Leseprobe Katharine Loster - Franz-Alex

„Paul, psst, Paul!“, Franzl, Moritz und Rufus lugten hinter einem alten Baumstumpf hervor und versuchten, Paul auf sich aufmerksam zu machen. „Das hilft doch nichts“, brummte Moritz. „Der schläft ja schon wieder. Schaut doch!“ Tatsächlich, das kleine braune Schnäuzchen stand offen, die Schnurrbarthaare zitterten und ein leises Schnarchen „Chrrr-pfüh-pfützefütschepüh“ war zu hören. Franzl grinste, schnappte sich vom Himbeerstrauch hinter sich eine große reife Himbeere, zielte, holte aus und warf die Himbeere.


„Platsch“, landete diese zielsicher auf Pauls Nase. „Quiiiiiieeeeeeeeek!“, mit einem lauten Quietschen sprang Paul mit gesträubten Fell und allen vieren gleichzeitig in die Luft.


Alarmiert von dem Quietschen hasteten Pauls Eltern herbei. Pauls Mutter, eine schneeweiße Zwergkaninchendame, schlug die Hände über dem Kopf zusammen: „Hiiiiilfeee! Er blutet! Er blutet! Paul! Oh mein Gott, mein Schatzilein!“ 


Pauls Vater, ein großer, schlanker, hellbrauner Feldhase, lief herbei und schaute kurz auf Paul hinunter, streckte seine rechte Pfote aus, tapste in das Blut hinein und schleckte es dann ab! „Himbeere! Eindeutig Himbeerblut! Keine Sorge Adelheid, Paulchen ist nichts passiert“, lachte Kunibert, Pauls Vater.


Vorsichtig wagten sich Franzl, Moritz und Rufus hinter dem Baumstamm hervor. Unsicher schauten sie Pauls Eltern an. Paul hingegen schleckte sich mit beiden Pfoten genüsslich die Himbeerreste vom Gesicht. Er war seinen Freunden nicht böse, sondern lachte fröhlich: „Hallo, habt ihr Zeit zum Spielen? Nanu, du bist doch Rufus! Spielst du auch mit?“


„Wir müssen etwas Wichtiges erledigen und wollten dich fragen, ob du mitkommen willst“, sagte Franzl und setzte ganz schnell mit einem Seitenblick auf Frau Adelheid Hase ein ‚Entschuldigung, wir wollten Sie nicht erschrecken‘ hinzu. Frau Adelheid Hase seufzte resigniert. Sie kannte die Bande ja. Immer fiel den Kindern irgendein Blödsinn ein, aber bisher hatten sie noch nie etwas Gefährliches gemacht. 


Sie stimmte also mit einem Seufzen zu: „Und jetzt seid ihr nicht mehr die Dreierbande, sondern eine Viererbande an kleinen Teufeln, oder wie? Na, da gnade uns Gott!“ Schon sausten Paul, Rufus, Moritz und Franzl los. Hinter einem Holunderbusch stoppten sie. „Lagesprechung!“, rief Paul. „Worum geht es?“ „Franzl braucht ein Abenteuer, Elsa will Rufus fressen und ich, ich helfe den beiden und dich brauchen wir auch“, lautete Moritz Erklärung.


„Ich versteh nichts, nix!“ „Also, ich habe mit meinen Geschwistern gewettet, dass ich das beste Abenteuer erleben werde. Außerdem müssen wir Rufus helfen. Rufus glaubt, dass Elsa ihn fressen will, weil sie glaubt, dass er ihr ein Monokel gestohlen hat, von dem Rufus glaubt, dass Elsa es ihm gestohlen hat“, versuchte Franzl Paul alles zu erklären. Der allerdings schlenkerte mit seinen Ohren und rief: „Brbrbr, da wird mir ja ganz wummerig im Kopf und ich verstehe immer noch nichts.“ 


„Wummerig ist kein Wort!“, korrigierte Rufus Paul mit erhobenem Zeigefinger, “du meinst sicher schwummrig.“ „Wummerig, schwummrig ist doch eh alles dasselbe, Herr Besserwisser, Nagebissler!“, knurrte Paul Rufus trotzig an. „Quastenschwänzler!“ Rufus, der hochnäsige Rattenjunge und Paul, der knuddelige Zwergkaninchenjunge, starrten sich böse an.


Das sah so lustig aus, dass Franzl zu lachen begann. „Das ist nicht zum Lachen!“, riefen Paul und Rufus gleichzeitig und sahen jetzt Franzl böse an. Da fing jetzt auch noch Moritz zu lachen an und plötzlich mussten auch Rufus und Paul mitlachen. Keiner konnte für eine Weile mehr aufhören zu


lachen. Franzl wischte sich die Lachtränen aus den Augen und erklärte Paul ihren Plan, zu Elsa zu gehen, um die ganze Monokelsache mit ihr zu klären. 


Paul war natürlich dabei, wenn es darum ging, seinen Freunden zu helfen. „Los, steigt auf, dann sind wir schneller!“ Schon sauste Paul in vollem Hasengalopp los zu Elsas Ahornbaum. Im Laufen erklärte Paul Rufus noch: „Und Elsa frisst nix und niemanden, sie ist Antitierfressanerin!“ „Äh, was meinst du damit?“, fragte Rufus irritiert. „Hach“, Franzl verdrehte die Augen, „Paul meint, sie ist Vegetarierin und frisst keine anderen Tiere!“ 


Franzl und Moritz waren an Pauls Worterfindungen gewöhnt und verstanden fast immer, was er meinte. Die meisten anderen hingegen reagierten anfangs verwirrt auf Pauls Vorliebe für neue Wörter. Ganz schön schnell sauste Paul, mit den Freunden auf seinem Rücken, den Weg zum Fluss entlang. Am Flussufer stand ein riesiger alter Ahornbaum. Seine Blätter leuchteten schon von weither rotgolden in der Sonne. 


Franzl zupfte Paul am rechten Ohr: „Gleich sind wir da. Paul, lass uns erst mal runter und dann überlegen wir, wie wir weiter ...“ …Brrrrrrr, brems, rums ... Paul legte eine Vollbremsung hin und … boing, purzel, wurschtel … flogen sie alle kopfüber von Pauls Rücken und landeten etwas unsanft im Gras vor Paul.


„Paul, was soll denn das – Auuuuu“, Franzl stand vorsichtig auf, prüfte, ob seine Knochen alle noch ganz waren, rückte seine Brille zurecht und sah seinen Freund anklagend an. Dieser wackelte mit den Ohren: „Oh, Entschuldigung, aber du hast mich am rechten Ohr gezupft! 


Wenn meine Mutter mich am Ohr zupft, dann heißt das – SOFORT und auf der Stelle und am besten gestern, äh also, das war so ein Reflex! Tut mir leid, meine Freunde!“ „Hase, typisch Hase, das kommt davon“, brummte Rufus vor sich hin und befühlte und besah seinen Rattenschwanz von allen Seiten und putzte ihn vorsichtig ab.


Was soll das heißen, typisch Hase? Typisch Ratte! Machen wir doch eh alles nur wegen dir!“, fauchte Moritz. „So hört doch auf zu streiten!“, seufzte Franzl. „Rufus, es war doch keine Absicht von Paul. Moritz, du hör auf zu meckern! Du hast recht, wir machen das, um Rufus zu helfen, aber dazu sind Freunde da. Außerdem erlebe ich dazu noch gleich ein Abenteuer mit meinen Freunden. Alleine ein Abenteuer zu suchen, hätte mir gar keinen Spaß gemacht.“


... Schnief, schneuz, schnief … Rufus war ganz gerührt. „Bin ich – darf ich wirklich dein Freund sein?“, fragte er Franzl vorsichtig. „Mmh, ja klar! Warum denn nicht? Freunde sind doch etwas Schönes! Oder nicht, Moritz, Paul?“ „Du wolltest ja nie etwas mit uns zu tun haben!“, verteidigte sich Moritz.