Leseprobe - Martin Schörle

 

 

Martin Schörle

 

 

Zwei Theaterstücke

 

 

»Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten«

»Einladung zum Klassentreffen«

 

Verlag: Engelsdorfer Verlag

 

 

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Die Leseprobe stammt aus dem Theaterstück:

 »Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten«

 

Manchmal gehe ich zum Bahnhof unseres Urlaubsortes und setze mich dort aufs Klo. Das trifft es schon eher. Schlechte Luft ... die Menschen stehen unter Druck ... sind verärgert, weil sie Benutzungsgebühr zahlen müssen ... wenn man sich dann noch eine vor sich hin blubbernde Kaffeemaschine vorstellt, verdichtet sich das Ganze atmosphärisch dermaßen, dass ... (Fällt sich selbst ins Wort) Euphoriemindernd ist natürlich, dass solche Tagesabschlüsse keinen wirklichen funktionalen Nutzen haben.

Tjaja, wir fahren meistens nach Migliarino, einem kleinen Ort in der Nähe von Pisa. Wenn ich da am Bahnhofsklo ankomme, hänge ich als Erstes ein Schild mit den Sprechzeiten an die Tür. Darunter heiße ich alle Bürger willkommen mit einem freundlichen „Faccia come se fosse a casa tua“ ... „Fühlen Sie sich wie zu Hause“. Die Zeit bis zum offiziellen Beginn der Sprechstunde, ich meine: bis der erste Bürger ... also Passant ... kommt, nutze ich dazu, meinen Kassettenrekorder (zeigt auf den im Büro stehenden) – kurze Erläuterung für die jüngeren Gäste: da kam früher Musik raus. Heute heißt sowas … Ei … – auf dem Klodeckel zu positionieren und dann ... („Living next door to Alice“ ist leise zu hören). Die „Who-the-fuck-is-Alice-Version“. Zwei Stunden non stopp. (Erläuternd) Als Stimmungsmacher im Hintergrund.      

Um sich das wirklich nahe zu bringen, müssen Sie sich den folgenden Dialog meinerseits als Mischwerk aus Deutsch, gebrochenem Italienisch und einigen Fetzen Englisch vorstellen.

Ferner wollen Sie mir bitte nachsehen, dass ich mich dabei etwas bewege. Wenn ich darüber berichte, muss ich mich einfach bewegen. (Er betritt das Laufband und schaltet auf „langsam“; passt dann die Geschwindigkeit des Laufbandes der zunehmenden Emotionalität seines Vortrags jeweils an, sodass er zum Schluss rennt). Der Aufsichtsbeamte hat sich vom ordnungsgemäßen Zustand des Laufgerätes …

Wird – endlich – von einem Passanten, der mein Klo benutzen will, erster Unmut geäußert ... entgegne ich, ich könnte ihn nicht verstehen ... Purtroppo non La capiso! ... er möge sich –  möglichst auf Deutsch – sauber artikulieren ... oder sein Anliegen schriftlich vorbringen. Als zweiten Schritt nehme ich immer einen aktuellen Bezug, um ihn mitten in sein stolzes Spaghetti-Herz zu treffen. Das ist mittlerweile einfach: Er ruft auf Deutsch „Wie long du nohte brakte?!“ und auf Englisch „How long you still need, Maestro?!“. Und ich antworte auf Italienisch „Non dire stronzata! Wir sind Papst und ihr nicht!“ (Plötzlich sachlich erläuternd) Ja, ja, Ratzinger ist ja nur pro forma  abgetreten. Ist immer noch der erste Mann im Vatikan. Hat mir Snowdon gesteckt. (Wieder emotional) Das saß! ... Es folgen erste Fußtritte gegen die Tür. Er ruft so was wie „La Traviata“ ... und ich: „Ziehen Sie eine Nummer, Sie werden  aufgerufen ... wenn Sie Glück haben“. Ich drehe „Alice!“ lauter („Living next door ...“ ist jetzt lauter zu hören) und vereinzelt hallt es schon von draußen zurück: „Alice! Who the fuck is Alice!“ – Wo bleibt Bäumler? – Der Druck im Unterleib zehrt an seinen Nerven. Er ruft „Mussolini!“ Natürlich ruft er nicht wirklich ,Mussolini’, aber als Ausländer verstehe ich ihn nicht: „Mussolini?! Quest’e‘ troppo! ... Sie wollen diplomatische Verwicklungen, bitteschön“. Ich schiebe eine beglaubigte Kopie meines Dienstausweises nebst Anschreiben unter der Tür durch und fordere darin freies Geleit und ein Fahrzeug mit Chauffeur, das mich zur Deutschen Botschaft bringt. Endlich ... endlich ...endlich ruft er „Scheißdeutscher!“, ich kontere: „Hey Mafioso, ab jetzt verhandele ich nur noch mit dem Paten persönlich und nicht mit seinem Lakaien!“, stemme mich vorsichtshalber gegen die Tür und wiederhole es so vier-, fünfmal. Und er: „Di cosa stai parlando? Sei stupido? Venite come finalmente fuori! Ma si può morire così come voi! Stupido stronzo! Avete buone maniere? Qualcosa di simile si Non ho mai sperimentato in tutta la mia vita!” (Fredenbek versteht kein Wort) Und ich: Aha!! – Wo bleibt Bäumler? – Ich drehe den Rekorder voll auf („Living next door ...“ ist jetzt ganz laut) Der Klodeckel vibriert und die Menge skandiert: „Alice! Who the fuck is Alice!“. Er rüttelt wie besessen an der Tür. Der Geräuschkulisse nach müssen sich mittlerweile so um die 40 Personen versammelt haben. Das lautstarke Gespräch erschließt sich mir in Ermangelung ausreichender Sprachkenntnisse nur bruchstückhaft. Am häufigsten fallen die Worte „Botschaft“ und „deutscher Beamter“. (Plötzlich wieder sachlich) Im Italienischen gibt es übrigens nur vier Worte die mit „h“ beginnen. (Wieder emotional) Kein Zweifel, ich habe sie am Kanthaken. Neuankömmlingen wird in groben Zügen der bisherige Sachstand mitgeteilt ... Ausländische Straßenmusiker glauben an ein Volksfest, holen ihre Gitarren und Flöten heraus und spielen mit was das Zeug hält: „Alice! Who the fuck is Alice!“. Der ganze Bahnhof – ein einziger gigantischer … rhythmischer … pulsierender Klangteppich! Aber plötzlich nehme ich in der Geräuschkulisse eine Veränderung wahr: Ich blicke unter der Tür durch. Da, endlich: Bäumler in Sicht! Ein Oberamtsrat der Steuerfahndung Passau, der seit seiner Pensionierung jeden Sommer in unserem Hotel verbringt, und für den auch für meine Frau gewisse Sympathie hat. Dank Bäumler habe ich schon lange keine Gewissensbisse mehr, sie stundenweise allein zurückzulassen. Wieder einmal hat sie es geschafft – ob sie ihn dafür bezahlte? –, ihn auf mich anzusetzen. Bäumler kennt meine einschlägigen Aufenthaltsorte. Als ihn die ersten Töne von „Alice“ erreichen, schlägt der 200-Kilo-Mann mit puterrotem Kopf eine Schneise durch die Massen, ja, die schwitzende Feuerwalze hält direkt auf mich zu. Die Menschen springen zur Seite wie Rehe, die vom Scheinwerferkegel erfasst werden. Wie immer ist sein erster Satz: (in bayerischer Mundart) „Fredenbek, kommen`s raus!“ Und ich wie immer: „Sie verwechseln mich. Ich kenne keinen Herrn Fredenbek! … Io non conosco il signor Fredenbek.” Und er: „Ah, geh, hören’s doch auf mit dem Schmarrn!“ Ich blicke wieder unter der Tür durch: Ob ich dem kurz behosten Bäumler ein paar Beinhaare abreiße, die über seinen Ringelsöckchen hervorquellen … deren Enden neue Haare gebären, an deren Enden wiederum Schweißperlen hängen? Ich schalte „Alice“ aus, augenblicklich liegt eine gespenstische Stille über diesem Teil des Bahnhofs. Die Menschen bewegen sich verlangsamt. Wie in Trance. Eine schwerfällige, wogende Masse mit weit aufgerissenen Augen und Mündern. Ich will Bäumler, der mit Vornamen Lukas heißt, an dieser wunderbaren surrealen Stimmung teilhaben lassen (mit der Stimme von Darth Vader) „Ich bin dein Vater, Lukas!“, werde aber von einer Durchsage übertönt: „L'ICE ha all'ingresso Napoli in pista quattro! … Der ICE nach Neapel hat Einfahrt auf Gleis 4!“ Ich schalte „Alice“ wieder ein – das Signal für alle, sich wieder in realer Geschwindigkeit zu bewegen und für Bäumler, dass eine Kapitulation vor meiner Frau auch in diesem Jahr nicht stattfinden wird. Er entfernt sich schimpfend (in bayerischer Mundart): „Jedes Jahr dasselbe mit dem Kerl. Alice – i kann`s nimmer hören!“ Das Staunen der Menge vergrößert sich noch, als sie den soeben gehörten Dialog wortwörtlich erneut hört; diesmal kommen beide Stimmen aus dem Klohäuschen: (in bayerischer Mundart) „Fredenbek, kommen`s raus!“ – „Sie verwechseln mich. Ich kenne keinen Herrn Fredenbek! … Io non conosco il signor Fredenbek.” – “Ah, geh, hören’s doch auf mit dem Schmarrn!“ – „L'ICE ha all'ingresso Napoli in pista quattro! … Der ICE nach Neapel hat Einfahrt auf Gleis 4!“ – „Jedes Jahr dasselbe mit dem Kerl. Alice – i kann`s nimmer hören!“ Die Menschen nehmen den Rhythmus der Musik auf und singen wieder mit. Als pöbelnde Fans von Pisa Calcio nach verlorenem Heimspiel vorbeiziehen, rufe ich „Alle Vereine in der Serie A sind korrupt!“ Und nun (obwohl Pisa gar keinen Erstligisten hat) spielen sich nun vor meiner Tür Tumulte ab ... So eile ich von Höhepunkt zu Höhepunkt, ein Feuerwerk der Emotionen, wenn Sie so wollen.

Das Beste, meinen finalen Vernichtungsschlag, hebe ich mir für den Schluss auf. (Triumphierend) Ich rufe: „Ich kann nichts dafür ... Non e` colpa mia ... Ich habe längst (ruft) Feeeer-tig!, Mafioso. Die Tür klemmt! Ich werde bei der Bauaufsicht beantragen, dass das Klo ganz geschlossen wird!“.

Diese verblüffend einfache Problemlösung lässt erfahrungsgemäß das Interesse aller Mitwirkenden abrupt versiegen, die Menge löst sich auf und auch mein Kontrahent entfernt sich.

In diesem Moment öffne ich vorsichtig und werfe ihm noch eine Bemerkung nach, die ihn tödlich treffen soll: „Du lässt einen ausländischen Touristen im Klo verrecken, Bastardo?! Dann kann’s ja nicht mehr lange dauern, bis euer blöder Turm ...“, und noch während ich „gaaaaaanz umfääällt!“ rufe, renne ich los wie verrückt und nutze auf diese Weise die gesamte Stecke bis ins Hotel als sportlichen Ausgleich. Ich bin die 4,8 Kilometer schon unter zweiundzwanzig Minuten gelaufen. Das ist nicht nur nicht schlecht für mein Alter, es ist sensationell ... SEN-SAT-IO-NELL!!! (Unter der Musik „Gonna Fly Now“ und nun rennend brüllt er mehrfach wie entfesselt) Adriaaaaan!!!! (Erläuternd) Das ist diese Frau aus den Rocky-Filmen, die nun ... ähm ... tot ist. Ich dusche, fasse die Ereignisse des Tages in einen kurzen Bericht zusammen, gebe ihn meiner Frau nachrichtlich zur Kenntnis und falle todmüde ins Bett. Müde – aber glücklich! GLÜCKLICH!!! Das, meine Damen und Herren, ist Vollkommene Beamtenbefriedigung ... das ist VBB auf höchstem Niveau!!