Mini - Nein!

Die Sonne scheint und ich laufe schon fast glückselig auf mein Haus zu. Endlich daheim und Feierabend. Da höre ich auch schon wieder dieses glockenhelle Schleimerlachen. Zum meinem Glück steht das nächste Gebüsch bereit und ich hechte dahinter. Durch die Zweige sehe ich sie. Meine alte Nachbarin schleppt ihre wallenden Gewänder breitbeinig über den schmalen Weg auf die Strasse. Der Rock himmelblau, die Bluse pink und der Lidschatten giftgrün. Eine Kombination zum blind werden. Links und rechts ihre zwei Wollhunde, die so langsam laufen müssen, dass sie fast seitwärts umkippen. Die liebe Heidi hechelt trotzdem, als wäre der Teufel hinter ihr her. Das lässt die paar langen Haarsträhnen, die von der Halbglatze abstehen, noch leicht im Wind wehen. Ich habe Glück und sie sieht mich nicht, wie ich um den Strauch herum robbe, bis sie auf der anderen Seite verschwunden ist. Da diesen Augen nichts entgeht, was sie nicht wissen sollen, warte ich noch ein paar Minuten. Dann ein scharfer Sprint ins Haus und ich bin gerettet. Vorläufig zumindest. La Madame und ihre Bosheiten sind nicht so leicht los zu werden. Seit drei Jahren versuche ich ihr nun schon nett und verständnisvoll beizubringen, dass man nicht morgens um vier mit putzen und staubsaugen anfängt. Und dass sie nicht dauernd über alles reklamieren soll. Meine Bemühungen kann ich allerdings unter klarer Fehlleistung abbuchen, denn wie mehr ich es versuche, umso mehr Geschütze fährt sie auf. Soll heissen, sie hat sich noch eine Waschmaschine zugelegt, die zusätzlich hüpft und donnert. Zur selben Zeit natürlich. Wenn ich arbeite geht es ja noch, dann brauche ich keinen Wecker. Aber in meiner Freizeit überlege ich schon mal, wie ich sie elegant und sehr genüsslich um die Ecke bringen könnte. Allerdings wäre das ein Doppelmord, da ich ihr Mundwerk separat totschlagen müsste. Der Teufel, das arme Schwein, tut mir jetzt schon leid, wenn sie dann mal in ihrer Heimat ankommt.

 

In der Wohnung schleiche ich umher, damit sie mich nicht hört, wenn sie zurück ist und mache mir einen Kaffee mit der Flüstermaschine. Also die schwedische Art. Genauso leise setze ich mich auf meinen Gartensitzplatz, den ich mit Sonnenschirmen so zugepflastert habe, dass sie mich nicht sehen kann. Das klappt gut, denn die Terrorelse wohnt genau über mir und fummelt dauernd an ihrem Fernrohr herum. Während ich meinen Kaffee geniesse, betrachte ich besorgt die Blumen. Nein, es scheinen alle richtig und gerade zu wachsen. Letzte Woche war Heidi nämlich da und hat ein kleines Bäumchen beschuldigt, ihr die Sicht zu nehmen. Das arme Pflänzchen hatte es doch tatsächlich gewagt, leicht aus der Reihe zu tanzen. Lächelnd betrachtete ich mein pfiffiges Magnolienbäumchen. Es war nicht im Weg, nein, es verdeckte nur ein Loch im Zaun. Heidi konnte so nicht mehr bei den Nachbarn spionieren und ihnen mit dem Fernglas auf die Teller gucken. Wobei sie ihnen dann auch schon mal Tipps zum richtigen Wein aussuchen im Briefkasten hinterlässt. Ich habe es nicht gestutzt und ich werde es auch nicht tun. Ja, ich hatte die Grünpflanzenrevolution gestartet und freute mich, das ihr Fernglas inzwischen nur noch Urwald sah. Jetzt wartete ich nur darauf, dass ihr die Sonnenblumen zu gelb und der Hibiskus zu weiss waren.

 

Hinter meinem heissen Gebräu machte ich mir so meine Gedanken. Alle im Quartier flohen, wenn Heidi anwalzte. Ja, sie sorgte mit ihrer Meckerei für menschenleere Strassen. Dabei hörte sie nie auf zu Quatschen. Wahrscheinlich müsste man ihr den Mund zu tackern, um Ruhe zu kriegen. Deshalb muss man die Dame wohl einmal kremieren. Es wäre sonst zu laut auf dem Friedhof. Aber alle waren auch immer super nett zu ihr. Ja, ich auch. Sie war alt und krank. Sie hatte doch das Recht, dass sie die Leute wie ein rohes Ei behandelten, oder etwa nicht? Der Respekt vor dem Alter war mir zumindest anerzogen worden. Während ich so in Gedanken an der Tasse nuckelte, klingelte es an der Türe. Ich öffnete und vor mir stand mit erhobenem Zeigefinger Heidi und lamentierte geifernd über mein Gebüsch, das ihre Spionageluke immer noch verdeckte. Dabei standen ihr die spärlichen Haare auf allen Seiten ab und die Schweissflecken machten jedem Hundehaufen alle Ehre. Wie gewohnt, wollte ich ihr schon nett die Sachlage erklären, nämlich, dass sie das nichts anginge, als ich eine andere Idee hatte. Wortlos versetzte ich der Türe einen harten Tritt, so dass sie mit einem riesen Knall zuflog. Schnell guckte ich durch den Türspion. Herrlich! Sie stand immer noch mit ihrem Zeigefinger da, die hängenden Backen wabbelten vor sich hin, während sie völlig empört auf die Türe starrte. Und sie schwieg! Endlich! Was für ein Erlebnis!

 

Was soll ich sagen? Danach konnte ich wieder schlafen und die Nachbarn erhielten auch keine Ernährungstipps mehr. Scheinbar hatte ein demonstratives und nicht gesellschaftsfähiges Nein eine ungeahnte Wirkung. Gut, möglicherweise half auch der neue riesige Sonnenschirm mit, der ihr Fenster endgültig blockierte. Damit hatte ich fünf Schirme im Garten. Für die Google Earth Kamera musste mein Garten inzwischen wie nach einer Pilzexplosion aussehen. Und ich öffne die Türe nicht mehr. Aber ansonsten bin ich nett wie immer. Und ich habe ein neues Lieblingswort: „Nein“!