Vampire - Die Geister, die ich rief...

Hastig lief die Beduinin durch die dunklen Gassen Kairos und sah sich immer wieder hektisch um. Kaum blieb sie stehen, hörte sie die Schritte ihrer Verfolger hinter sich, die sich ihres Opfers schon sicher waren. Die Frau bewegte sich schneller, aber die Geräusche der Sandalen, die die Männer trugen, hielten mit. Sie sah das letzte Haus der Stadt und rannte in die dunkle Wüste hinaus, die nur vom Mond erhellt wurde. Sie hoffte, sich in den Sandhügeln verstecken zu können. In der Ferne nahm sie im Augenwinkel die Schatten der Pyramiden wahr, während sie verzweifelt versuchte, auf den rutschigen Dünen halt zu finden. Plötzlich verfing sich ihr Fuss in ihrer langen Burka und sie stürzte die Dünen hinunter. Schnell wollte sie sich aufrappeln, aber es war zu spät. Die vier Männer standen bereits grinsend um sie herum und kamen näher. Der erste stiess ihr mit seinem Fuss in die Seite und beugte sich über ihr Gesicht, einen Dolch an ihren Hals setzend. Seine Hand wanderte grob über ihre Burka und setzte an, um sie wegzureissen. Seine Kumpane fingen an zu johlen und hoben ihre Kaftane, um ihre Männlichkeit triumphierend in die Luft zu strecken. Die Beduinin sah dem ersten, der schon fast über ihr lag in die Augen. Sie wusste, es war soweit. 


Das Blut sickerte von allen Seiten aus dem Körper und verklebte die Sandkörner um die Leiche herum, zu kleinen Klumpen. Es war totenstill in der Wüste, nur ein leises und wiederholtes Würgegeräusch war zu hören. Nach einer Weile kam ein sanftes Rascheln des Sandes dazu, so, als würde sich etwas bewegen. Sie hob den Kopf und sah direkt in die tiefgrünen Augen einer schwarzen Katze, die sie vorsichtig beschnupperte. Dann fuhr ihr das Tier mit der rauen Zunge über das Gesicht und leckte an dem herabrinnenden Blut. Wütend schlug sie mit der Hand nach der Katze und richtete sich auf. Louise stand inmitten der Männerleichen, die sie gerade gerissen hatte, noch ein Herz in der Hand und starrte auf das Katzenvieh, dass sie bei ihrer Mahlzeit störte. Das Tier hatte eine weisse Färbung am Kopf, die aussah, wie eine Krone. Louise wurde misstrauisch und näherte sich der Kreatur. Da drehte der Wind und sie roch es. Merlinea! Der Geruch war eindeutig und kam aus dem Fell dieses Katers. Auch das konnte Louise jetzt riechen. John hatte die Vampire an verschiedene Orte geschickt, um die verschwundene Zauberin zu suchen. Hatte sie die Freundin gefunden? Merlinea musste den Kater in den Händen gehalten haben, denn nur so war der Geruch erklärbar. Und es konnte nicht allzu lange her sein. Sie sah, wie das Tier den Kopf neigte und elegant in die Wüste hinaus spazierte. Louise seufzte und folgte dem Kater in die Dunkelheit. Sie hoffte dabei, dass die unvergleichliche Mahlzeit, die hinter ihr im Sand lag, bei ihrer Rückkehr noch da sein würde. Ihr war immer noch schwindlig von dem Gefühl, endlich wieder richtig gejagt zu haben. Auch wenn sie die Männer dabei nur aus der Stadt gelockt hatte. Aber in der Millionenstadt Kairo war Vorsicht geboten. Nicht einmal hier konnte sie offen jagen. Sie folgte der Katze in die endlose Weite und der Marsch liess ihre blutgetränkte Burka trocknen. 


Der Vollmond schien hell auf den Sand, sodass sie der Katze problemlos folgen konnte. Kein Windhauch regte sich und sie konnte sogar die Pfotenspuren des Tieres vor sich sehen. Plötzlich stoppte das Tier, verharrte regungslos und stellte die Ohren auf. Angestrengt horchte Louise in die Nacht, bis sie das Zirpen auch vernahm. Die Katze bewegte sich die Düne hinauf und blieb auf dem Kamm wieder stehen. Sie wartete auf ihre menschliche Begleitung und starrte auf die Sandfläche vor ihr. Louise stellte sich neben das Tier und sah mit Erstaunen, dass der Boden auf einer weiten Fläche ohne jede Erhöhung war. Keine Dünen. Und er war tief schwarz. Es war, als hätte sie das Licht im Rücken und die Dunkelheit vor sich. Das immer lauter werdende Zirpen irritierte sie zunehmend, da sie dem Ton keine Richtung geben konnte. Plötzlich miaute die Katze leise und der schwarze Boden fing an, sich zu wellen. Dabei trug die Bewegung eine Schicht über die andere, bis Mauern entstanden. Erschrocken sah Louise zu, wie sich vor ihren Augen ein Bauwerk aus dem Sand erhob, bis die Spitze in den Himmel ragte. Es war eine Pyramide! Sie überragte diejenige von Cheops grössenmässig um mehr als die Hälfte. Nur schienen die Wände nicht fest zu sein, da sie immer wieder unter kleinen Wellen erzitterten. Das Zirpen wurde noch lauter und ein gleissendes Licht ging im Innern der Pyramide auf. Der Kater drehte den Kopf zu ihr, so als wolle er sie auffordern, mitzukommen. Dann tappte er, die Schnurrhaare aufgerichtet, auf eine grosse Öffnung in der Pyramide zu, die sich gerade bildete. Vorsichtig folgte ihr Louise, immer das Gebilde im Auge behaltend. Sie stieg über die Treppe, die sich vor dem Tor geformt hatte und fühlte die Bewegung unter ihren Füssen. In diesem Moment war das Licht so hell, dass sie die Mauern erkennen konnte. Angeekelt zuckte sie zurück. Es waren Millionen von Grillen, die ihre Flügel bewegten und sich aneinanderklammerten, um so Mauern und Boden bilden zu können. Die Katze war verschwunden und Louise allein. Sie trat auf dem sich bewegenden Boden ein und hob die Hand vor die Augen. Die Lichtquelle war eine mannshohe Kugel, die mitten im Raum schwebte. Sie schien sich im Takt des Grillengesangs um sich selber zu drehen. Louise erkannte eine Gestalt, die in der Kugel schwebte und ging langsam drauf zu. Ein paar Meter vor dem Gebilde erkannte sie das Gesicht hinter dem Licht. Merlinea! Schlafend schwebte sie bewegungslos im Licht. Hinter Louise ertönte ein hoher Ton und die Mauern schlossen sich um sie. Sie war in der Pyramide gefangen.  Während sie noch auf die Lichtkugel starrte, wurde sie langsam dunkler und ging in ein Dämmerlicht über. Dafür gingen im ganzen Innenraum, der so gross wie eine Kathedrale war, ganz kleine Lichter an, die mit einem surren durch die Luft und über ihren Kopf flogen. Louise schaute ihnen alarmiert zu, bis die Lichter sich in die Wände setzten und alles still wurde. Totenstill. Nicht einmal mehr die Grillen zirpten. Ein tiefes Brummen ertönte und Merlineas Kugel fing an, in violett zu pulsieren.

 

Angestrengt suchte Louise nach dem neuen Ton, bis sie die Bewegung sah. Direkt neben der Kugel wuchs eine Treppe von oben aus dem Nichts, in Richtung der Vampirin. Sie wich einen Schritt zurück, als sich darauf ein schwarzer Nebel verdichtete und sich zu einer Gestalt formte. Sofort fingen die kleinen Lichter wieder an durch die Luft zu gleiten und landeten schliesslich alle auf dem Boden. Louise hielt den Atem an, als die brummende Figur mit der Hand über die Kugel strich und diese hell aufstrahlte. Louise musste die Augen schliessen, da der plötzliche Lichtschein sie blendete. Der Luftzug über ihren Augen, liess sie erschrocken zurückfahren und die Augen aufreissen. Die Gestalt stand dicht vor ihr und sie zuckte unwillkürlich zusammen. Er war es! Der Kardinal des Todes! Louise schauderte, als sie ihm ins Gesicht sah, denn der Mann hatte sich aus Fliegen geformt. Er war ein einziges Brummen, das aus tausenden von lebenden Fliegen bestand. Selbst die Augäpfel flatterten. Louise würgte und ihr Magen verkrampfte sich. Vor ihr stand Kardinal Richelieu, der Teufel persönlich und starrte sie aus schwarzen Fliegenaugen an. Er, der die Macht des Hauses Bourbon gewollt und für die Intrigen gegen den König verantwortlich gewesen war. Sie wich noch ein paar Schritte zurück und versuchte ihren Ekel im Zaum zu halten. Ihr wurde bewusst, dass der Kerl Merlinea entführt hatte, um mit ihrer Hilfe den König zu töten. Sie war in eine Falle getappt. Erneut wich sie einen Schritt zurück. Der Kardinal bewegte sich nicht mit ihr, dafür die kleinen Lichter. Louise sah genau hin und erkannte Katzen. Tausende von Katzen. Mitten unter ihnen war der Kater, der sie im Auftrag des Kardinals, hierhergeführt hatte. Nun wusste sie wer er war. Paul, der König der Vampirkatzen. In der Literatur wurde er auch Paul le Grand genannt, weil er the First Cat vom Kardinal war. In Louise begann das Grauen das Rückenmark hochzusteigen. Sie war in der Höhle der Schattenkatzen gelandet. Die Brut frass nur ein Futter, nämlich weibliche Vampire im gebärfähigen Alter. Entsetzt schaute sie sich um, aber es gab keinen Fluchtweg. Die Grillen hatten die Pyramide vollständig geschlossen und Merlinea konnte auch nicht helfen. Sie lag immer noch in der Kugel. Paul hatte sie eingeschläfert. Es gab keinen Weg zurück. Ein tausendfaches und ohrenbetäubendes Fauchen liess Louise erzittern. Die Katzen begannen sich zu strecken und falteten ihre Fledermausflügel aus. Während des ganzen Prozesses beobachteten die Tiere ihr Opfer. Dabei lief ihnen der Geifer langsam aus dem Maul, aus dem plötzlich lange, spitze Reisszähne hervorstachen. Louise sah noch, wie der Kardinal in die Hände klatschte und damit ein matschiges Geräusch hervorrief, weil er die äusserste Schicht Fliegen zerquetschte. Dann stob die Meute mit einem einzigen Schrei in die Luft und stürzte sich zähnefletschend auf Louise. Sie spürte den ersten Biss schmerzhaft an ihrem Arm, mit dem sie die Augen schützte, als ein lauter Donner durch die Pyramide fuhr und augenblicklich alles in einem Feuerschwall explodierte. 


Stille. 


Louise öffnete die Augen und starrte der lächelnden Merlinea ins Gesicht. Die half ihr, sich aufzurichten und sie erkannte, dass sie mit ihrer Freundin in der Kugel sass. Ein erneuter Feuerschwall liess sie zusammenzucken. Erstaunt sah sie nach draussen. Die Grillen hatten alle Feuer gefangen und fielen wie in einem gewaltigen schwarzen Regen als kleine Aschehäufchen zu Boden. Sie sahen aus, wie tote Schmetterlinge. Der Kardinal versuchte mit den Vampirkatzen aus dem Feuer zu fliehen und in den Himmel zu gelangen. Auf halbem Weg nach oben, türmte sich über ihm und den Tieren eine Wolkenfront auf, die mit einem tief violetten Regenguss über ihn und die Vampirkatzen hinwegfegte. Den Fliegen des Kardinals geschah nichts und er stieg brummend weiter nach oben. Die Katzen fingen in der Luft an zu zittern und wurden immer kleiner, bis sie endgültig zu Vampirfledermäusen mutiert waren. Das geschah in rasendem Tempo. Sofort umkreisten sie hungrig und wild den Kardinal und fingen an, die Fliegen zu schlucken, die seine Gestalt formten. Sie frassen sich vom Kopf bis zu den Füssen durch, bis die letzte Fliege in ihren Mägen verschwunden war. Dann formierten sie sich und flogen ihrem Anführer hinterher, auf die Lichtkugel der beiden Frauen zuschoss. Louise sah die weisse Färbung auf dem Kopf der führenden Fledermaus und erkannte Paul, den ehemaligen Katzenkönig. Es waren so viel Fledermäuse, dass das Mondlicht nicht mehr zu sehen war und man das Gefühl eines Weltunterganges hatte. Wie ein riesiger Pfeil schosse die Meute zähnefletschend auf das Licht der Kugel zu. Louise wurde nervös, aber Merlinea setzte sich ruhig auf den Boden und zog sie mit sich. Über den Vampirfledermäusen formierte sich wieder die Wolke, reagierte aber nicht weiter. Louise zog den Kopf ein, als der Schwarm kurz vor der Kugel war und erwartete die Aufschläge und damit das Brechen ihrer Zuflucht. Stattdessen hörte sie ein lautes Zischen und dumpfe Schläge auf dem Boden. Vorsichtig sah sie hinaus zu den Viechern, die unaufhaltsam auf sie zuschossen. Aber kurz vor dem Lichtschein verdampften die Fledermäuse und zerfielen sofort zu Staub. Eine nach der anderen, flog wie die Motte in das Licht. Nach einer Stunde war es vorbei und ein riesiger Aschehaufen lag um die Kugel herum. Damit war auch der Kardinal nicht verdaut, sondern verdampft. Keine Fliege hatte die Fressorgie überlebt.  


Louise stand mit Merlinea auf der Asche und atmete erleichtert die frische Luft ein. Nachdem alle Tiere aus dem Schattenreich und der Kardinal vernichtet waren, war auch die Lichtkugel verschwunden. Merlinea stand ein paar Meter weiter weg und war von einer grauen Wolke dicht umgeben. Louise lächelte zufrieden. Sie konnte warten, bis Merlinea fertig war. Sie sprach mit ihrem Vater, Hermes Trismegistos, dem ersten und grössten Zauberer der Erde. Nach der Legende war er ein geborener Ägypter. Und der duldete keine Konkurrenz auf seinem Boden. Ja, auch Kardinäle des Teufels wussten nicht alles. Mit ihm waren auch seine 14 Geisterkatzen dem magischen Feuer zum Opfer gefallen. Trismegistos hatte ganze Arbeit geleistet. 


Während Merlinea sich mit ihrem Vater unterhielt, wurde die Nacht langsam durch das Dämmerlicht des anbrechenden Tages verdrängt. Louise nahm eine Bewegung wahr und schaute über die schwarze Sandfläche. Dort wo noch vor kurzem die Grillenpyramide gestanden hatte, erhoben sich Schatten aus dem Boden. Es waren Knaben in Lendenschürzen, die durchsichtig, klein und zart zwischen den Dimensionen verschwanden. Louise ahnte mehr, als sie es wusste, dass hier weitere Opfer von Richelieu endlich ihren Heimweg fanden.  


Was Louise betraf, so wollte sie nie wieder einen Kardinal sehen, von denen hatte sie endgültig genug. Ausser zum Lunch natürlich. Und Paul le Grand? Der war jetzt Paul le Mort.