Leseprobe Katharine Loster - Liesl und die Magie des reinen Herzens

Wer bist du, Kind, und was willst du von mir?“, richtete das Orakel seine Worte an Liesl und ignorierte Vincent und Aiola. „Ich bin Liesl. Was ich von dir will?“ Ratlos blickte sie Vincent an. Er hatte ihr nicht gesagt, wer oder was diese Frau war und was er genau von ihr erwartete. So wiederholte sie einfach seine Worte: „Ich bitte dich um Hilfe für meine kleine Freundin, für Aiola hier. Sie ist ein Luftelementarwesen und muss zurück in ihr Element. Sonst stirbt sie.“

 

 

Kleine Freundin? Sie ist DEINE kleine Freundin?“, fragte die dunkle Gestalt mit dem schneeweißen Haar höhnisch lachend. „Ja, das ist sie!“, versicherte Liesl mit fester Stimme. Die rauchige Stimme erreichte eine donnernde Lautstärke: „Du wagst es tatsächlich, mich – MICH, ASGARDIA, das ORAKEL der gesamten magischen WELT zu bitten, einem Luftelementar-wesen zu helfen? Weißt du denn nicht wer ICH bin?“

 

Asgardia beugte sich, umwogt von ihrem wallenden weißen Haar, vor. Liesl konnte jede Wimper, jede Pore in ihrem Gesicht erkennen. Ein frostiger Hauch ging von ihr aus und nichts an ihr verhieß Wärme oder Mitgefühl.


Dunkelviolette Rauchschwaden zogen über den schwarzen Sand. Das Wichtelmädchen wollte sich am liebsten vor dieser furcht-einflößenden Person irgendwo verkriechen. Doch in der tiefsten Schwärze von Asgardias Augen, blitzte für einen Moment ein heller Funke auf, der Liesl Zuversicht gab.


Da erklang erneut die tiefe rauchige Stimme. Diesmal leise flüsternd: „Zahlst du auch den Preis dafür?“


„Ja, ich zahle den Preis“, erwiderte Liesl mit fester, klarer Stimme und wich nicht zurück.


Da wurden die Gesichtszüge des Orakels weich und der silberne Funke in Asgardias Augen begann strahlend zu pulsieren. Einen Augenblick lang sah das Wichtelmädchen ein silbern funkelndes Herz vor sich. Dann war der magische Moment auch schon vorbei und der Zauber gebrochen.


„Orakel, wird …“, Vincent hatte Angst um das Wichtelmädchen, das er inzwischen sehr mochte, und auch um das kleine Luftelementarwesen. Er vertraute dem Orakel nicht, zu viele finstere Geschichten rankten sich um Asgardia.


„Schweig still, nichtsnutziger, verlogener Nymph“. Wie eine Furie fuhr das Orakel zu ihm herum. „Du hast nichts zu sagen. Oder hast du ihr die Wahrheit über den Preis, den sie zu zahlen hat, gesagt? Natürlich nicht“, beantwortete sie mit höhnischer Stimme ihre eigene Frage.


„Lass ihn in Ruhe! Er hat mir den Preis gesagt, ich weiß sehr wohl, dass ich meine Wichtelzauberkraft verlieren werde“, Liesls Augen blitzten vor Ärger.


Vincent war gut und er wollte etwas Gutes tun, dessen war sie sich ganz sicher, egal was dieses Orakel andeutete. In dieser Sekunde regte sich Aiola auf Liesls Hand und versuchte sich aufzurichten. Instinktiv legten Liesl und Vincent ihre Hände schützend um das kleine Wesen. Besorgt blickten sie auf Aiola herab.


„Ihr sorgt euch tatsächlich beide um das Luftelementarwesen. Die Kleine ist bereit, den Preis zu zahlen und ein Nymph, der einmal nicht die Wahrheit verbiegt“, diesmal klang die rauchige Stimme des Orakels eindeutig erstaunt. Als Vincent und Liesl hochblickten, sahen sie Trauer und Mitgefühl in den Zügen von Asgardia. Mit erhobenen Armen begann sie zu sprechen:

 

„Königin der Lüfte, Herrscher der Winde,
Göttin des Feuers, Gott des Wassers,
Wolkenseelen, Geister der Erde,
Allmacht der Sonne, Licht der Liebe,
erhört die Zauberin der Nacht,
erlaubt die Rückkehr der Lüfte Kind,
im Geiste und mit reiner Seele Kraft
durch des Schicksals Zeitentor.“

 

Die violetten Rauchschwaden begannen, sich zu kräuseln und zu winden. Sie kamen näher und näher. Sie krochen an Liesl hoch und umhüllten Aiola vollständig.