Leseprobe Katharine Loster - Oldrada

 

 

 Oldrada

 

 

 

 

„Sei il mio cuore e la mia anima.

Per amore di te darei la mia vita, farei la guerra ad ogni Dio.

Per amore di te darei la mia vita, rinuncerei alla mia eredita

senza vergogna ed abbasserei umilmente la mia testa per

cambiarla in cenere. “

 

„Du bist mein Herz und meine Seele.

Aus Liebe zu dir würde ich

nicht nur mein Leben geben,

und alle Götter bekriegen.

Aus Liebe zu dir würde ich

ohne Scham meinem Erbe entsagen,

mein Haupt in Demut neigen

und in Asche wandeln.“ *)

 

 

Im Spätsommer des Jahres 1454, am Fuße des Monte Grappa, unweit des Castello Marostica, im Schatten eines Olivenbaumes. Die Olivenbäume spendeten einen herrlichen Schatten und Rosina Maria, ein junges Bauernmädchen, erfreute sich am Flug der zauberhaften, gelben Schmetterlinge, die über das Tal flatterten. Doch nur kurz währte die Freude, der anstrengenden Arbeit in der Käsestube ihres Vaters entflohen zu sein.

 

 Eine wütende Frauenstimme störte nicht nur Rosina Marias Ruhe, sondern verhinderte wahrscheinlich auch ihr heimliches Stelldichein mit ihrem Liebsten, Michele. Er würde es nicht wagen näherzukommen, wenn er sich nicht mit ihr allein wähnte. Das Bauernmädchen wollte nicht lauschen, so verschwand es hinter einer der niedrigen Steinmauern, die den Olivenhain begrenzten. Die Stimmen waren dermaßen laut, dass es nicht entfliehen konnte, ohne gesehen zu werden. Genau das hatte das Mädchen verhindern wollen, hatte es doch sofort die Stimme der Nobildonna Oldrada Parisio erkannt und ahnte auch, bei wem es sich um die zweite Person handelte. Zeugin dieser Unterhaltung zu werden, konnte Rosina Maria in ungeahnte Schwierigkeiten bringen, und ihr Vater würde keine Entschuldigung gelten und keine Milde walten lassen. Doch so klein sie sich auch machte, konnte sie doch den Stimmen nicht entkommen.

 

 

Rinaldo, tesoro mio, niemals werde ich mich beugen, weder ihm noch dir. Deinen Beteuerungen unserer Liebe zum Trotz lässt du dich von meinem Brudermissbrauchen, ein Spiel zu spielen, dessen einziger Sinn es ist, seine Würde und seine Macht zu mehren! Ich flehe dich an, erweise unserer Liebe Ehre, kämpfe für mich, für uns!“

 

„Oldrada, für unsere Liebe würde ich alles wagen, alles tun. Tu sei mio cuore e mia anima. Doch was ist Liebe ohne Ehre? Meiner Verantwortung zu entfliehen, Treu und Glauben aller zu verraten? Welchen Wert hätte dann unser Schwur?“ Die kräftige Stimme war geprägt von Stolz, doch der Ton von Liebe und Verzweiflung, war nicht zu überhören.

 

„Du verrätst unsere Liebe, unseren Schwur. Meine Seele und mein Herz werden brechen, wenn du verlierst und ich dich in Lionoras Armen sehe. Deines Vaters Erbe beugst du dich und meines Bruders Machtstreben, doch unserer Liebe nicht. Du sprichst von Verrat an Treu und Glauben deiner Untertanen. Ich spreche von Verrat an unserer Liebe“, ein Schluchzen schloss sich den Worten an.

 

Rosina Maria konnte nicht anders, als sich ein wenig nach vorne zu neigen und über die Mauer zu den Liebenden zu blicken. Tränen strömten ungehindert aus den Augen der Nobildonna, doch voller Kraft und Ungestüm war deren Blick auf den Nobile Rinaldo d’Angarano gerichtet. Sein Gesichtsausdruck glich dem seiner Geliebten bis ins kleinste Detail, so dass sich Rosina Maria, obwohl voller Mitgefühl für die beiden Liebenden, ein kleines Lächeln verbiss, denn die Haltung der beiden hatte doch ein wenig von zwei kämpfenden Ziegen an sich.

 

„Glaubst du nicht, ich würde nicht auch lieber gebührend um dich werben? Mir wäre auch ein ehrenhaftes Duell lieber und dabei zu sterben, als an der Seite deiner Nichte zu leben. Mio Cuore, ich würde nicht nur mit da Vallonara kämpfen, ich würde Götter bekriegen und mein Leben für unsere Liebe geben. Doch weder dein Vater noch der meine werden ihre Fehde jemals unserer Liebe wegen beilegen und einer Vermählung ihren Segen geben. Würde ich auf Rang und Titel verzichten, gäbe ich meine gesamte Familie, nicht nur meinen Vater, meine Tanten und meine Großmutter, sondern auch das Volk, dessen Verantwortung ich trage, dem Untergang preis.

Ich würde für dich voll Demut in Asche wandeln, jede Buße tun für die Verfehlungen meines Vaters. Dich, anima mia, würde ich damit nicht gewinnen noch für dich sorgen können. Doch die Verlautbarung deines Vaters vor der Ratsversammlung, dass er nicht einmal für die Ehre seiner Tochter dem Edikt des Cangrande della Scala zuwiderhandeln und ein Duell zulassen, sondern eher ein Schachspiel darüber entscheiden lassen würde, noch dazu wo er doch zwei heiratsfähige Donne nobile – eine für den Gewinner und eine für den Verlierer – in seinem Haushalt hätte, kann er nicht zurücknehmen. Seine Ehre und sein Stolz gebieten ihm, zu seinem Wort zu stehen. Es ist unsere einzige ehrenhafte Chance auf ein Leben in Liebe und Ehre.“

„Vieri beherrscht das Spiel nicht, wie kannst du da verlieren, Geliebter, ohne zu betrügen? Er ist ein Ehrenmann wie du. Er wird mein Gemahl werden und meine Nichte wird mich hassen. Sie liebt ihn voller Inbrunst und wird sich doch dir hingeben müssen. Wäre ich doch ein Mann, so könnte ich kämpfen. Als Frau bin ich nichts als Vieh, das verschachert wird. Wer erdreistet sich da noch von Ehre zu sprechen? Wäre es nur unser beider Leben, ich würde voller Stolz und Ehre alles hinter mir lassen und nie mehr Oldrada sein. Mutig würde ich meine Heimat vergessen und als Avery de Charolles zur See fahren.“ „Mio Cuore, wie kommst du nur auf den Gedanken, du könntest unter dem Namen deines französischen Großvaters zur See fahren? Niemand würde dich je für etwas anderes als eine Nobildonna halten. Doch wie froh bin ich, dass deine Vernunft und Ehre dich von solchem Wagnis abhalten.“

Der Schrei der nun ertönte, ließ Rosina Maria zusammenzucken und eisige Kälte zog ihre Arme entlang, bei den Worten die folgten.

„Nicht Vernunft noch Ehre halten mich. Unserer Liebe Frucht hält mich. Verantwortung dem Leben in meinem Schoß hält mich!“ Schluchzend, beide Hände schützend auf ihren Leib gelegt, sank die Nobildonna in der Mittagssonne zu Boden, die langen schwarzen Haare verdeckten das schöne, ausdrucksvolle Gesicht. Der Schatten ihres Geliebten überragte die schmale Gestalt. Lediglich für einen Moment, dann sank auch er zu ihr hin. Ihre verzweifelte Umarmung trieb dem Bauernmädchen die Tränen in die Augen. Die Liebe und Verzweiflung fraß sich in ihr junges Herz. Ein leises Schluchzen entfuhr ihren Lippen. Zum Glück Rosina Marias waren die Liebenden so tief ineinander versunken, dass sie weder das kleine Schluchzen noch ihr Fortschleichen hörten.

Mit leisen Schritten entfernte sich das junge Bauernmädchen und lief geschwind hinunter ins Castello inferiore.

 

Sie schlich sich vorsichtig zwischen den ganzen Bauern, die Vorräte anlieferten und den Knappen hindurch zum Stall. Der Scudiero, der Stallmeister, kannte sie und würde sie nicht verraten, wenn sie sich zu Michele schlich. Erleichterung machte sich in ihr breit, als sie Michele bemerkte, der sich um das Pferd seines Nobile kümmerte. „Psst, Michele!“ „Mia dolce, was machst du hier?“, flüsterte der junge Mann und wies sie an, sich schnell hinter Lucifero zu verstecken. „Si tratta di vita o di morte – Es geht um Leben und Tod, Michele”, flehte sie ihn an und erzählte.

 

“Rosina, mia dolce, sage mir, dass du das nicht wirklich von mir verlangst! Ich verdanke Nobile Vieri da Vallonara alles. Kein anderer Nobile wollte einen Knappen, der zuvor einem Verräter als Page gedient hatte. Diese Anmaßung, die du verlangst, würde unser aller Leben gefährden und würde für niemanden Hilfe bedeuten.” Pures Entsetzen stand dem jungen Knappen ins Gesicht geschrieben. Rosina Maria mochte nur ein junges Bauernmädchen sein, doch sie besaß Herz und Mitgefühl. Vor allem verfügte sie aber über eines: Menschen-kenntnis. Sie sagte immer, das komme von ihrer Arbeit mit den Ziegen, die sich nur allzu oft ganz ähnlich wie Menschen verhielten und manchmal einen gut platzierten Tritt in den verlängerten Rücken benötigten. sich ihrem Liebreiz voll bewusst und im Wissen um das gute Herz ihres Liebsten, überredete ihn, sich ihrer List anzuschließen.

 

Es ist bekannt, dass Rinaldo d’Angarano und Vieri da Vallonara, von Jugend an, einander nicht wohlgesonnen, um die Gunst der Nobildonna Lionora Parisio, einer weithin bekannten blonden Schönheit und Tochter des Castellano von Marostica, Taddeo Parisio, buhlten. Der Castellano de Marostica, ein strikter Verfechter des von Cangrande della Scala erlassenen Duellverbotes, stand zu seinem vor der Ratsversammlung im Frühling desselben Jahresverkündeten Worte, so schwer es ihm auch fiel. So war doch einer der Nobile der Sohn seines persönlichen Erzfeindes, und niemandem wollte er weniger in seiner Familie begrüßen.

Trotzdem rief er für das zweite Wochenende im September 1454 „una Partita a schacchi a personaggi viventi“ - ein Schachduell mit lebenden Figuren aus. Dem Gewinner versprach der Castellano die Hand seiner mit bezaubernder Schönheit gesegneten blonden Tochter Lionora. Oldrada, die jüngere noch unverheiratete Schwester des Castellano, deren unbändige schwarze Locken und dunkelbraune Augen Zeugnis ihres stürmischen Temperaments gaben, ward dem Verlierer versprochen.

 

Das gesamte Volk, vom geringsten Bauer bis hin zum Castellano persönlich, nahm an dieser ungewöhnlichen Festivität teil. Als Vieri da Vallonara das königliche Spiel zwar knapp, aber dennoch in meisterhafter Manier gewann, erstrahlte das Castello im Glanz tausender Kerzen. Deren Entzünden hatte auf ein geheimes Zeichen Lionora Parisios stattgefunden, zu Ehren des Gewinners und als Zeichen, dass sie sich dem Gewinner des Spiels aus freiem Willen anvermählen würde. Nicht wenige Donne nobili bedauerten insgeheim Nobildonna Oldrada, deren Hand als Trostpreis dem Verlierer versprochen worden war. Verkauft und verschachert wie ein Pferd, anstatt die Auserwählte und Geliebte eines Nobiles ihrer Wahl zu sein.

 

Doch so manche Bedienstete des Castello hatten ein feines Lächeln auf den Lippen, als Oldrada im Anschluss an das Schachspiel an der Hand ihres Bruders zum Tisch des Verlierers, Rinaldo d’Angarano, geleitet wurde. So zum Beispiel auch ein junger Mann namens Michele, Knappe von Nobile Vieri da Vallonara. Den Rest der Nacht feierte er ausgiebig und ausgelassen mit seiner Liebsten, einem jungen Bauernmädchen aus der Umgebung.

 

Der Öffentlichkeit unbekannt blieb die Schlauheit und Weisheit eines jungen Bauern-mädchens. Denn sie war es, die in Wahrheit das Leben aller zum Guten gewendet hatte. Auf sein Betreiben hin war der junge Michele derzeit zu seinem Dienstherrn gegangen und hatte ihn gefragt, ob er denn wirklich in Liebe zu Lionora Parisio entbrannt sei und deren Hand gewinnen wollte. Der Nobile, verzaubert von der blonden Tochter des Castellano, fand die Fragen seines Knappen äußerst anmaßend und befremdlich. Dennoch gestand er seine Liebe zu Lionora.

Der Knappe fragte weiter:

„Aus Liebe zu ihr, wäret Ihr bereit Euer Leben zu geben?

Aus Liebe zu ihr, wäret ihr bereit Eurem Erbe zu entsagen,

wäret Ihr bereit Euer Haupt in Demut zu neigen und in Asche zu wandeln?

Als Beweis Eurer Liebe?“

Als der Nobile die Fragen bejahte, soll der Knappe geantwortet haben: „Aus Liebe zu ihr, schließt Frieden und Freundschaft mit eurem Gegner. Denn nur ein ganz bestimmter Freund kann Euch das Spiel der Könige in meisterhafter Manier lehren und vielleicht können dann beide Nobile als Gewinner hervorgehen.“ Was danach gesprochen wurde, ist ebenfalls, wie vieles andere, nicht bekannt.

 

Die letzten Wochen im Spätsommer 1454 hatte das Bauernmädchen Rosina Maria täglich zwei Nobile beobachtet, die sich in einem Olivenhain am Fuße des Monte Grappa trafen und das Spiel der Könige spielten …

 

Anmerkungen:

 

*) Für das Gedicht habe ich altitalienische Kosenamen recherchiert. Am schönsten fand ich mio cuore und mia anima für eine Frau und mio tesoro für einen Mann. Mein Herz und meine Seele haben in mir etwas zum Klingen gebracht, wie bereits kurz zuvor, als ich das Buch „Die Sonnenkönigin - Frankreichs vergessene Königin“ von meiner lieben Kollegin Louise Bourbon las. Darin finden sich die folgenden Worte. Das Buch ist voller Poesie und hat mich sehr berührt. Der wunderschöne Trauspruch hat mich zu meinem Gedicht inspiriert. Darum möchte ich ihn auch hier anführen:

 

Du bist mein Herz und meine Seele,

meine Liebe und mein Leben.

Wo du hingehen wirst, dahin werde ich dir folgen.

Sonne meines Lebens,

die meine Schatten verschwinden lässt,

mein Licht in der Finsternis,

aus Liebe würde ich mein Leben geben,

aus Liebe gebe ich meine Hand,

aus Liebe gebe ich mich Dir.

 

(Trauspruch von Louis XIV anlässlich seiner Eheschließung mit Louise de Bourbon vormals de la Vallière - Kapitel 13 „Die Sonnenkönigin. Frankreichs vergessene Königin“)

 

Die Übersetzung meines Gedichtes vom Deutschen ins Italienische hat übrigens eine liebe Freundin von mir vorgenommen.

 

Zur Geschichte selbst:

Die Jahreszahl 1454 und das Schachspiel mit lebenden Figuren sind historisch belegt, ebenso wie die Person des Castellano Taddeo Parisio, Rinaldo d’Angarano, Vieri da Vallonara und Cangrande della Scala. Die Anrede Nobile für Rinaldo d’Angarano und Vieri da Vallonara habe ich recherchiert, jedoch werden sie einmal als Ritter, dann wieder als Adelige (es gab aber verschiedene Arten von Adel) bezeichnet. Ich habe, die für meinen Geschmack, am besten passende Anrede ‚Nobile‘ verwendet und für die Töchter des Castellano, des Burgherrn, die Anrede Nobildonna bzw. Donne nobile. Man möge mir verzeihen, falls dies historisch nicht korrekt ist. Lionora Parisio, die Tochter des Castellano, wird in verschiedenen Quellen auch als Leonora bezeichnet. Oldrada Pariso wird je nach Quelle einmal als „sue sorella“ – also als seine Schwester bezeichnet, viele andere Male vor allem in englischen und deutschen Quellen als jüngere Schwester Lionoras. Ich habe die für mich interessantere und schlüssigere Variante gewählt. Auch wird sie des Öfteren in Unterlagen als Orlanda bezeichnet. Die Idee zu „Oldrada“ ist mir während meines letzten Italienaufenthaltes gekommen, als ich das entzückende Städtchen Marostica besuchte, in dem, zu Ehren der Ereignisse des Jahres 1454, alle zwei Jahre auf dem Hauptplatz ein Schachspiel mit lebenden Figuren stattfindet, besuchte.

 

Katharine Loster, 13.5.2016