Leseprobe Svea Kerling - Der Schmerz

Verzweiflung, Traurigkeit, unendliche Traurigkeit, Trauer. Ein tiefer Schmerz, ganz tief in meiner Seele. Er lauert. Er lauert darauf, mir weh zu tun. Er lauert darauf, emporzusteigen aus den Tiefen der Hölle, die in meinem Innersten brennt. Dieser Schmerz, kaum aushaltbar. Ich versorge ihn gut – mit Kummer und Pein. Unermessliche Qual ist es, mit der ich ihn füttere und an der er sich noch immer labt. Ich höre ihn schmatzen, er ist ein Genießer, streckt seine Krallen aus. Er will mehr. Mehr davon. Immer mehr. Unersättlich, sein Verlangen nach immer neuen Wunden. Er verlangt nach ihnen, er verlangt nach mir. Er begehrt mich. Er kaut langsam, damit der Geschmack lange erhalten bleibt; würzt seine Leibspeise mit Schrecken und Angst. Es ist meine Angst. Angst davor, hinzusehen, wie er vor lauter Freude seine Fratze zeigt, sein Geifer aus seinen Mundwinkeln tropft, voller Vorfreude. Er lacht mir ins Gesicht. Ich sehe ihn grinsen. Es wechselt seine Gestalt, doch ich erkenne ihn an seiner Gier, die körperlich zu spüren ist. Sie liegt wie ein Totenschleier über seinem Opfer. Über mir. Sein Magen knurrt. Er hat Hunger, will gefüttert werden. Er will noch mehr, mehr von mir. Doch nicht hastig, nein. Stück für Stück. Langsam, mit Bedacht. Er spreizt seine Finger. Mit seinen Teufelskrallen fasst er nach mir. Ich schaue gebannt und kann nicht weglaufen. Mein Atem stockt. Ich bin starr, nicht in der Lage, mich zu bewegen. Leblos. Ich möchte schreien, doch es gelingt mir nicht. Mein Mund ist trocken. Ich lehne an der Wand. Er kommt näher. Es ist nicht in Ordnung, es ist falsch. Ich spüre seinen Atem, schließe meine Augen. Nein, nur nicht hinsehen. Warum hilft mir keiner? Kann es denn niemand sehen, erkennt ihn niemand? Warum beschützt mich niemand, nimmt den quälenden Schmerz von mir? Es tut so weh. Ich stelle mir die Frage nach dem Warum. Warum? Warum ich? Warum dieses Leben? Und warum sind diese Schmerzen immer noch so stark?

 

»Wehre dich nicht! Dann wirst du keinen Schmerz fühlen.« Wogegen wehren? Gegen das, was meiner Seele bestimmt ist? Gegen die Wahrheit? Leid zu ertragen, das nie enden wird? Wenn ich nicht wahnsinnig bin, werde ich es - wahnsinnig. Wahnsinnig vor Schmerz. Wann habe ich die Kontrolle über ihn verloren? War er jemals unter Kontrolle – unter meiner Kontrolle? Ich bin irre. Ich muss irre sein.

 

Ich lächle. Ich weiß, wie absurd meine Fragen klingen, wie absurd meine Gedanken scheinen. Wer sollte mir antworten, wer meine Gedanken lesen können und wollen? Ich grinse und schimpfe mich eine Närrin.

 

»Du bist wahnsinnig«, stelle ich fest. »Total irre.« Ich halte mir die Ohren zu. Dröhnen und Pochen fordern mich heraus. Ich schlage mit meinen Fäusten gegen die Wand. »Aufhören!«, schreie ich. »Ich halte das nicht mehr aus. Verschwinde aus meinem Leben, verschwinde aus meinem Kopf, meiner Seele!«

 

Er lacht hämisch. Der Spott glänzt in seinen Augen. »Sie dich doch an, dreh dich um! Siehst du jemanden? Jemanden, der dir beisteht, dir zuhört?« Er brüllt vor Lachen. »Siehst du irgendjemanden, den dein kümmerliches Dasein interessiert? Du atmest, aber LEBST du? Jeder andere wüsste schon die Antwort. Glaubst du wirklich, dass du etwas Besonderes bist? Denkst du das?« Ich weine, werfe mich gegen die Wand. »Hör auf, bitte! Was soll ich tun?«.

 

»Du bist schon längst gestorben, meine Liebe. Warum kämpfst du noch? Lass endlich los! Was hält dich hier?«

 

Ich halte inne, konzentriere mich auf die bedrohliche Stimme, die nun fast väterliche Züge angenommen hat.

 

»Du hast genug gelitten. Glaube mir endlich. Ich bin für dich da. Ich war es, der immer für dich da war und für dich gesorgt hat. Du hast immer gespürt, wenn ich da war. Bei dir. Wie lange kennst du mich nun schon?« »Mein ganzes Leben«, stottere ich. »Ja, bin ich nicht dein treuester Begleiter?« Ich nicke und blicke in den Spiegel. Ein Schatten, ich drehe mich blitzschnell um. Sein väterlicher Ton verschwindet, er freut sich wie ein Troll. Spitzbübisch. »Reingelegt, meine liebe Freundin.« Er fällt in schallendes Gelächter. »Ich spiele so gern mit dir. Es ist so schön mit dir. Weißt du, ich kenne dich schon so lange, du bist ein Teil von mir geworden und ich ein Teil von dir, nicht wahr?« Er zwinkert schelmisch. Ich schließe die Augen und halte mir die Ohren zu.

 

Schmerz muss nicht körperlich sein. Kein gebrochenes Bein, kein Bandscheibenvorfall, keine Raucherlunge. Er ist unsichtbar. Auf keiner Röntgenaufnahme zu sehen. Versteckt. Und nur man selbst weiß von seiner Existenz. Nur die eigene Seele weint. Er zwingt deine Seele in die Knie. Du schreist. Doch niemand kann dich hören. Und niemand will es hören. Dich hören. Einst sagte ein Arzt zu mir: »Schmerz ist Schmerz. Wenn es weh tut, tut es weh.« Doch für einen Satz werde ich ihm auf ewig dankbar sein. »Ich glaube Ihnen.« So einfach dieser Satz klingt, so viel tut er in seiner Einfachheit: Ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben verstanden. Nein, ich möchte den körperlichen Schmerz nicht klein reden, seine Qualen nicht schmälern. Schmerz ist Schmerz. Aber der Mensch an sich ist nur für das Sichtbare, das Greifbare zugänglich.

 

 

Svea Kerlings Blog

 

Svea ist eine aussergewöhnliche Person, mit einem  treffenden und tiefschwarzen Humor. Es lohnt sich, ihr Buch zu lesen und auch auf dem Blog zu stöbern. Sie zeigt, dass man auch in anderen Bahnen denken kann. Das gefällt mir.

 

 

 

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