Leseprobe Rosemarie Benke-Bursian - Tilly und Mordusa

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Tilly hext – oder auch nicht


Rosemarie Benke-Bursian 

 

 


Gerade als Tilly den Topf von der noch heißen Ofenplatte schubste, steckte Mordusa den Kopf durch die Tür. 
„Ahh, ich sehe du kochst. Wie interessant“, sagte sie und ehe Tilly sich’s versah, stand Mordusa schon hinter ihr und spähte in den Topf. 
„Sieh mal an“, schnarrte sie, „das ist dir wohl misslungen?“ 
„Wieso misslungen?“, fragte Tilly verwundert und blickte Mordusa fest in die Augen. 
„Na der Eintopf da, der ist ja total verkohlt.“ 
Mordusa rieb sich frohlockend die Hände. Jetzt hatte sie Tilly erwischt. Diesmal war ihr eindeutig eine Zauberei missraten. Und eine Hexe, die dreimal innerhalb eines Mondumlauf beim Hexen versagte, musste Hexenmondtal verlassen, ihr Dasein fortan bei den Halb- und Scheinhexen fristen. 
„Was heißt denn hier Eintopf?“ Tilly schüttelte den Kopf. „Das ist Asche. Beste Asche für meine Blumen.“ 
„Asche? Asche für deine Blumen?“, geiferte Mordusa. „Willst du mich für dumm verkaufen? Das ist verbrannter Eintopf. Ein misslungener Zauberspruch. Eine verkorkste Hexerei und sonst nichts. Und dabei hast du dich erst letzte Woche verzaubert, als du Piponella diesen blauen Saft hingestellt hast, obwohl sie sich einen Zitronenprickel gewünscht hatte.“ 
„Das war Zitronenprickel, meine Liebe. Zitronenprickel aus blauer Zitrone.“ Tilly ließ sich von den Anschuldigungen offensichtlich nicht beeindrucken, was Mordusa erst recht wütend machte.

Tilly war die einzige Hexe in ganz Hexenmondtal, die Mordusa nicht mit dem Respekt
behandelte, der einer Edelhexe gebührte. Schon Mordusas Mutter und sogar ihre Großmutter waren Edelhexen gewesen, Hexen mit besonderen magischen Fähigkeiten. Diese Fähigkeiten wurden für gewöhnlich weitervererbt, weshalb auch Mordusa als Edelhexe galt.  Allerdings hatte es bei ihr mit dem Weitervererben aus irgendeinem Grunde nicht geklappt. Doch das wusste niemand, denn Mordusa hatte immer alle in dem Glauben gelassen, sie sei eine Edelhexe. Das brachte ihr in der Hexen- und Magiergemeinschaft einen hohen Rang und viele Privilegien ein. So wohnte sie in einer großen Villa in einer besonders ruhigen und gepflegten Gegend von Hexenmondtal, in dem nur Edelhexen wohnten. Sie konnte in aus-gesuchten Geschäften besonders seltene Zauber-Gegenstände und Zubehör erwerben und sie hatte eine Stimme in der Magierversammlung, das heißt sie wurde an wichtigen Entscheidungen, die ganz Hexenmondtal betrafen, mit beteiligt. Entsprechend stolz trug sie das Edelhexenzeichen, das allen Respekt einflößte: den Edelhexenstein. 
Nur Tilly, diese verdammt vorlaute und freche Tilly, behandelte Mordusa wie ihresgleichen, fast so, als glaube sie nicht an ihren Edelhexenrang. 
Ausgerechnet diese nichtsnutzige Scheinhexe könnte ihr womöglich eines Tages zum Verhängnis werden. Dem wollte sie gerne zuvorkommen, indem sie Tilly deren Unfähigkeit nachwies, so dass diese aus Hexenmondtal verjagt werden musste. Diese Chance schien jetzt zum Greifen nahe.  


„Zitronenprickel aus blauer Zitrone“, lachte Mordusa höhnisch. „Was Dümmeres ist dir wohl nicht eingefallen, was? Wer hat schon blaue Zitronen?“ 
„Da sind noch welche. Dort in dem Korb.“ Tilly deutete auf einen geflochtenen Weidenkorb auf ihrer Kommode. 
Mit gerunzelter Stirn ging Mordusa zur Kommode hinüber, nahm eine Frucht aus dem Korb und beäugte sie von allen Seiten. 
„Was ist das für ein Quatsch?“, murmelte sie. „Wo kommen denn die blauen Zitronen her?“
„Ich finde sie hübsch“, sagte Tilly bestimmt. Mordusa fuhr herum. „Hübsch sagst du? Hübsch?
Siehst du nicht, wie lächerlich die aussehen? Fast wie Ostereier. Oder noch schlimmer, wie verdorben.“ Angewidert ließ Mordusa die Frucht fallen. „Gib’s zu. Das ist doch nur eine weitere verunglückte Hexerei.“ 
„Du bringst mich direkt auf eine Idee“, meinte Tilly nachdenklich. 
„Wie bitte?“ Tillys lässige Haltung und augenscheinliche Heiterkeit erbosten Mordusa nur noch mehr. 
„Deine Bemerkung über Ostereier“, erklärte Tilly. „Das finde ich eine gute Idee. Ich werde ein paar rote, orange und grüne Zitronen dazu legen. Und vielleicht noch violette, türkise und rosafarbene und ...“ 
„Iiiihhh, hör auf! Hör bloß auf! Das klingt ja fürchterlich. Bunte Zitronen. Wie kitschig, wie ekelig!“ Mordusa hielt sich die Ohren zu. 
„Mir gefällt’s.“ Tilly blieb unbeirrt. „So schön bunt, fröhlich und frühlingshaft. Und stell dir einmal vor, was für bunte Zitronenprickel das dann gibt.“ 
„Nein, nein“, schimpfte Mordusa, „ich glaube dir kein Wort. Du willst ja nur ablenken von deinen fehlerhaften Hexenkünsten. Blaue Zitronen. Falscher Zitronenprickel und nun auch noch ein verkohltes Essen. Das sind drei“, Mordusa legte eine bedeutungsvolle Pause ein, bevor sie leise weiterzischte „ich sagte drei vermasselte Hexensprüche.“ 
Mit triumphierendem Blick schaute sie Tilly an. 
„Mordusa“, sagte Tilly nachsichtig, „blaue Zitronen geben blauen Zitronenprickel, das ist doch klar. Also, wenn ich wirklich fehlgehext hätte, dann wären das doch trotzdem nur zwei Fehler. Aber mir ist nichts misslungen. Meine Zitronen sind blau, weil ich sie blau haben wollte. Und mein Eintopf ist kein Eintopf, sondern Blumenasche. Wachstumsfördernde Blumenasche.“ 
„Das ist Humbug. Gelogen. Falscher Zauber.


Wachstumsfördernde Blumenasche. So was gibt’s ja gar nicht.“ Prustend und jedes Wort einzeln aus-spuckend, hatte Mordusa sich vor Tilly aufgebaut. Dabei stemmte sie die Hände in die Hüften, während ihr Kopf bedenklich hin und her wackelte. 
„Hast du etwa noch nie davon gehört, dass Blumen besonders gut gedeihen, wenn man die Blumenerde mit etwas Asche vermischt?“, fragte Tilly und wischte ihre Hände an einem Schürzenzipfel ab. 
„Denk mal an, das habe ich tatsächlich noch nie gehört. Und ich wette, du auch nicht, bis du es soeben erfunden hast. Und da du hier ja nicht einmal ein einziges winziges Blümchen hast, ist es auch witzlos, mich weiterhin an der Nase herumführen zu wollen!“ 
Tilly gab keine Antwort. Sie nahm den besagten Topf, öffnete ihre Terrassentür und trat hinaus. 
Ein runder Tisch, zwei Lehnstühle und ein Sonnenschirm nahmen fast den ganzen Platz der kleinen Terrasse ein. 
„Oh ja, sehr schön.“ Mordusa war hinter Tilly auf die Terrasse herausgetreten und grinste hämisch. „Was für eine niedliche Terrasse. Und wie gut, dass du sie nicht noch durch so etwas Unsinniges wie Blumen verkleinert hast.“ 
Tilly stellte den Topf wortlos auf den Tisch, bückte sich zu einer kleinen Kiste mit Werkzeug und machte sich dann mit Stemmeisen und Spitzhacke an der linken äußeren Steinplatte zu schaffen. Mit einem lauten Ächzen wuchtete Tilly die Steinplatte knapp vor Mordusas Füße. Die sprang entsetzt zur Seite. Dann marschierte Tilly auf die rechte Seite und löste dort ebenfalls die Eckplatte heraus. 
„Was soll denn das?“, quiekte Mordusa, hielt sich aber in gebührlicher Entfernung, um nicht etwa doch noch eine Platte auf die Zehen zu bekommen. 
Tilly holte ein kleines Schäufelchen aus ihrer Kiste. Damit grub sie die schwarze, etwas lehmige Erde, die unter den Platten zum Vorschein gekommen war, um. Schließlich nahm sie den Topf vom Tisch und streute die Kohle auf die umgegrabene Erde. „So“, sagte sie zur fassungslosen Mordusa, „dies sind meine Blumenbeete. Ich wollte schon immer etwas Blühendes auf meiner Terrasse haben.“ 
„Die ... deine B... B... Blumenbeete? Deine Blumenbeete? Neeeiiin! Das ist der Gipfel. Das ist Betrug. Jetzt reicht’s mir. Alles Schwindel. Und dann noch von Hand. Man stelle sich das vor. Tilly will eine Hexe sein, und dann löst sie die schweren Steinplatten von Hand. Schon wieder erwischt! Nummer vier.“ 
Tilly lachte. Mordusa mochte es nicht glauben, aber Tilly lachte. „Du wusstest wohl auch nicht, dass Gartenarbeit sehr gesund ist?“, fragte sie und räumte das Werkzeug auf. 
„Ich fasse es nicht. Nein, ich fasse es nicht.“ Krebsrot vor Wut und mit geballten Fäusten starrte Mordusa Tilly an. Dann drohte sie: „Ich zeige dich an, Tilly. Ich zeige dich an. Sofort. Jetzt auf der Stelle.“ 
Tilly zuckte mit den Achseln. „Nur zu. Ich kann’s nicht ändern.“ 
„Du kannst es nicht ändern? Nein? Habe ich dich schon wieder bei einer Hexenunfähigkeit erwischt?“ Mordusa versuchte nun auch zu lachen. „Du kannst es nicht ändern? Oh doch, in deinem eigenen Haus könntest du’s. Wenn du hexen könntest. Ha!“ 
„Du lieber Himmel“, Tilly schlug die Hände zusammen, „soll ich dir vielleicht die Füße am Boden festkleben, damit du mir noch länger auf die Nerven gehen kannst? Nein, nein, geh nur und zeig mich an.“ 
Mordusa wollte immer noch nicht glauben, was sie da hörte. „Wehr dich!“, schrie sie.
„Verteidige dich. Zeig mir, dass du zaubern kannst. Na los. Verwandle deine Terrasse in einen Blumengarten.“ 
„Ich möchte aber meine Terrasse behalten so wie sie ist“, sagte Tilly. „Warum sollte ich solchen Unsinn hexen?“ 
„Weil du sowieso nur Unsinn hexen kannst“, zischte Mordusa. „Und wenn du schon keinen Blumengarten willst, dann zaubere wenigstens ein paar Blumen in deine angeblichen Blumenbeete. Sonst sind sie ja eh nutzlos und ihren Namen nicht wert. Also mach schon. Lass ein paar Blumen vor meinen Augen aus dem Boden sprießen.“ 
„Liebe Mordusa“, Tilly schien sichtlich bemüht, freundlich zu bleiben, „es ist so herrlich, den Blumen zuzusehen, wie sie wachsen. So aufregend, jeden Tag zum Beet zu laufen und zu schauen, ob schon etwas wächst. Und was für eine Freude, wenn dann plötzlich eines Tages tatsächlich so ein kleines zartes Grün aus dem Boden spitzt. Dann wird es jeden Tag ein bisschen größer und größer ... aahhh.“ Tilly sog die Luft tief ein, als könne sie das erste zarte Grün oder sogar den Blumenduft schon riechen. „Blumen zaubern“, sie schüttelte unwillig den Kopf, „so etwas Phantasieloses.“

 

 

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Die Autorin ist sehr vielseitig und spannend.

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