Leseprobe Marita Sydow-Hamann - Die Erben der alten Zeit

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Das Amulett

 

von

Marita Sydow Hamann

 

Der kleine Raum, in dem sie nun wartete, war spärlich weiß möbliert.

Steril - dieses Wort fiel ihr dazu ein. Kein Ort für Kinder. Wie gut, dass sie bereits Pflegeeltern gefunden hatte. Die Johanssons würden wunderbare Eltern abgeben, dafür hatte Ingrid über die Jahre ein Gespür entwickelt. Ein warmherziges junges Paar, das keine eigenen Kinder bekommen konnte. Die weiße Tür wurde aufgerissen. Ingrid zuckte erschrocken zusammen. Herein marschierte ein grimmig aussehender Mann mit einer Akte in der Hand. »Wo ist das Kind?«, entfuhr es Ingrid. »Alles zu seiner Zeit«, wies der Mann sie zurecht. Was denn noch?, dachte Ingrid. Sie musste doch bereits einen langen Vortrag über Geheimhaltung über sich ergehen lassen. Und sogar eine Geheimhaltungsklausel unterschreiben, bevor ihr zwei todernst dreinschauende Beamte von den seltsamen Umständen erzählten, unter denen das Baby gefunden worden war. Es sei buchstäblich aus dem Nichts aufgetaucht, es gebe keine Anhaltspunkte dafür, wer die leiblichen Eltern seien, wurde ihr unter anderem erklärt.   


Der Beamte räusperte sich und reichte Ingrid die Akte. »Ich weise Sie ein letztes Mal auf Ihre Verschwiegenheitspflicht hin«, brummte er.

Ohne Ingrids Reaktion abzuwarten fuhr er fort: »Die von Ihnen ausgesuchten Pflegeeltern sind von uns bewilligt. Sie werden aber nicht in den Fall eingeweiht.«  Ingrid nickte. Es gab eine offizielle Version bezüglich der Auffindung des Kindes, die sie den Eltern erzählen durfte. Die entsprach aber nicht den Tatsachen. Die Wahrheit stand in der streng geheimen Akte. Zumindest die Wahrheit, die man ihr mitgeteilt hatte.

»In dieser Akte wird alles noch einmal genau erläutert. Von nun an betreut ein Kollege von mir diesen Fall. Er wird selbstverständlich mit uns Kontakt halten«, sagte der Beamte.

Selbstverständlich, dachte Ingrid und verkniff sich einen Kommentar. Wie auf Kommando ging die Tür ein zweites Mal auf. 

»Darf ich vorstellen: Stig Larsson!« Herein kam ein freundlich lächelnder Polizist, den Ingrid sehr gut kannte.

»Stig, wie schön, ein sympathisches Gesicht zu sehen!« platzte es aus ihr heraus. Der Sachbearbeiter blickte säuerlich.

»Wie nett, dass Sie sich bereits kennen«, knurrte er. »Das erleichtert meine Arbeit ungemein.«  Mit diesen Worten verschwand er durch die Tür, ohne sich von Ingrid zu verabschieden.

Stig zuckte amüsiert mit den Schultern. »Torbjörn ist wirklich reizend«,  grinste er.

»So heißt er also. Er hat sich bei mir nicht einmal vorgestellt!«, sagte Ingrid empört. Die Tür ging ein drittes Mal auf. Eine ältere Frau betrat den Raum. Im Arm hielt sie ein Baby mit pechschwarzen Haaren. Es schlief selig und wachte nicht einmal auf, als die Frau es Ingrid überreichte – das Kind, das angeblich aus dem Nebel gekommen war.
 
1. Die Akte Charlotta Johansson  


Eine schmale Gestalt lag unter einer warmen Decke in einem kleinen Zimmer in der südschwedischen Stadt Lillby und lauschte angespannt hinaus in die Dunkelheit. Jedes auch noch so kleine Geräusch erschien dem Mädchen unnatürlich laut – wie das Ticken der Wanduhr im Zimmer nebenan und das raschelnde Werkeln einer Maus irgendwo in der Wand am Fenster. Ein dumpfes Gurgeln kam aus den veralteten Heizungsrohren und im Flur konnte man die klickenden, tapsenden Schritte der Katze hören, die nicht fähig war, ihre Krallen ordentlich einzufahren. Jeder Laut für sich alleine war ausreichend, einen Bären aus seinem Winterschlaf zu holen. So schien es ihr.

 

Charlie starrte jetzt mit weit aufgerissenen Augen in den dunklen Raum, so als ob ihr die offenen, sehr außergewöhnlichen Sehorgane beim Horchen behilflich sein konnten. Sie atmete leise und sehr flach. Ihr durfte kein entscheidendes Geräusch entgehen. Seit geraumer Zeit hatte es keinen verdächtigen Laut mehr gegeben – kein verräterisches Husten, keine Schritte auf dem kalten Linoleumfußboden, kein Umblättern von Seiten in einem Buch. Sollte sie es jetzt wagen? Der Rucksack lag tief unter dem Bett verstaut. Fertig gepackt mit den wichtigsten Sachen, die sie brauchen würde – wie Kleidung, ein Foto ihrer verstorbenen Eltern, ein wenig Schnur mit einem Angelhaken, eine Landkarte, drei Feuerzeuge und die Taschenlampe. Außerdem hatte sie ein Messer mit einem Griff aus Horn und einen Kompass dabei, die sie von ihrem Vater bekommen hatte. Und das Buch Ronja Räubertochter – das einzige, was Charlie von ihrer Mutter geblieben war.

Ungefähr 200 Kronen Taschengeld hatte das Mädchen gespart. Diese lagen sicher in einer der kleinen Reißverschlusstaschen an der Seite des Rucksackes.   
Und dann war da noch ihre Akte. Charlie lief ein Schauer über den Rücken. Sie spürte, wie sich ihre Nackenhaare sträubten. Die Erinnerung an ihr Zusammentreffen mit diesem Johann Pettersson stieg in ihr hoch.

 

Charlie war mit Klassenkammeraden unterwegs gewesen. Es war bereits spät am Abend, und Charlie hätte längst wieder im Heim sein sollen, ihrem derzeitigen Zuhause. Sie widerstand dem Drang, auf die Uhr zu sehen – wenn sie nicht wusste wie spät es war, konnte sie immer noch behaupten, sie hätte die Zeit vergessen. Charlie zog eine Grimasse. Sie wusste natürlich, dass sie sich selbst belog. Die Gruppe Jugendlicher schlenderte über einen menschenleeren Spielplatz – eine Schaukel knarrte im leichten Wind. Charlie grub ihre Hände tiefer in die Jeanstaschen und blies sich eine schwarze Locke aus dem Gesicht.

»Hej, Tommy!«, rief Liam. Wie gefällt dir mein neuer Klingelton?
Liam fuchtelte mit einem Gerät in der Luft herum und hielt es unvermittelt an Tommys Kopf. Das Geräusch eines Rasierapparats ertönte. Man konnte förmlich hören, wie sich das Gerät durch die Haare fraß. Tommy fuhr entsetzt zur Seite, stieß Liam von sich und fasste sich an den Kopf. Hektisch fuhr er sich durch die Haare, Panik lag in seinen blauen Augen. Die Gruppe brüllte vor Lachen, auch Charlie. Liam schwenkte vergnügt sein Handy.

»Cool, was? Ich habe doch gesagt, es ist ein Klingelton!«, grinste er und schlug Tommy auf die Schulter. Charlie sah wie Tommy um Fassung rang. Jetzt auszuflippen, wäre absolut uncool. Tommy schaffte ein gequältes Lächeln, bevor er sich wieder fing.

Auf einmal kam Ihnen ein Mann entgegen. Er hielt eine Flasche in der Hand und torkelte betrunken quer über den Weg.

»Seht euch den an«, spottete Tommy und begann den etwa 50-Jährigen nachzuahmen. Tommy musste nach der panischen Reaktion mit dem Handy seinen Coolheits-Faktor auffrischen, also stolperte er mit einer imaginären Flasche in der Hand von einer Seite der Gasse zur anderen. Viele in der Gruppe lachten.   
»Lass das«, fauchte Elin, die den Betrunkenen ängstlich beäugte. Dieser war schlampig gekleidet, groß und kräftig gebaut. Seine dunklen Haare hingen ihm fettig ins unrasierte Gesicht. Elin versuchte, Tommy an der Jacke zu packen, doch er entwischte ihr in einem weiteren Anfall von gespielter Trunkenheit. Charlie sah, wie der Typ Tommy wütend anstarrte. Bevor irgendjemand reagieren konnte, stürzte sich der Mann vorwärts, warf sich auf Tommy und riss ihn zu Boden. Die Flasche zerbrach in tausend Scherben. Charlie sah, wie sich Tommys Augen vor Schreck weiteten, bevor er krachend auf dem Asphalt aufschlug.

Dann reagierte sie. Sie rannte auf den Angreifer zu, der Tommy unter sich begraben hatte wie ein Riese einen Zwerg. Liam und zwei andere Jungs folgten ihr. Der Mann rappelte sich mühsam auf und sah sich vier Jugendlichen gegenüber, die wütend die Fäuste ballten. Tommy schnappte hörbar nach Luft und rollte sich aus der Gefahrenzone. Er war blass und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Seite. Elin eilte besorgt zu ihm. Der ungepflegte Riese grinste Charlie, Liam und die zwei anderen an. Warmer, alkoholhaltiger Atem und der penetrante Geruch von altem Schweiß stiegen ihnen in die Nase.

Der Mann rülpste laut und wischte sich mit einem dreckigen Handrücken über den Mund. »Ihr kleinen Mistkerle. Ihr glaubt, ihr wärt was Besseres, was?«, zischte er und kam drohend näher.

»Los, kommt, wir hauen ab!«, rief Elin, die Tommy aufgeholfen hatte und ihn nun beim Gehen stützte.

»Ich glaube, er hat mir eine Rippe gebrochen«, wimmerte Tommy leichenblass. Liam wurde krebsrot im Gesicht.

»Das wirst du büßen! Wir zeigen dich an!«, brüllte er den Mann an. Dieser schnaufte verächtlich.

»Ja, ja, die Polizei. Geht nur zur Polizei, die wird euch sicher helfen!«

Er machte noch einen drohenden Schritt auf sie zu. Alle wichen zurück, außer Charlie. Irgendetwas hielt sie fest. Sie stand nun sehr nahe vor dem Mann, der seinen Blick nun ganz auf sie allein richtete. Er starrte ihr provozierend in die Augen und erstarrte. Seine Pupillen weiteten sich, und eine Art Erkennen zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.

»Du!«, spuckte er hervor und schwankte einen Schritt rückwärts. »Du…«, wiederholte er und sah Charlie an, als wäre sie ein Geist.   
Charlie lief ein Schauer über den Rücken. Sie kannte den Typ nicht. Doch anstatt wegzulaufen, stand sie wie angewurzelt da. Ihr Herz raste. Sie spürte etwas – eine Energie, eine Verbindung, einen glühenden Faden. Dieser Penner war wichtig! Aber wieso?

»Kenne ich Sie?«, fragte Charlie leise und sah dem Mann direkt in die Augen. Er wich noch einen Schritt vor ihr zurück, Charlie machte einen Schritt auf ihn zu. Der Besoffene machte eine abwehrende Handbewegung.

»Diese Augen!«, flüsterte er und starrte Charlie fassungslos an. »Nein, das kann nicht sein«, murmelte er weiter.

»Was kann nicht sein?«, fragte Charlie und ging einen weiteren Schritt auf den Mann zu.

»Charlie, komm da weg!«, rief Liam, doch Charlie hörte ihn in ihrer Erregung nicht. Sie folgte einem Gefühl. Dieser glühende Faden, ein Band… Charlie konnte das Band sehen, fühlen, spüren. Was war hier los? Wer war dieser Mann? Plötzlich trat ein böses Funkeln in die Augen des Betrunkenen. Mit einer überraschend schnellen und sicheren Bewegung brachte er seinen Arm hoch. Er packte Charlie am Hals – sie stand so nahe, dass er sich dafür nicht einmal vom Platz bewegen musste – und zog sie nur wenige Zentimeter vor sein nach Alkohol stinkendes Gesicht.  Charlie würgte. Panik stieg in ihr auf, doch sie brachte keinen Ton heraus. Der glühende Faden lief nun über die Hand des Penners. Er verbrannte ihre Haut – wie eine Schlinge legte er sich um ihren Hals. »Du! Das Kind, das aus dem Nebel kam!«, stieß der Mann hervor. Sein Gestank stieg ihr ungefiltert in die Nase.

»Niemand hat mir geglaubt! Sie haben mich für verrückt erklärt, mich, Johann Pettersson! Niemand hat uns geglaubt. Mein ganzes Leben zerstört! Wegen dir!« Er drückte noch fester zu. Charlie rang nach Luft. Trotzdem wehrte sie sich nicht sondern wartete wie gebannt auf mehr. Was hatte er noch zu sagen? Schreie ertönten um sie herum, jemand zerrte an ihrem Arm, trat nach dem Mann.   
»Du kleine Hexe aus dem Nebel«, zischte der Betrunkene ohne sich um Liam zu kümmern, der ihm nun am Hals hing.
»Was willst du hier bei uns?«, wisperte Johann Pettersson ganz nah an ihrem Ohr. Charlie wurde schwindlig. Sie sah das glühende Band noch deutlicher als zuvor. Sie fühlte es – heiß, erdrückend, unnatürlich. Und plötzlich wurde ihr die Gefahr bewusst – sie bekam keine Luft mehr! Sie begann sich zu wehren, machte sich stark. Das Band pulsierte – brannte hell und explodierte unter den würgenden Fingern des Mannes. Mit einem Schmerzensschrei ließ er Charlie los und taumelte rückwärts. Er starrte sie entsetzt an. Dann kehrte der wissende Ausdruck in seine Augen zurück:

»Hexe!«, zischte er noch einmal. Charlie wurde fortgerissen. Ihre Klassenkameraden zogen, stießen, zerrten sie die Gasse hinauf. Ein letzter Blick zurück zeigte ihr den Mann, der immer noch dastand und ihr hinterher schrie.

»Hexe! Du gehörst nicht hierher!« Er hielt sich seine Hand – sie war krebsrot. Charlies Hals hatte hingegen keinen Kratzer abbekommen. Doch das Ereignis hatte sie aufgewühlt. Was war da nur geschehen? Dieses glühende Band…

»Kanntest du den Typ?«, fragte Liam. Charlie schüttelte den Kopf.

»Der gehört ja in die Klapsmühle!«, wetterte er und wandte sich dem verletzten Tommy zu. Charlie lief schweigend neben den anderen her. Ihre Gedanken kreisten. Sie war erregt. Die Begegnung mit Pettersson hatte etwas mit ihrer Herkunft zu tun! Sie musste erfahren, was er gemeint hatte.

 

Ein leises Hüsteln und dumpfe Schritte im Flur rissen Charlie aus ihren Erinnerungen. Jemand, vermutlich Camilla, die heute Nachtschicht hatte, schlurfte in ihren rosa Plüschhausschuhen an der Zimmertür vorbei. Vor der Tür verharrte die Nachtschwester horchend. Charlie räkelte sich geräuschvoll, seufzte im vorgetäuschten Schlaf und wälzte sich herum. Die Person auf der anderen Seite der Tür schlurfte zufrieden weiter auf ihrem Weg zur Toilette. Das ließ sich nur kurze Zeit später durch das Surren der Belüftung ausmachen, die sich automatisch in Gang setzte, sobald jemand den Lichtschalter betätigte.

Charlie seufzte resignierend. Camilla schlief also noch nicht. Ihr angespanntes Warten und Horchen sollte wieder von vorne losgehen. Anscheinend hatte Camilla ihre abendliche Kaffeeorgie wieder einmal übertrieben. Charlie überlegte, ob sie ihren Plan nicht lieber ein anderes Mal durchführen sollte – wenn, wie eigentlich geplant, Maria Nachtschicht hatte. Maria schlief immer fest wie ein Fossil. Nichts und niemand konnte ihre Nachtruhe stören. Leider war Maria krank, und keiner wusste, wie lange sie das Bett hüten musste. Für Maria war jetzt also Camilla eingesprungen. So ziemlich der schlimmste Ersatz, den man sich vorstellen konnte – zumindest, wenn man bei Nacht und Nebel das Weite suchen wollte. Also doch die Flucht verschieben? Charlie verwarf diesen Gedanken schnellstens. Viel zu riskant. Ingrid würde Verdacht schöpfen. Ingrid konnte das Verschwinden der Akte Charlotta Johansson jederzeit bemerken. Charlie musste ihr Glück heute Nacht versuchen. Riskant hin oder her, irgendwann musste doch auch jemand wie Camilla einschlafen.

 

Die Akte Charlotta Johansson


Charlie dachte an den vergangenen Nachmittag zurück. Anstatt nach der Schule den langen Weg durch die Stadt bis zu ihrem jetzigen Zuhause zu gehen, hatte Charlie die breite Straße vor der Schule überquert und war rechts in eine Gasse eingebogen. Mit gemischten Gefühlen beobachtete sie von der nächsten Straßenecke aus das gelbe Gebäude schräg gegenüber. Das Sozialamt. Menschen betraten und verließen – allein oder paarweise – das wuchtige Gebäude aus Stein. Gemauerte Häuser gibt es in Schweden fast ausschließlich in Städten. In Wohnsiedlungen und auf dem Lande sind nahezu alle Villen und Häuser aus Holz oder haben zumindest eine Holzverkleidung. Warum wurden in den Städten Steinhäuser gebaut? Charlie hatte vorher noch nie darüber nachgedacht. Sie ließ kurz, ganz kurz – um auch ja nichts zu verpassen – ihren Blick umherschweifen.   
Die großen mandelförmigen Augen sahen sich um. Na gut. Einige der Häuser in dieser Gasse waren ebenfalls aus Holz. Links stand ein blaues, großes Gebäude mit dunkelblauen Fenstern, daneben ein weißes Haus mit Türmchen und weiter hinten ein gelbes mit weißen Fenstern. Gelbe Häuser waren auch auf dem Land oft zu finden. Meistens waren die alten Hütten und Häuser aber rot mit weißen Fenstern und weißen Ecken und Kanten.

Jäh wurde Charlie aus ihren Überlegungen gerissen. Ihr sehniger, eher jungenhafter Körper spannte sich wie eine Feder. Sie zog sich schnell weiter in die Gasse zurück. Dabei ließ sie den Eingang zum Sozialamt keinen Moment lang aus den Augen. Eine Frau trat heraus und bewegte sich raschen Schrittes zu einem der parkenden Autos, einem alten Volvo, stieg ein und fuhr zügig davon. Das war für Charlie das Startsignal. Sie hatte eine halbe Stunde Zeit, ehe Ingrid aus der Mittagspause zurückkehren würde. Charlie schlenderte betont gleichgültig auf das Gebäude zu. Sie tat so, als würde sie sich das Schaufenster des Juweliers neben dem Sozialamt ansehen und wartete, bis kein Mensch im Vorflur zu sehen war. Dann huschte sie schnell hinein. Sie hastete die steile Treppe hinauf, lugte um die Ecke und schlich leise zu der Tür mit dem Schild Ingrid Olafsson, Sozialarbeiterin und Sachbearbeiterin.

 

Charlie atmete schnell. Vorsichtig öffnete sie die weiße Holztür einen winzigen Spalt und spähte in das kleine Büro. Bis auf einen vollgepackten Schreibtisch, einige Regale, überquellend mit Akten und Ordnern, und einen Tisch mit zwei Stühlen, war der Raum glücklicherweise leer. Charlie schlüpfte hinein und zog die Tür leise hinter sich ins Schloss. Sie sah sich um. Wo sollte sie bloß anfangen? Sie hatte bereits eine Viertelstunde gesucht und aufgehört, bei jedem kleinen Geräusch zur Eissäule zu erstarren, als sie endlich fündig wurde. Eine Akte mit dem Namen Charlotta Johansson darauf. Charlie hielt den schmalen Ordner eine Weile fest in beiden Händen. Was würde sie darin finden? Die Wahrheit über ihre Herkunft? Irgendwelche Geheimnisse oder nur eine Dokumentation ihres bisherigen Lebens?

Gedankenverloren starrte Charlie auf die Akte in ihren schmalen Händen. Sie war ein Pflegekind, das wusste sie. Und irgendetwas stimmte mit ihr nicht. Das hatte sie deutlich an den Blicken gemerkt, mit denen Ingrid Olafsson sie musterte, wenn sie sich unbeobachtet glaubte. Und nun auch noch diese beunruhigende Begegnung mit diesem Johann Pettersson, der irgendetwas zu wissen schien. Sie wollte endlich die Wahrheit erfahren! Wer war sie? Und gab es vielleicht doch Hinweise auf ihre leiblichen Eltern?

 

Schritte im Treppenhaus rissen Charlie aus ihrer Starre. Schnell legte sie die paar Schritte vom Schreibtisch zur Tür zurück. Ein Umschlag fiel aus der Akte, die sie in der Aufregung verkehrt herum gehalten hatte. Sie öffnete die Tür einen Spalt breit und hörte für einen Moment auf zu atmen. Wer da raschen Schrittes den Flur entlang kam, war niemand anderes als Ingrid Olafsson! Hatte sie so lange für ihre Suche gebraucht? Charlies Kopf fuhr herum. Sie musste sich irgendwo verstecken! Doch wo? In diesem kleinen Büro gab es keine Möglichkeit, sich unsichtbar zu machen! Charlie machte einen Schritt rückwärts, trat auf den Umschlag und verlor beinahe die Balance. Nicht auszudenken, welchen Lärm es gemacht hätte, wäre sie rückwärts in das Regal voller Akten und Ordner gestürzt. Sie hob den Umschlag auf, stopfte ihn in die Jackentasche und tauchte in Sekundenschnelle unter den Schreibtisch. Die Klinke wurde herunter gedrückt und die Tür geöffnet.

Da rief eine helle Stimme: »Hallo Ingrid! Kommst du bitte gleich zur Besprechung ins Konferenzzimmer? Wir haben das Meeting eine Stunde vorverlegt, weil wir danach noch Annas Geburtstag feiern wollen!«

Charlie hörte Ingrid antworten: »Ja selbstverständlich, Moment noch!« Die Tür wurde sperrangelweit aufgerissen und Ingrid stürmte herein. Sie warf eine Akte und eine Tasche auf den ohnehin schon überfüllten Schreibtisch, griff nach einem Stift und einem Notizblock und verschwand genauso schnell wie sie gekommen war. Charlie hatte nicht ein einziges Mal während Ingrids Anwesenheit Luft geholt. Jetzt atmete sie hektisch ein und aus, um das Schwindelgefühl wieder loszuwerden und wischte sich mit dem Jackenärmel die Schweißtropfen aus dem Gesicht. Sie horchte den sich schnell entfernenden Schritten im Flur nach, rappelte sich mühsam auf und kroch unter dem Schreibtisch hervor. Den Aktenordner fest an sich gedrückt, die Jacke darüber gezogen, machte sie sich so schnell wie möglich aus dem Staub.

 

Sie stolperte die Stufen hinunter, stieß die schwere Glastür auf und prallte dort mit einem dicken, älteren Herren zusammen, der mit seinem Bauch voran das Sozialamt betreten wollte. Charlie murmelte hastig »Entschuldigung...« und sauste davon. Zwei Straßen weiter lehnte sie sich schwer atmend an eine Hauswand. Ihre schwarzen Locken fielen ihr wirr über Schulter und Rücken. Sie zitterte am ganzen Körper und unterdrückte ein glucksendes, hysterisches Kichern. Den Ordner aber hatte sie immer fest an sich gedrückt gehalten. Ingrid Olafsson. Bei dem Gedanken an ihre Sozialarbeiterin beschlich Charlie wieder das Schuldgefühl, welches sie auch am Nachmittag auf dem Sozialamt gespürt hatte. Ingrid, ihre Ingrid, die so viel für sie getan hatte.

 

Mit neun Jahren, war Charlie in die dritte Klasse derselben Schule gegangen, die sie heute Vormittag, fünfeinhalb Jahre später, wohl zum letzten Mal besucht hatte. Damals war sie ein ganz normales, fröhliches junges Mädchen gewesen. Ein Mädchen, das gerne mit Freunden spielte, durch den Wald streifte, Strick und Paradies hüpfte und mit Murmeln Geschicklichkeitswettbewerbe gewann. Ein Mädchen, das das Leben mit allen seinen Schwierigkeiten und Möglichkeiten erlebte – in sicherer Gewissheit, dass alles schon irgendwie funktionieren und am Ende immer gut ausgehen würde.

 

Für den guten Ausgang sorgten nur allzu oft ihre Eltern, die immer für sie da waren. Ihre Eltern, die sie bedingungslos liebten, sie beschützten und gegebenenfalls dem Lehrer erklärten, dass Charlotta es bestimmt nicht böse gemeint hatte: Sie wäre nur in ihrem Übermut wieder einmal über das Ziel hinaus geschossen, sie habe sich auch schon bei allen Beteiligten entschuldigt. Und abgesehen davon wäre es ja auch nicht so furchtbar schlimm, seinen Namen in den Schnee zu pinkeln. Jungs machten dies ja ständig. Nun, sie würden die Tatsache ja einsehen, dass Charlie ein Mädchen sei und kein Junge, aber Charlie hätte ja nicht wissen können, dass ein Elternpaar der an der Geschichte beteiligten Jungs ihren nackten Hinterteil hatte sehen können. Sie wollte ja bloß beweisen, dass Mädchen alles tun können, was Jungs so tun. Diese Jungs hätten Charlotta nun mal eben nicht herausfordern sollen. Kurzum: Charlie war ein Wildfang mit viel Temperament. Sie gehörte zu jenen Mädchen, die nicht nur vom Körperbau her eher jungenhaft aussehen – abgesehen von ihren langen schwarzen Locken – sondern auch bei Spiel und Spaß ein eher robustes Verhalten an den Tag legen. Trotz ihres Temperaments hatte Charlie das Herz am rechten Fleck. Sie nahm Schwächere – ob Menschen oder Tiere – in Schutz, wenn sie der Meinung war, dass Hilfe benötigt wurde.

Wie jedes Kind hatte sie Vorlieben und auch Dinge, die sie hasste, wie Hausaufgaben, Lakritz und Fußball. Am liebsten ritt sie auf ihrem Isländer durch die schwedischen Wälder und begleitete ihren Vater Per zum Off-Road – das war seine große Leidenschaft gewesen. Er und sein bester Freund Jonas nutzten jedes freie Wochenende, um auf einem großen, extra dafür vorgesehenen Gelände mit ihren selbst gebauten Geländewagen über Stock und Stein, durch matschige Tümpel und über steile Hänge zu brettern. Per ließ Charlie oft ans Steuer. Seit sie über das Lenkrad gucken konnte – anfangs noch auf Pers Schoß – konnte Charlie ein Auto lenken. Später lernte sie auch Kuppeln, Bremsen und Gas geben. Per erzählte jedem, der es hören wollte, wie außergewöhnlich talentiert seine Charlie mit dem kleinen Jeep umgehen konnte. Dass sie dabei jedes Mal dreckbespritzt, bis auf die Knochen durchnässt und mit Matsch verschmierten Haaren nach Hause kamen, störte Vater und Tochter wenig. Mutter Lena besaß ja eine Waschmaschine. Charlie war also ein ganz normales schwedisches Kind. Na ja, vielleicht nicht ganz. Die meisten Menschen in Schweden haben blonde Haare, blaue Augen und helle Haut. Einige haben auch dunkle Haare – aber glänzend schwarze Locken, wie Charlie sie hatte, waren für gebürtige Schweden eher ungewöhnlich.

Doch das Seltsamste an Charlotta Johanssons Erscheinung war nicht ihr Haar, auch nicht ihr blasses, längliches Gesicht oder ihr sehniger Körper. Nein, das Merkwürdigste an ihr waren ihre Augen. Sowohl deren Mandelform als auch deren Farben waren es, die jeden erstaunt, fasziniert und ungläubig zweimal hinsehen ließen. 
Charlies rechtes Auge war hellblau. Nicht ungewöhnlich für Schweden, oder ein anderes skandinavisches Land. Aber ihr linkes Auge war grün. Ein tiefes, dunkles, kräftiges Grün. Der Kontrast zwischen dem hellblauen und dem dunkelgrünen Auge war so scharf und aufsehenerregend, dass er niemandem entging, der Charlie auch nur kurz anblickte.

Und alle schauten sie an. Immer wieder, denn Augen mit zwei verschiedenen Farben sind äußerst selten. Per und Lena waren blond und blauäugig. Typische Schweden eben. Dass sie nicht Charlies leibliche Eltern waren, war Charlie bekannt, solange sie sich zurückerinnern konnte. Sie war als Baby zu den Johanssons in Pflege gekommen. Ingrid Olafsson hatte das schwarzhaarige Kind bei Per und Lena untergebracht und Charlie hatte sich niemals gewünscht, andere Eltern zu haben. Natürlich hatte sie irgendwann wissen wollen, wo sie herkam und wer ihre richtigen Eltern waren. Per und Lena hatten ihr die Papiere gezeigt, die sie bekommen hatten, und ihr erklärt, dass sie an einem warmen Julitag in der Badeanstalt unter einem Baum gefunden worden war. Niemand wusste, wo sie herkam oder wer sie dort abgelegt hatte – und niemand hatte je nach dem schwarzhaarigen, etwa fünf bis sechs Monate alten Baby gefragt oder einen Hinweis auf dessen Herkunft geliefert. Das Findelkind wurde Charlotta genannt und erhielt den Nachnamen ihrer Pflegeeltern Per und Lena Johansson. 


Charlotta Johansson wuchs gut behütet und beschützt bei zwei liebevollen Menschen auf. Ihr fehlte es an nichts, und sie hätte sich im Traum nicht vorstellen können, dass sie sich eines Tages sehr, sehr einsam und verlassen fühlen würde. Ihr Leben war geordnet gewesen – bis zu diesem Sonntag kurz nach ihrem neunten Geburtstag.

 

Sie konnte sich an kaum etwas erinnern: Nur daran, dass sie und ihre Eltern mit ihrem Volvo auf der Nachhausefahrt waren, als es passierte. Und an den entsetzten Aufschrei ihrer Mutter. Als nächstes war ihr im Gedächtnis geblieben, dass sie in einem hellen Zimmer mit weiß bezogenen Betten aufwachte. Ihr Schädel brummte, sie hatte Schwierigkeiten sich zu orientieren und einen klaren Gedanken zu fassen. Die Stunden danach lagen wie in einem dichten Nebel. Jemand, vermutlich ein Arzt, erklärte ihr, sie sei in einen Unfall verwickelt gewesen. Dann wechselte er den Verband an ihrem Kopf. Sie müsse sich ruhig verhalten, denn mehrere Knochen seien gebrochen. Draußen warte eine Frau namens Ingrid Olafsson, er würde sie gleich hereinlassen, fügte er hinzu. Ingrid berichtete ihr dann unter Tränen, dass Per und Lena bei dem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren. Ein Reh war ihnen vor das Auto gelaufen. Per hatte nicht mehr rechtzeitig bremsen können. Sie waren vom Weg abgekommen und frontal gegen einen Baum geprallt. Charlie dachte zuerst, sie hätte einen schrecklichen, sehr realistischen Albtraum. In den darauf folgenden Wochen weinte Charlie viel. Als Ingrid ihr eines Tages erklärte, sie müsse eine neue Pflegefamilie für sie suchen, wurde dem Kind schlagartig bewusst, dass sie nun niemanden mehr hatte. Nicht einmal Jonas, der beste Freund ihrer Eltern, der sich nach dem Unfall rührend um sie kümmerte, konnte ihr aus ihrer Einsamkeit helfen. Er hätte Charlie nur allzu gerne zu sich genommen. Doch leider waren ihm nach der Trennung von seiner Partnerin Britta ein riesiger Berg Schulden sowie die Erkenntnis geblieben, dass sie ihn mächtig über den Tisch gezogen hatte.

Um über die Runden zu kommen, bewohnte er seitdem eine Einzimmerwohnung bei einem Bekannten auf einem kleinen Hof in der Nähe von Storby. Das Sozialamt war verständlicherweise nicht der Meinung, dass die Einzimmerwohnung eines Mannes, der Tag und Nacht arbeiten musste, um seine Schulden abzubezahlen, der angemessene Wohnort für ein neunjähriges Mädchen sei. Leider – und wirklich schade. Denn Jonas war die einzige Person, die für Charlie einem Verwandten am nächsten kam.

Fünfeinhalb Jahre waren seitdem vergangen. Charlie hatte in dieser Zeit erschreckend oft die Pflegefamilien und damit die Schule gewechselt. Und obwohl sie immer rasch Freunde fand, gehörten diese nach jedem Schulwechsel auch genauso rasch wieder der Vergangenheit an. Das Sprichwort Aus den Augen, aus dem Sinn, war hier leider nur allzu treffend. Es kostete Kraft, sich an eine neue Familie, eine neue Schule und neue Lebensumstände zu gewöhnen – eine Anstrengung, die sie vermied, indem sie von sich aus wieder alle Brücken abbrach und nur nach vorne schaute.  

 

Maritas Blog - Gesund leben

 

Marita schreibt erfolgreich sehr spannende Bücher und hat wundervolle Leseproben auf  ihrer Seite. Daneben beschäftigt sie sich auch mit gesundem Essen. Ein Aspekt, der in der heutigen Zeit immer wichtiger wird.

 

Ich persönlich schätze ihre Texte und Bücher genau so, wie den wunderbaren Blog, der auch sehr wertvolle Tipps zur Ernährung enthält. Die Ideen sehe ich mir des öfteren an.

 

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