Mini - Zuviel Intelligenz ist ungesund!

Gemütlich lümmelte ich auf meinem Sofa und studierte mit Vergnügen mein neues Buch. Eigentlich hatte ich es nur gekauft, weil ich den Autor im Flugzeug von Kairo nach Zürich getroffen hatte. Er hatte seiner Reisegruppe in kriminell witzigem hochdeutsch die Welt der Ausserirdischen erklärt. Ja, es war ein Buch über UFOs und ich war gerade in der Untertellerphase. Während ich so friedlich vor mich hin las und dabei pikiert feststellte, dass wir vom Weltall aus heimlich beobachtet wurden, wartete ich auf meine Nachbarin Heidelinde. Sie wollte mir Nudeln bringen.

 

Heide war quadratisch, nett und praktisch. Sie kämmte ihre Haare mit einem Lineal, tackerte sie fest und schminkte sich mit dem Zirkel. Millimetergenau. Ihre Schuhe hätten ihrer Grossmutter alle Ehre gemacht und wo sie ihre Kleidung herhatte, habe ich nie herausgefunden. Jedenfalls kannte ich den Stil eher von Beerdigungen. Ansonsten war sie ziemlich normal. Heide war Germanistikstudentin und musste viel lesen. Ihre Grammatik war perfekt, aber das Textverständnis hinkte ihrem Alter leicht hinterher. Sie steckte geistig immer noch irgendwo zwischen Hänsel und Gretel und dem bösen Wolf. Deshalb half ich ihr gelegentlich bei ihren Büchern für die Uni.

 

Nicht lange und es klingelte. Heide kam herein und stellte, im fröhlichsten Zustand den sie kannte, also angemessen freundlich, mein Essen auf den Tisch. Auch ihr Benehmen war immer massgeschneidert und super korrekt. Ja, wirklich immer! Ich wollte ihr gerade für ihre Mühe danken, als ich bemerkte, dass sie erst steiff wie ihre Frisur wurde und dann völlig unerwartet explodierte. Eigentlich verstand ich nicht viel von dem Geschrei, das über mich hinweg donnerte, wie ein durchgeknallter Saurier mit einer Dynamitstange im Hintern. Heide spielte inzwischen Pompeji und dampfte gehörig, während ihre kurzen Pfostenbeinchen anfingen zu stampfen, als wollte sie Weintrauben töten. Dabei hämmerte sie mir die Worte Dreck, Schund und Mist so laut in die Ohren, dass mein Kopf sofort den Gehirnzellentod einleitete! Gelegenheit das Schwert zu ziehen, bekam ich deshalb nicht. Weiter kreischend, wie Fingernägel auf der Schiefertafel, warf sie mir geifernd entgegen, dass nur wissenschaftliche Bücher von Wert seien. Sie wisse das, da sie zur Elite des Landes gehöre. Dabei spuckte sie beim Mundaufreissen fortwährend auf meinen sauberen Salontisch.

 

Mir blieb nur das Zurückstarren und die Hoffnung, nicht erschlagen zu werden. Plötzlich klammerte sie sich an ihre Riesenumhängetasche, die einem Kängurusack nachempfunden schien und teilte mir immer noch spuckend mit, dass ich dumm sei. Denn nur wer absolut verblödet wäre, würde so einen Dreck lesen. Und schon drehte sie sich pfeifend wie ein Asthmatiker um und verliess türknallend meine Wohnung.

 

Erschrocken fing ich sofort an, das Buch zu untersuchen. Hatte es geheime Schriftzeichen, die den Teufel beschworen oder war darauf ein Gift gesprüht, das solche Reaktionen hervorrief? Vielleicht ein Buchstabenvirus? Aber ich fand nichts. Das Ding war ganz normal aus Papier und Karton. Und inhaltlich war es auch keine Anleitung, um eine Lehrstelle als Serienkiller zu finden. Tja, dann war ich wohl tatsächlich blöd, genau, wie Heide sagte, denn ich fand das Problem nicht. Nun war das Wichtigste für mich aber das Essen und das war glücklicherweise noch da. Unbespuckt. Also packte ich mein Buch wieder, das ich ja nun offiziell, mit meinem Geisteszustand, lesen durfte und ass dabei glücklich meine Nudeln.

 

Drei Stunden später klingelte es wieder und Heide kam erneut herein. Sie war wieder beige, linealgekämmt und passabel höflich. Ich sollte ihr bei einer Biographie helfen. Sie verstand die Quintessenz der Aussagen nicht. Da fühlte ich mich dann doch verpflichtet, ihr mitzuteilen, dass ich nicht mehr in der Lage wäre, ihr zu helfen, da meine Intelligenz dies offensichtlich nicht zuliess. Man musste schon ehrlich sein im Leben. Und ja, ich wollte das böse Buch weiterlesen. Wenn ich dafür offiziell blöd sein musste, auch gut. Heide ist bald danach umgezogen. Wahrscheinlich hat sie sich intelligentere Nachbarn gesucht. Und was mich betraf, mir gefiel mein Leben wie es war. Zuviel Intelligenz schien ja nicht wirklich gesund zu sein.