Leseprobe Lorelay Lost - Lady Grace

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Jake sah auf die Messingplakette »Sir Aelfric Lucas Bibliothek, 1749-1812«. Er hatte keine Lust seine Zeit mit alten vergilbten Folianten zu vergeuden. Etwas streifte seine Nase. Überrascht blickte er zum großen Fenster. Entschlossen kämpfte ein Schmetterling mit der unsichtbaren Barriere. Vehement flatterte er mit heftigen Flügelschlägen das Glas hoch und runter. Fasziniert beobachtete Jake ihn. Noch nie hat er einen so blauen Schmetterling gesehen. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, streckte sich, doch er kam nicht an ihn heran. Abwartend lehnte sich Jake gegen eine der Flügeltüren. Langsam wurden die hektischen Flügelschläge schwerfälliger. Endlich schwebte er wie ein welkes Blatt im Wind auf das schmale Fensterbrett. Freudig trat Jake näher und pflückte ihn vorsichtig vom schmalen Sims. Behutsam legte er ihn auf seine ausgestreckte Hand. Jetzt konnte Jake ihn sich in Ruhe anschauen. Ein perlmuttfarbenes Muster durchzog die zarten Flügel. Lächelnd hielt Jake ihn ins Sonnenlicht, die Farben erstrahlten. Sachte zeichnete Jake mit seinem kleinen Finger über die leuchtenden Nuancen. Jäh zuckte der Schmetterling heftig zusammen. Erschrocken zog Jake seine Hand zurück. Mit weit aufgerissen Augen sah Jake wie die Farben aus den Flügel rannen und zwischen seinen Fingern auf den Boden tropften. Noch bevor sie aufkamen, zerfielen sie zu grauem Staub. Entsetzt schüttelte Jake seine Hände, der Schmetterling zerbröckelte noch in der Luft. Keuchend schrie er auf. Was stimmt hier bloß nicht? Angewidert wischte er sich die zittrigen Hände an seiner Hose ab. Ein schepperndes Geräusch direkt über ihm ließ ihn zusammenzucken. Irgendwas stimmte hier ganz gewaltig nicht! Er folgte dem leisen Klirren und kam vor einer schmalen Treppe zum Stehen. Mit großen Schritten stieg er die knochigen Stufen hinauf. Eine ebenhölzerne Tür stellte sich ihm in den Weg. Sachte drehte er am Knauf, doch irgendetwas klemmte. Er probierte es ein paar Mal, bis er sich ungeduldig mit seinem Gewicht gegen die Tür stemmte. Plötzlich sprang sie auf. Überrascht strauchelte er ins Zimmer. Funkelnder Staub wirbelte auf. Jake rang nach Luft und musste fürchterlich husten. Ein rundes Dachfenster spendete der kargen Kammer sein fahles Licht. Verwundert fiel sein Blick auf die gegenüberliegende Wand, dort standen Unmengen von vergilbten Porträts. Langsam drehte er sich einmal um sich selbst. Koffer, Schachteln, Kleidungsstücke, Bücher und Spielzeug. Sie lagen dahingeworfen mit einer dicken Staubschicht bedeckt im Raum. Niemand hatte sich die Mühe gemacht sie abzudecken. Ein großes Bild schlug ihn sofort in seinen Bann, es lehnte vergessen in einer dunklen Ecke. Mit Mühe zog er es hervor. Bedächtig wischte er mit seinen Ärmeln den kunstvoll geschnitzten Rahmen ab. Er konnte nicht viel erkennen, also zog er das Bild ins blasse Licht. Das Glas war gesprungen und zog sich wie das kunstvolle Netz einer Kreuzspinne über die Fotografie. Eine Frau saß in einem schwarzen Kleid drapiert auf einem Borne....

 

© Lorelay Lost

 

Diese Kurzgeschichte habe ich schon länger entdeckt. Sie ist packend und spannend geschrieben und zeigt eine geheimnisvolle alte Welt, in der sich Geheimnis und Unschuld treffen. Die Geschichte vereint alles, was es auf  die Kürze braucht. Es gruselt angenehm und lässt Fragen offen. Ich hatte Gelegenheit, in geistige Abgründe zu tauchen und das Fantastische einfach so hinzunehmen, wie es ist.  

 

Lorelay Lost schreibt tiefgründig und wundervoll. Ich liebe ihre Texte und bin gespannt auf Weitere. Schaut doch mal in ihren Blog rein, sie macht das sehr spannend (dazu ein Klick auf ihr Titelbild "Lorelay Lost".

 

 

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