dann war wieder Stille.

 

Es knarrte und die zweite Tür zum Amphitheater ging auf. Das Monsterfrettchen stoppte und starrte gierig auf die Person, die gewaltsam in die Arena geschoben wurde. Louise stockte der Atem, als sie die Frau erkannte, und schliesslich ein zitterndes Franny über ihre Lippen kam. Da stand sie, im Business Anzug, blondierten Haaren und knallroten Lippen. Madame de Montespan! Die Frau, die Königin Louise hatte verdrängen wollen, die Frau, die der König gehasst hatte, wie die Pest. Ein Monster, war die Mutter des Monsters! Karl Friedrich schien die Verwandtschaft jedoch wenig zu interessieren. Er fing an, sein Opfer zu umkreisen. Er hatte Hunger. Franny stiess einen Schrei aus und die Reisszähne klappten langsam einer nach dem anderen heraus. Sie war zu alt und die Zähne reagierten nicht mehr so richtig. Auch das Blut wollte nur noch bedingt in die Augen schiessen. Karl Friedrich registrierte sofort, dass er hier ein leichtes Opfer hatte und griff an. Doch bevor er zubeissen und ihren Bauch herausreissen konnte, stoppte Madame de Montespan ihn mit einem Taser.

 

Louise fluchte innerlich. Sie wollte den Tod dieses elenden Stücks und nun kam ihr wieder diese verdammte Technik des 21. Jahrhunderts dazwischen. Karl Friedrich schüttelte sich kurz und ging wieder zum Angriff über. Franny grinste nun siegessicher und hielt den Taser hoch, als der Junge zum Sprung ansetzte. In Zeitlupe sahen die Vampire, wie sich ein Schatten von den Wänden löste und sich zwischen Franny und ihren Sohn legte und damit den Taser blockierte. Karl Friedrich riss seiner Mutter in der nächsten Sekunde das Herz heraus und frass den Taser gleich mit. Franny fiel tot nach hinten auf den Boden und Karl Friedrich kaute genüsslich auf dem Stück Plastik herum und schluckte es schliesslich ganz. Er drehte sich um, sah direkt in Louises Augen und dann explodierte er.

 

Plötzlich löste sich der Schatten wieder von der Wand und schwebte über die Leiche der Madame de Montespan. Dort verharrte er, wurde immer heller und es formte sich eine Gestalt. Louise stockte der Atem als sie ihn erkannte. Es war der König. Louis le Grand! Er schien die Leiche anzulächeln, fing an zu glitzern, drehte sich um und schwebte auf Louise zu. Kurz vor ihr stoppte die königliche Wolke und eine durchsichtige Hand löste sich aus dem Nebel. Zart streichelte der Sonnenkönig Louise über die Wange und löste sich wieder im Nichts auf. Louise liefen die Tränen übers Gesicht. Er hatte sich an Franny gerächt und den Taser gestoppt. Er hatte so noch im Tod, die Frau umgebracht, die seine geliebte Königin so gequält hatte. Selbst im Jenseits war dieser König unerbittlich, was seine Frau anging.

 

Louise und Louis standen vor dem Eingang zu den Katakomben. Sie waren bereit für die Abreise und packten ihre Koffer in ein Taxi. Diesmal ging es zum Flughafen. Noch bevor sie einsteigen konnten, stand er plötzlich da. Der Administrator. Ruhig blickte er Louise an und sagte, sie dürfe ihn John nennen. Dann lächelte er leicht, neigte den Kopf und fügte hinzu, dass er vieles sei, aber sicher nicht nett. Mit diesem Satz verschwand er wieder in der Dunkelheit und liess eine sprachlose Louise zurück. Woher wusste er bloss, dass sie ihn nett genannt hatte? Aber es gab noch einiges mehr, dass sie nicht verstand. Wer war John überhaupt und wieso war Karl Friedrich explodiert? Bevor Louise zu Louis ins Taxi stieg sah sie noch kurz ein Gesicht in der Dunkelheit aufblitzen. Es war ihr Chauffeur. Irgendwie kam er ihr bekannt vor. Louise schüttelte den Kopf und stieg ins Taxi ein. Sie wollte endlich nach Hause. Mit Louis.