Mini - Rosie

Mit Freude kramte ich Rosies Schlüssel aus der Tasche. Die alte Dame hatte ihn mir gegeben, damit ich jederzeit bei ihr rein konnte. Es war wieder einmal so weit und ich freute mich auch einen Kaffee, mit der rüstigen und patenten Seniorin. Aber es war durchaus nicht gerade einfach, zu ihr zu kommen. Sie lebt in einer Alterswohnung. Angeblich! Wie üblich, kämpfte ich wieder mit der drei Meter hohen und tonnenschweren, Eingangstüre. Ich kriegte das sperrige Ding jedesmal nur mit beiden Händen, die Füsse in den Boden stemmend, auf. Und ich schwöre, ich höre sie jeweils leise kichern und flüstern, „Du kommst da net rein“! Ich wartete jede Woche drauf, dass in der Zeitung eine Meldung war, in der stand, dass eine alte Dame samt Rollator, von ihr wie eine Fliege zerquetscht wurde. Aber das ganze Haus war auf Krieg aus. Es wehrte sich vehement gegen seine Bewohner. Das endete auch nicht mit den Sonnenstoren, die sich automatisch einzogen. Bei Sonne natürlich. Dazu das tiefe Balkongeländer, das geradezu zum Selbstmord einlud. Nachdem ich in diesem Überschall-Lift schon fast eingeschlafen war, stand ich endlich vor Rosies Türe. Da überkam mich ein mulmiges Gefühl. Ihre Türe stand einen Spalt offen. Das war sehr untypisch für sie. Vorsichtig trat ich ein und rief ihren Namen. Aber es kam keine Antwort. Ich schritt langsam durch den kurzen, dunklen Gang und trat ins Wohnzimmer. Erschrocken liess ich meine Tasche fallen. Die Bilder waren von den Wänden gerissen und lagen wild verstreut auf dem Boden. Dazwischen das Besteck und sonstige Gegenstände! Ein Einbruch! Die alte Dame war überfallen worden!  Ich rannte in den Raum und rief laut nach Rosie. Dabei wurden meine Füsse nass. Erstaunt stellte ich fest, dass der Fussboden überflutet war. Und von meiner Freundin keine Spur. Sofort hastete ich ins Badezimmer. Dabei schossen mir Bilder einer Leiche durch den Kopf, die in der Badewanne schwamm. Vielleicht hatte der Typ sie ertränkt, um in Ruhe alles rauben zu können. 


Aber nach einem kurzen Blick, konnte ich aufatmen.  Ausser ein paar sehr grosser Unterhosen, lag nichts in der Wanne. Dafür standen überall Kübel herum. Grosse, kleine und alle mit Wasser gefüllt. Was sollte das denn? Hatte da jemand versucht, seine Spuren zu verwischen? Es sah so aus, den überall hingen Lappen. Hatte der Verbrecher tatsächlich geputzt? Ich drehte mich um und rannte ins Schlafzimmer. Auch hier waren Lappen auf Möbeln und an den Wänden verteilt. Aber keine Rosie. Irritiert marschierte ich ins Wohnzimmer zurück und suchte mein Handy. Die Polizei musste her und die Dame suchen. Hier war etwas ganz Schlimmes passiert. Noch bevor ich die Nummer eingeben konnte, sah ich es. Auf dem Balkon hing ihre Tagesdecke wirr über dem Geländer. Noch ein paar Zentimeter und sie fiel in die Tiefe. Daneben lag ein Schuh von Rosie. Entsetzt stürzte ich auf den Balkon. Hätte sie jemand hier hinuntergeworfen, dann wären da höchstens noch verstreute Einzelteile von ihr zu finden, so hoch war das Haus. Und da es ein unbenutzter Hinterhof war, würde es auch keiner bemerken. Bis auf die Fliegen natürlich. Leicht zitternd ging ich langsam auf das Geländer zu. Gerade als ich einen Blick nach unten riskieren wollte, bellte es hinter mir. „Was tust Du denn heute hier“?  


Erschrocken drehte ich mich um. Rosie stand in ihrer grünen Putzschürze vor mir und starrte mich böse an. War das noch die nette, kleine und total verrunzelte Frau, die ich kannte? Ihre weissen Haare flogen in alle Richtungen und schienen genauso sauer zu sein, wie ihre Besitzerin. Weshalb bloss? Vielleicht hätte ich auch keine Erklärung fordern sollen, denn man sollte immer aufpassen, was man sich wünschte. Ich bekam meine Erklärung. Leider! 


Strahlen! Sie waren das Problem. Alles strahlte. Die Bilderrahmen, das Besteck und überhaupt alles aus Metall, war in der Beziehung ganz böse. Deshalb war Rosie im Keller gewesen. Ein Nachbar hatte doch tatsächlich die Frechheit besessen, dort Stühle aus Metall zu lagern. Rosie hatte ihm gerade den Marsch gepfiffen. Ich kannte den alten Mann und stellte mir vor, wie er mühevoll mit seinen offenen Beinen, die vier Stühle in den Hinterhof beförderte. Denn die Dinger strahlten ihrer Meinung nach bis in den fünften Stock und störten ihren Schlaf. Aha...! Etwas Besseres fiel mir dazu nicht ein. Aber nun war Rosie in ihrem Element. Sie erklärte mir die Sache mit den Wasseradern. Deshalb war der Boden geflutet. Das lenkte sie offenbar ab. Die Wasseradern, nicht die Strahlen. Unbedarft wähnte ich mich am Ende der abstrusen Geschichte als es mit der Tagesdecke weiterging. Das war ihre neueste Entdeckung. Die verursachte Durchfall.  Weil sie synthetisch war.  Nichts konnte sie im Magen behalten, wenn die Decke auf ihr lag. Wieso ich noch so blöd war, nach den Lappen an den Wänden zu fragen, weiss ich im Nachhinein auch nicht mehr. Da waren wir dann bei der Elektrizität, die durch die Wände floss und abgewehrt werden musste. Mit den Lappen! 


Nach einer Weile stand ich wieder vor dem Haus und starrte verwirrt auf die Strasse. Nein, es hatte sich nichts verändert. Meine Realität war noch da. Es war immer noch 2016. Konnte es sowas geben? Ich schaute den Leuten auf der Strasse zu. Wie viele merkwürdige Welten verbargen sich in diesen Köpfen? Hatten wir das Mittelalter genetisch noch in uns? Also, ich weiss nicht so recht. Jedenfalls gehe ich jetzt nach Hause und bastle mir ein Aluhütchen. Nur so zur Sicherheit.