Vampire - Blutsfreunde

Ihr Blick glitt stolz durch den Raum. Es war ruhig, bis auf das gelegentliche Zischen und Schnappen. Langsam bewegten sich die riesigen schwarzen Echsen im Kreis um die Mitte des Platzes und liessen immer wieder ihre langen gespaltenen Zungen wie Klapperschlangen durch die Luft schiessen. Sie wollten ihr Futter, das wie immer in der Mitte platziert war. Aber es war noch nicht Zeit zum fressen. Behäbig schleppten die Tiere ihre grossen Bäuche über den Boden und warteten auf die Erlösung. Freudig sah die Beobachterin, dass es bei einer Echse wieder soweit war. Sie begann sich zu krümmen und die muskelbepackten Beine fingen an zu zittern, als sich ihr Bauch immer mehr aufblähte. Unter dem Gewicht knickten die Beine schliesslich ein und das Tier kippte auf die Seite. Dabei wurden seine Zischlaute immer schneller und erinnerten an ein Hecheln. Die ersten Risse in der Bauchwand liessen dem Tier ein dumpfes Krächzen entfahren und schon war die Bauchdecke am Aufplatzen. Bläulicher Schleim floss zäh und klebrig aus der Wunde, die sich immer mehr vergrösserte. Der Knall des schliesslich berstenden Bauches übertönte das Zischen der anderen Echsen, die bereits gierig ihre Artgenossin belauerten. Mit einem Schwall dunkler Flüssigkeit wurde eine zusammengekauerte Gestalt geboren und rutschte zuckend auf den rosafarbenen Marmorboden. Die Frau schnippte mit den Fingern und zwei geflügelte Wesen, die aussahen wie Wölfe, mit den Klauen eines Adlers, flogen in den Raum und griffen sich die Gestalt. Keine Sekunde zu früh, denn die restlichen Echsen stürzten sich auf das sterbende Tier, rissen Fleisch und Knochen auseinander und frassen den Kadaver geifernd und laut zischend auf. Die Frau drehte den Kopf und sah in den Käfig, der inmitten der tobenden Echsen stand und starrte gebannt in die Augen des Kindes. Sie zuckte zurück! Die Augen der Kleinen blickten sie nicht ängstlich, sondern wütend an. Marie-Anne starrte Hera böse ins Gesicht und murmelte etwas vor sich hin. Dabei krallte sie ihre Finger in den Baby-Vampirhai, der mit ihr entführt worden war. Er war bereits tot. Hera lächelte leicht. Das Mädchen würde dem Fisch bald folgen, genau, wie seine Eltern.


Man hätte Louise und Louis für ein Bankerpaar halten können. Er im schwarzen Anzug mit Krawatte und sie im ebenfalls schwarzen Business-Outfit, die blonden Haare streng zurückgebunden. Nur ihre eiskalten, blutunterlaufenen Augen und die Reisszähne, die die Lippen trennten, widersprachen diesem Eindruck. Louis Junior hatte sie in das Gebäude gebracht. Irgendwo hier war Marie-Anne! Entgeistert sah Louise in die Tiefe. Sie waren in einem gewaltigen runden Turm, der den Durchmesser eines Fussballfeldes hatte. An den Wänden entlang waren Regale mit tausenden von Büchern gestapelt. Die Treppen, die von einem Stockwerk zum anderen führten, hingen frei in der Luft und führten kreuz und quer von einem Regal zum nächsten. Es war keine Halterung zu erkennen. Irgendwie erinnerte sie das an Venedig und die Seufzerbrücke. Sie und Louis standen in der Mitte des Gebäudes auf einer frei schwebenden Brücke, die sich langsam im Kreis drehte. Der Boden unter ihnen war so weit entfernt, dass er nicht mehr zu erkennen war. An den Wänden erkannte sie Bewegungen. Mit ihren perfekten Augen erkannte Louise Männer und Frauen, die Bücher hin und her sortierten. Sie fuhr ihre Zähne leise knurrend weiter aus und war entschlossen, zu springen. Aber Louis hielt sie zurück. Selbst für Vampire war die Entfernung zu gross. Bevor sie weitere Überlegungen anstellen konnte, fing die Brücke an, nach oben zu gleiten, indem sie wie ein Kreisel zu rotieren begann. Langsam schwebten die beiden dem grünlichen Licht entgegen, dass wie ein Auge auf sie herab schien. 


Louise fuhr der Fahrtwind durch die Haare und sie hielt sich an Louis fest. Dieses Karussell machte ihrem Magen langsam zu schaffen. Ihre Därme fingen bei jeder Drehung mehr an zu Gurgeln und drückten den Inhalt Richtung Hals. Jetzt bereute sie, dass sie vorher noch einen Snack genommen hatte. Aber die Leiche war zu schön gewesen. So jung und gesund. Sie hatte einfach nicht widerstehen können und sie angezapft, bevor sie sie in den Ofen geschoben hatte. Sie merkte, dass sich das sehr bald rächen würde. Als ihr das Blut schon langsam aus dem Mund lief, stoppte die Brücke und dockte an der Wand an. Erleichtert sprangen sie auf den festen Boden. Louise schluckte das Blut wieder hinunter und wollte sich umsehen. Aber Louis packte sie an der Hand und zog sie auf einen Durchgang zu, der bald in einem riesigen Saal endete. Der Raum erinnerte in seiner Machart an die Camelot. Nur, dass hier Menschen in der Luft hingen. Hunderte von Menschen! Sie schaute nach oben. Die Körper schwebten genau wie die Treppen, frei im Raum und waren mit schwarzen Gummianzügen bekleidet. Selbst das Gesicht war damit bedeckt. Sie sahen aus wie Fliegen. Dann erreichte ihr Ohr ein Wispern. Es klang, als würden tausend Gedanken miteinander kommunizieren. Louis deutete auf den nächsten Körper, der genau über ihnen hing. Da erkannte sie Silberfäden, die von den Köpfen aus in die Wand und zu einer Art Schalttafel führten. Die Flächen der Tafeln leuchteten mit jedem Gedanken dieser Menschen grünlich auf und erloschen wieder, wenn die Person aufhörte zu Wispern. Es sah aus, wie ein riesiges Spinnen-Netz, mit den Opfern darin. Es fehlte nur noch die Spinne. Louise näherte sich einem Körper und roch daran. Irritiert zuckte sie zurück. Das war kein Mensch! Das Ding roch wie ein Reptil. Was zum Teufel war das? Und wo war ihre Tochter? Louis hielt sich nicht mit riechen auf. Er packte den Mann und biss ihn in den Oberschenkel. Kaum hatte er das getan, würgte er auch schon und spuckte alles wieder aus. Entsetzt sah Louise einen bläulichen Schleim, der an seinem Kinn hinunterlief. Bevor sie weiter nachfragen konnte, begann der Boden zu vibrieren und wurde langsam durchsichtig. Vorsichtshalber hielten sie sich an dem Gebissenen fest und sahen, was sich unter ihren Füssen tat. Leise schrie Louise auf, als sie direkt auf Marie-Anne blickte. Ihre kleine süsse Tochter, die inmitten von geifernden riesigen Reptilien sass, die hungrig nach ihr leckten. 


Ein Geräusch liess beide nach oben blicken. Vor ihren Augen schwebte sie herab und blieb vor ihnen stehen. Selbst jetzt wehte ihr grünes Kleid noch, obwohl kein Wind spürbar war. Hera! Sie wirkte tatsächlich wie eine Spinne in all den Silberfäden. In der Hand hielt sie ein Buch, dass sie Louise wutentbrannt vor die Füsse warf. Sie erkannte das Cover sofort. Es war Louise Bourbons Buch über die Sonnenkönigin. Das Buch der Wahrheit. Der Sturm der Gedanken, der dann plötzlich von Hera auf Louise und Louis einprasselte, war kaum zu ertragen. Sie standen im Historiker Saal. Nicht die Menschen schrieben ihre eigene Geschichte auf, sondern die Wesen, die sich als griechische Götter ausgaben. Hera schrieb ihre eigene Wahrheit und produzierte mit den Echsen fertige Akademiker, die Anstellungen an allen Universitäten fanden. So verschleierte Hera die Wahrheit und vor allem Zeus Taten. Und sie akzeptierte keinesfalls eine andere Wahrheit, ausser die Eigene. Die letzte Botschaft von Heras Gedankenangriff war klar: «Töte die Autorin Louise Bourbon und Marie-Anne wird leben! » Damit hob Hera die Hand und fing an, den Käfig zu öffnen, in dem die Kleine sass. Die Echsen drehten sich sofort gierig in ihre Richtung, um an ihr Futter zu kommen. Louise ging kalt einen Schritt auf Hera zu und zeigte ihr mit einem Bild, dass sie in ihre Gedanken gab, dass sie das Geheimnis bereits kannte und nicht hüten würde. Daraufhin schrie Hera hysterisch auf und entfernte Marie-Annes Käfig ganz. Die Echsen rissen ihr Maul auf und warfen sich geifernd auf das kleine Mädchen. Das Getöse, das dann erfolgte, riss alle von den Füssen. Mit einem Donnerknall peitschte ein Nebel durch die Wand des Turms und raste über die Tiere, die er wie eine Raspel zerriss und die kleinen Fleischfetzen im Raum verteilte. Entsetzt wollte Louise ihre Tochter retten und hämmerte mit den Fäusten auf den Boden. Louis stürzte sich mit einem Wutschrei auf Hera und riss dabei ein Stück ihres Gesichts vom Schädel. Dann drehte der Nebel und schoss direkt auf Louise zu. Sie spürte noch, wie er sie ergriff. Zusammen mit Louis und Hera wurde sie von dem Nebel durch den Durchgang in die Tiefe des Turms gerissen. 


Louis schüttelte seine Frau und versuchte sie wach zu kriegen. Endlich schlug sie die Augen auf. Erstaunt stellte sie fest, dass sie zu Hause waren. Weshalb und wo war Marie-Anne? Louis grinste nur, zog sie vom Boden hoch und führte seine Frau in den Blutkeller nebenan. Louise riss die Augen auf. Da sass ihre Tochter und biss gerade in Heras Bein. Die Dame war bereits am Haken und ihr göttliches Blut tropfte leise auf den Tisch unter ihr. Marie-Anne sass gemütlich unter dem Schlauch, der aus dem Bauch der Göttin kam und saugte genüsslich deren Blut auf. Erschrocken machte Louise einen Satz, als wieder der Knall ertönte und er Nebel in den Keller wallte. Aber Marie-Anne kreischte nur entzückt auf und klatschte begeistert in ihre kleinen Patschhändchen. Das Gebilde setzte sich vor das Mädchen und formte sich zu einer Gestalt. Louis stöhnte entsetzt auf und Louise war konsterniert. Es war Karl Friedrich, Marie-Annes Cousin. Die Kleine hatte also einen Untoten Geist als Freund. Eine Bestie, die sie trotz allem gerettet hatte. Scheinbar hatte er den Mord an sich verziehen. Nun musste Louise doch lächeln. Ihre Tochter hatte offensichtlich das Talent, Monster zu beherrschen. Auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie sie das machte. Das dürfte den restlichen griechischen Gottheiten allerdings nicht sonderlich gefallen. Dann zog sie am Seil und liess die bewusstlose Hera vom Haken auf den Tisch gleiten. Louise beugte sich über das zerstörte Gesicht und leckte darüber. Ja, dieses alte Blut war köstlich. Damit war Hera der beste Jahrgang im Keller. Louise zog Hera wieder an die Decke und griff nach Louis Hand. Es wurde Zeit, dass er das Geheimnis erfuhr. Etwas, das selbst Louise Bourbon, die Autorin, noch nicht kannte. Aber sie kam nicht mehr dazu.


Das Haus erzitterte und in Sekundenschnelle hatte ein starker Wirbel die Gruppe erfasst, zog sie durch ein gleissendes Licht und presste sie, wie in einer Walze, zusammen. Zeus! Er war seiner Frau gefolgt. Louise drehte sich in der Luft um sich selbst, sah dabei ihre Familie sterben und wusste, dass es ihr ebenso erging. Louis! Den Schatten, der sich plötzlich im Wirbel zeigte, nahm sie kaum noch wahr. Aber sie erkannte am Leuchten noch matt den Geist vom Sonnenkönig, Louis XIV, der seine Hand nach dem zornigen Gott ausstreckte und nur zwei Worte sagte: «Vater, bitte»! Ihr letzter Gedanke war, dass wenigstens Louise Bourbon nicht sterben musste. Dann wurde ihr Brustkorb zusammengedrückt und es wurde endgültig dunkel.