Leseprobe Jan Viebahn - Erkar Bodin  - Ein Yrangir-Fantasy-Krimi

 

Noch einmal fünf Stunden später, nur Talinkurr war bisher aufgegangen und seine bleiche volle Scheibe schien am wolkenlosen Himmel, stand Erkar immer noch eisern auf seinem Posten. Die Straßen waren um diese Uhrzeit menschenleer.

Plötzlich näherte sich jemand dem Haupttor. Im Mondschein zeigte sich eine mittelgroße Gestalt mit einem schwarzen Mantel, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Sie hatte einen Buckel auf der rechten Seite.

Erkar erwachte aus seiner Lethargie. Das musste er sein! Die Gestalt lief forschen Schrittes auf das Tor zu. Erkar löste sich aus dem Schatten der Mauerecke, in der er gewartet hatte. Geduckt versuchte er, sich anzuschleichen.

Doch die Gestalt stutzte, bemerkte ihn offenbar, drehte um und lief in die andere Richtung. Bodin folgte ihr in einem irren Tempo.

Nach einer Weile hielt er keuchend einen Moment inne. Er war dem Flüchtenden jetzt bereits schon durch das gesamte Händlerviertel hinterhergerannt. Weder konnte er ihn erwischen, noch hatte er sich abhängen lassen. Er sah den Schemen kurz vor dem Eingang zur Kanalisation tief vorgebeugt stehen, schnaufend und nach Atem ringend wie auch er selbst. Beide waren sie am Ende ihrer Kräfte.

Aber Erkar zwang sich dazu, erneut loszulaufen. Jedoch hatte ihn der andere genau im Auge behalten. Auch er lief wieder los und verschwand in dem niedrigen Torbogen, der zur Kanalisation führte.

Erkar biss die Zähne zusammen, als er dort ankam. Ihm pfiffen die Lungen und seine Beine und seine Hüfte schmerzten, als hätte jemand Nadeln hineingebohrt. Doch er lief weiter, dem platschenden Geräusch folgend, welches aus dem Halbdunkel zu ihm drang. Es war düster in der Kanalisation und stank faulig, nur das Schimmern des fahlen Mondlichts, das durch die Abflussschächte von oben kam, gab eine Andeutung von  Sicht.

Nach einigen Biegungen erreichte Erkar ein Gewölbe, das sich über eine alte Zisterne spannte, in die das schmutzige Wasser mehrere Meter tief hinabfiel. Er wusste, von hier gab es keinen weiteren Ausgang, doch war er sich sicher, dass die Gestalt hierhin gelaufen war. Er hatte es genau gehört. Angestrengt suchte er in dem Fastdunkeln nach dem Schemen.

Als er über den Rand in die Tiefe blickte, nahm er plötzlich eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr und wirbelte herum. Gerade noch rechtzeitig, um dem Dolchstoß auszuweichen, der seitlich gegen sein Herz geführt wurde. Das hässliche Gesicht, das dabei unter der Kapuze hervorblitzte, ließ keinen Zweifel offen. Er hatte seinen Gegner, Zerxas, endlich gestellt.

Behände für einen so großen Mann, wie Erkar es war, wich er dem Stoß aus und schlug hart mit der Faust dahin, wo er die Nase des Angreifers vermutete. Ein dumpfer Aufschrei ließ ihn hoffen, getroffen zu haben, denn Zerxas taumelte rückwärts, hielt sich das Gesicht und der Dolch fiel mit einem Klirren auf den steinernen Boden neben der Abwasserrinne.

Im trüben Licht erkannte er nicht viel von seinem Gegner. Erkar griff zu und packte die dunkle Gestalt mit der einen am Kragen, mit der anderen am Gürtel, um ihm mit einem harten Ruck eine Kopfnuss auf die Nase zu verpassen. Dabei riss er einen Beutel vom Gürtel des Gegners, denn er hatte ihn nicht richtig zu fassen bekommen.


Der Stoß aber gelang, Zerxas taumelte schwer getroffen weiter zurück.

Doch so schnell gab der Halbork sich nicht geschlagen. Mit großer Wucht warf er sich gegen Erkar. Die beiden rangen miteinander unter Aufbietung aller ihrer Kräfte. Vor Anstrengung keuchend verlor Bodin das Gleichgewicht und stolperte, als der Halbork sich zur Seite drehte. Erkar fiel hintenüber. Dabei flog ihm der Beutel weg, den er immer noch in der Hand gehabt hatte, und schlitterte in Richtung des tosenden Stroms dreckigen Wassers, der sich in die Tiefe unter die Stadt ergoss. Zerxas schrie auf, als er das sah, ließ von ihm ab und versuchte, mit einem Hechtsprung den Beutel noch zu erwischen, bevor dieser über den Rand glitt.

Doch er war zu langsam. Bodin beobachtete ihn verwundert und vergaß ganz, sich aufzurappeln. Der Beutel verschwand irgendwo tief unten im Wasser und wurde von der starken Strömung schnell in das unterirdische Labyrinth getragen. Zerxas fluchte laut, sprang behände wie eine Katze auf, drehte sich dabei blitzschnell zu Erkar, der der Länge nach vor ihm lag, und trat ihm hart mit dem Absatz ins Gesicht.

Dann sprang er in die Zisterne und tauchte unter. Der Tritt war heftig gewesen und hatte Erkar an der Schläfe getroffen, er war für einige Momente ganz benommen.

Schließlich, als sein Blick etwas klarer wurde und der Schmerz nachgelassen hatte, raffte er sich auf und blickte hinunter in den tosenden Wasserstrom. Der Halbork war verschwunden.

Was wohl in diesem Beutel gewesen war? Es hatte sich rundlich angefühlt. Bodin rieb sich das Kinn. Doch nicht am Ende das wertvolle Artefakt? Das würde die Reaktion seines Gegners erklären. Er blickte noch mal über den Rand in die Tiefe, ja es musste etwas sehr Wertvolles in dem Beutel gewesen sein. Warum sonst würde jemand da in die reißenden Fluten hineinspringen? Erkar resignierte und atmete hörbar aus. Die Chance war vertan!

Er ging zurück und hob den Dolch des Halborks auf. Es war ein unterarmlanges Messer, äußerst scharf geschliffen, wie er feststellte, als er die Klinge mit dem Daumen prüfte. Das musste die Mordwaffe sein. Er steckte sie in seinen Gürtel und begab sich auf den Heimweg. Er musste dringend seine stinkende Kleidung ablegen und ein Bad nehmen. Halblaut grummelte er in seinen Bart: »So eine Schweinerei, und die ganze Warterei fast umsonst! Nun wird er noch mehr auf der Hut sein, und ich finde ihn niemals wieder!«

Immerhin wusste er jetzt sicher, dass Edwan von Harkingen gelogen hatte. Zerxas war auf dem Weg ins Handelskontor gewesen. Es war in höchstem Maße unwahrscheinlich, dass die beiden sich nicht kannten.

 

 

 

 

Jan Viebahn hat die Yrangir-Reihe geschrieben, mit der er Erfolgreich unterwegs ist. Es sind Krimis der speziellen Art, da sie Fantasy sind. Das gibt natürlich viele Möglichkeiten.

Seine Figur Erkar gibt sich dabei sehr sympathisch. Seine Leseprobe hat mir jedenfalls sehr gefallen.