Leseprobe Mara Winter - Flieder

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»Ich bin nicht verrückt, ich bin bloß müde«, erklärte ich, »ich will kein Antidepressivum, sondern ein Schlafmittel.«

 

»Aber das bekämpft nur die Symptome«, sagte die Psychiaterin, »denken Sie mal ehrlich darüber nach, warum Sie nachts wach liegen.«

 

»Weil ich immerzu an meinen Exfreund denke und weil ich mich davon abhalten muss, ihn anzurufen und ihm zu sagen, dass ich ihn liebe. Und weil ich Angst habe, dass er durch mein Fenster einsteigt und mich erwürgt«, ergänzte ich.

 

»Ist das einer realen Bedrohung geschuldet, oder leiden Sie unter Verfolgungswahn?«

 

Sie sind die Psychiaterin!, hätte ich gerne erwidert, aber weil ich mein Rezept noch nicht hatte, riss ich mich zusammen. Außerdem hielt ich die Frage für selten dämlich. Welcher Paranoide würde schon zugeben, dass er sich seine Geschichte nur einbildet? »

 

Wollen Sie mal hören?«

 

Ich hielt Frau Dr. Körbchen mein Handy ans Ohr und ließ Svens letzte Nachricht ablaufen. Er keuchte seine unsterbliche Liebe aufs Band, beschimpfte mich als verlogene Schlampe und schloss mit der Ankündigung: »… wenn du nicht zurückkommst, muss ich dich töten!«

 

»Real«, notierte sie knapp. »Dieser Mann bedroht also Ihr Leben, aber Sie fühlen sich zu ihm hingezogen? Ist das nicht inkonsequent?«

 

»Schon«, gab ich zu. Aber man hört doch nicht von einem Tag auf den anderen auf, seinen Freund zu lieben, bloß weil der sich als eifersüchtiger Irrer entpuppt? Wir waren schließlich beinahe verlobt gewesen.

 

»Haben Sie ihn bei der Polizei angezeigt?«

 

»Nein.«

 

»Warum denn nicht?«

 

»Ich glaube nicht, dass er mir wirklich etwas antun würde. Er ist nur wütend, weil ich nicht ans Telefon gehe. Aber ich halte seine Eifersucht einfach nicht mehr aus!«

 

»Und jetzt können Sie nicht mehr schlafen und nicht mehr essen, sind nervös und brechen ständig in Tränen aus?«, fasste sie zusammen.

 

»So ungefähr«, murmelte ich.

 

»Was halten Sie davon, sich an einen schönen ruhigen Ort zu begeben, wo man Ihnen helfen kann?«, fragte Frau Dr. Körbchen freundlich.

 

»Ich gehe nicht in die Psychiatrie!«, sagte ich heftig.

 

Wenn einer in die Psychiatrie gehörte, dann doch wohl der Stalker und nicht die Gestalkte!

 

»Niemand spricht von der Psychiatrie«, korrigierte sie mich, »ich spreche von einer netten, ruhigen psycho-somatischen Klinik in der Fränkischen Schweiz. Gutes Essen, lange Spaziergänge und ein paar Gespräche über Ihre Depression.«

 

»Ich bin nicht depressiv, ich hab´ einfach nur Liebeskummer«, sagte ich und heulte los, zum dritten Mal an diesem Vormittag.

 

»Dort wären Sie vollkommen geschützt. Sie hätten fachkundige Unterstützung bei diesem schwierigen Ablösungsprozess, und absolut niemand würde Ihren Aufenthaltsort erfahren.«

 

»Auch meine Eltern nicht?«

 

»Absolut niemand.«

 

Meine Eltern fielen mir zwar nicht absichtlich in den Rücken, aber sie konnten einfach nicht lügen. Seit dem ersten Trennungsversuch bewohnte ich wieder mein altes Kinderzimmer und Sven suchte mich täglich auf. Mama wurde immer knallrot und murmelte nur, Mira sei nicht da, und Papa bezeichnete Sven immer noch als »lieben Kerli, der momentan halt a bisserl durcheinander ist«. Dass der liebe Kerli seiner Tochter mit Mord gedroht hatte, fand er dann schon »ungut«, aber er glaubte Sven seine Reue und wollte einer allerletzten Aussprache kein einziges Mal im Wege stehen. Deshalb ließ er ihn immer wieder in mein Zimmer, wo Sven so lange heulte, schmeichelte, bettelte und diskutierte, bis ich mit ihm nach Hause ging und wir uns zum hunderttausendsten Mal versöhnten. Ich liebte ihn ja, und er hatte eben solche Angst, weil seine Exfreundin ihn laufend betrogen hatte, das musste ich doch verstehen. Er drohte mir ja auch nur aus Hilflosigkeit und ab jetzt würde alles anders werden.

 

Das hielt dann ein oder zwei Tage an, bis er sich wieder aufregte, weil ich einen Rock anziehen oder alleine in die Stadt gehen wollte, woraufhin ich wieder zu meinen Eltern flüchtete. Als er mir aber schließlich verbot, zum Erntedankfest in die Kirche zu gehen, weil ich ihn mit dem Pfarrer betrügen könnte, verlor ich das letzte Restchen Geduld. Ich schickte ihm all seine Sachen zurück und schrieb, dass ich ihn nie wieder sehen wolle.

 

Seitdem musste ich bei wechselnden Freundinnen oder in Hotels übernachten, weil er vollkommen durchgedreht war. Er bombardierte meine Freunde mit Anrufen und Mails, in denen er sie über meinen »wahren Charakter« aufklären wollte. Ans Telefon ging ich längst nicht mehr, weil mich seine pathetischen Liebesschwüre inzwischen genauso verstörten wie seine Wut- und Rachegedanken. Irgendwann ging mein erhöhter Puls einfach nicht mehr nach unten, mir war schlecht und ich war dauerangespannt. Und trotzdem vermisste ich ihn zwischendurch immer noch. Vielleicht war ich wirklich nicht ganz dicht.

 

»Kann man aus so einer Klinik jederzeit wieder weggehen, wenn man will?«, fragte ich zögerlich.

 

»Natürlich, Sie sind ja freiwillig da.«

 

»Wie ist es mit Kontakt zur Außenwelt?«

 

»Ihr Smartphone müssten Sie schon abgeben. Sie sollen sich auf die Therapie konzentrieren, eine Vergnügungsreise ist das nicht.«

 

»Und wie lange dauert so ein, hm, Aufenthalt?«

 

»Sechs bis acht Wochen«, schätzte Frau Dr. Körbchen, »mindestens«.

 

»Wann könnten Sie mich einweisen?«

 

»Morgen«, antwortete sie prompt, »ich muss nur telefonieren. Sie sind doch privat versichert?«

 

***

 

Es gefiel mir besser als erwartet. Das Einzelzimmer war hübsch, die fränkische Küche gut und man wurde auf Kosten der Krankenkasse massiert. Ohne die blöden Gespräche wäre es wie ein Urlaub gewesen.

 

Schon nach zwei Tagen atmete ich spürbar auf. Hier in dieser seltsamen Parallelwelt schien die Zeit langsamer zu vergehen als daheim. Alles war durch die drei täglichen Mahlzeiten strukturiert, die auf die Minute genau eingenommen wurden. Dazwischen musste ich meinen Therapieplan abarbeiten, Yoga, Thai Chi, Fitness und Gruppentherapie. Man musste überall erscheinen, um sein Kreuzchen mit Unterschrift zu bekommen, aber alle Therapeuten hatten Verständnis für Verspätungen, Pausen oder einen abrupten Rückzug. Eigentlich musste man nur etwas guten Willen zeigen und alle ließen einen in Ruhe. Sogar das Frühstück durfte man verschlafen. Als ich mich zum ersten Mal nicht aus dem Bett quälen konnte, erntete ich nur Verständnis und Mitgefühl. Seitdem blieb ich öfter liegen, was mit einer depressiven Antriebsschwäche entschuldigt war.

 

Ich probierte dasselbe nachmittags. Ein kleiner Anruf beim Stationsstützpunkt, Kreislaufschwäche, Kopfschmerzen, ganz egal, ich durfte mich hinlegen und bekam Tee, eine Wärmflasche oder Medizin ans Bett gebracht. Diesen Service hatte ich seit meiner Kindheit nicht mehr genossen.

 

Nur die Einzeltherapie konnte man nicht umgehen. Die schlampig gekleidete Frau Wolf stellte mir unzählige persönliche Fragen.

 

»Hat Ihr Freund in der Vergangenheit jemals aggressives Verhalten gezeigt?«

 

»Eigentlich nicht. Er zieht ganz gerne mal seinen Tarnanzug an und robbt mit seinem besten Freund durch die Büsche. Aber wenn es regnet, geht er sofort heim. Er hat auch mal Ostereier an die Burgmauer geworfen, aber nur zum Spaß.«

 

»Das klingt nicht allzu bedrohlich.«

 

Das war es auch nicht gewesen. Sven und Hannes hatten gern Krieg gespielt, wie kleine Jungs, vielleicht zum Ausgleich für ihre langweiligen Jobs. Sven hätte gerne Medizin studiert, aber seine Noten waren zu schlecht, sodass er sich wenig spektakulär zum Altenpfleger ausbilden ließ. Hannes war Sachbearbeiter bei der Krankenkasse oder etwas ähnlich Langweiliges. Ihre albernen Uniformen und der Schützenverein waren Marotten, die mich wenig interessierten.

 

»Wann hat er sich zum ersten Mal ungewöhnlich verhalten?«, fragte die Therapeutin.

 

Ich wusste es nicht mehr genau. Einmal war er wütend geworden, weil ich nicht sein Geschenk, Lilac Water, sondern mein altes Parfum benutzt hatte. Ich erinnerte mich auch an Hannes´ Geburtstagsparty, bei der Sven vor-zeitig zur Nachtschicht aufbrechen musste. Ich war länger geblieben und hatte dort übernachtet, weil ich zu betrunken zum Heimlaufen war. Obwohl Sven mir das selbst vorgeschlagen hatte, brach er am nächsten Tag einen Streit vom Zaun. Da Hannes sein bester Freund war, fand ich das mehr als lächerlich und nannte ihn zum ersten Mal paranoid.

 

Ich dachte flüchtig an die ersten Wochen mit dem einfühlsamsten, romantischsten Jungen, den ich je getroffen hatte. Ich hatte keine Ahnung, warum er zu einem eifersüchtigen Irren mutiert war.

 

»Willst du mir vielleicht irgendetwas sagen?«, fragte Sven oft drohend, wenn wir uns einen Abend lang nicht gesehen hatten. Er kritisierte meine Freunde, meinen Kleidungsstil und meine angebliche Koketterie. Ich musste ihm meine Beweggründe für jede Kleinigkeit darlegen und zuletzt hatte ich in jeder unwichtigen Frage nachgegeben, weil ich nach stundenlangen Diskussionen erschöpft war und nur noch schlafen wollte.

 

Mein Leben hatte sich in einen Albtraum verwandelt, und nun grübelte ich unaufhörlich darüber nach, was ich falsch gemacht hatte. In gewisser Weise fühlte ich mich sogar schuldig, weil ich nicht bei ihm geblieben und diese Phase mit ihm durchgestanden hatte. Dabei hatte ich es ihm doch versprochen, in guten wie in schlechten Zeiten. Zwar noch nicht am Traualtar, aber immerhin in seinem Bett, als wir in einer Glücksblase lebten und er mich sein kleines Fliedermädchen nannte.

 

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