Leseprobe Isabeau Kelm - Zur blauen Stunde

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Schau hinauf.“
Sie schaute.
„Was siehst du?“
„Die Sterne.“
„Was sind Sterne?“

 

 

Nach einer kurzen Pause sagte sie: „Sie weisen einem den Weg, wenn es dunkel ist.“
„Das tun Kerzen und Fackeln auch. Also, was sind Sterne? Woher kommen sie?“
Irina blickte zu Cornelius. Sie wusste nicht, ob sie seine Frage verstanden hatte. Sterne waren schon immer da gewesen. Sie beobachtete sie gerne, aber nun wunderte sie sich, warum sie sich nie tiefere Gedanken über diese nächtlichen Begleiter des Mondes gemacht hatte. Gab es wirklich Menschen, die sich mit solchen Fragen auseinandersetzten? Wenn ja, dann mussten sie viel Zeit zur Verfügung haben. Aber wussten sie etwas vom Schmerz in den Schultern eines Leibeigenen und von der Leere in seiner Seele?
Sie saßen auf der kleinen Holzbank in seinem Garten. Beide schauten schon geraume Zeit in den von Sternen übersäten Himmel. Irina dachte, dass in diesem Land das Licht nicht so leicht aufgibt, denn es war immer noch der goldene Rand am Horizont zu sehen.
„Ich weiß es nicht, Cornelius. Ich weiß nur, dass sie Teil der Erde sind und ...“
„Nein, sie sind nicht Teil der Erde.“
Irina runzelte die Stirn und zeigte mit dem rechten Zeigefinger zum Himmel, als müsste sie einem Kind die einfachsten Dinge erklären.
„Wo sind sie denn dann?“
„Das ist eine gute Frage.“
Irinas Augen weiteten sich. Wussten die Gelehrten denn nicht alles? Warum nannte man sie Gelehrte, wenn sie noch nicht einmal wussten, wo sich die Sterne befanden?
„Was wisst Ihr dann?“ Irina ärgerte sich. Sie hatte sich mehr erhofft.
„Dass wir ein Teil eines Größeren sind.“
Irina verstand nichts.
„Hör zu. Wir haben über die Jahre herausgefunden, dass es zwei verschiedene Arten von Himmelskörpern im Universum, also dem Raum allen Lebens, gibt. Einige bleiben immer an einer Stelle, diese nennen wir Sterne, während andere sich mit der Zeit bewegen, also die Wanderer oder Planeten.“
„Sie bewegen sich? Wie kann sich denn ein ... Himmelskörper von alleine bewegen?“
„Du stellst genau die richtigen Fragen. Du bist wissbegierig. Hör niemals auf, dich zu wundern, denn das ist die wahre Magie des Lebens.“
Irina seufzte. Sie hatte nur einen kurzen Ausflug in die Welt der Kosmografie unternommen und doch war es bereits, als wäre sie als ein neuer Mensch voll ungestillter Sehnsucht wiedergeboren. Es gab so viele Fragen zu stellen. Keiner im Sklavenlager hatte sie je gestellt. Man nahm die Welt so hin, wie sie war. War es nicht auch einfacher, so zu leben? Dafür war es jetzt jedenfalls zu spät. Wenn man sich einmal für die Wissenschaften voll ungelöster Probleme öffnete, hatte man die Grenze eines Landes überschritten, das einen veränderte, nie wieder losließ. Man wurde zum Gefangenen seiner eigenen Gedanken.
Irina hatte Angst vor ihren Fragen und dennoch stellte sie sie: „Wie bewegen sich die Himmelskörper und warum tun es nur einige?“
„Niemand weiß das.“
„Werden wir es je wissen?“
„Ich glaube, dass wir die Mathematik hinter den Bewegungen errechnen werden, das Warum und Wie erkennen, aber verstehen werden wir es dennoch nicht.“
Irinas Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Sie war auf einmal unendlich traurig. Konnte die Schönheit traurig machen? Oder war es gar nicht Trauer, die ihr Herz umklammerte? Gab es überhaupt ein passendes Wort für dieses Gefühl? Cornelius sah ihre Verstimmung und lächelte. Er hoffte, dass sie ihre Frustration einmal in die Erforschung der Mysterien lenken würde. Sie hatte großes Potenzial.
„Stellt Euch vor, einigen Menschen würden eines Tages Flügel wachsen. Wir könnten dann zu den Sternen davonfliegen. Ob die Menschheit sich jemals soweit entwickeln wird?“ Irina lächelte nicht mehr.
Diesen Gedanken hatte er nie zu denken gewagt. Sie hingegen hatte keine Hemmungen gehabt, die Grenzen des menschlichen Verstandes zu überschreiten. Da er auf so etwas nicht vorbereitet war, sagte er das, was er sich immer sagte, wenn er unter den Beschränkungen des Menschseins litt.
„Das Gewebe der Welt hält für alle Träume einen Weg bereit.“
„Was wisst Ihr noch?“
Er lächelte, blieb aber stumm. Manchmal verstand Irina ihn nicht. Er war so anders, als alle anderen Menschen, die sie jemals gekannt hatte.
Nach ungefähr fünf Minuten des stillen Dasitzens sagte Cornelius: „Das nächste Mal erkläre ich dir die Geheimnisse der Astrologie.“
„Astrologie? Ich dachte, Sterne zu studieren wäre Astro... logie.“
„Ja, aber auf eine andere Weise. Nun geh. Du bist heute sehr spät gekommen. Das nächste Mal komm früher.“
Blut schoss ihr ins Gesicht. Sie wollte ihn anschreien, ihn wissen lassen, dass sie sein Gespräch mit dem Prinzen mit angehört hatte, er also gar nicht da gewesen wäre, wenn sie früher gekommen wäre. Dann hätte sie den weiten Weg umsonst gemacht. Stattdessen sagte sie: „Ihr habt mich das letzte Mal gefragt, was ich möchte. Die Antwort ist: alles. Lehrt mich alles, was Ihr wisst. Vor allem die Magie.“
„Magie kann nicht erzwungen werden, meine Blume. Wenn du reif bist, kommt sie zu dir. Und nun geh. Spute dich und schau nicht zurück.“
Sie drehte sich wieder um, doch er schaute bereits zu den Sternen empor. Irina fand, er sah gebrechlich aus, wie er so dasaß, mit hängenden Schultern und dürr, wie er war. Sie hatte Mitleid mit ihm und wollte ihn umarmen, spürte jedoch eine Abneigung dagegen, die sie sich nicht erklären konnte.
Irina befand sich schon an der Haustür, als sie etwas, das sie aus den Augenwinkeln gesehen hatte, zurückhielt. Dieses Etwas befand sich auf dem Schreibtisch. Auf der Tischplatte lagen mehrere Porträtskizzen. Irina hielt den Atem an. Es war sie selbst, gezeichnet mit einem Silberstift auf Pergament. Manchmal nur ihr Gesicht, dann wiederum eine Büste von ihr. Alle in verschiedenen Posen. Eines hatten sie jedoch alle gemeinsam. Es war immer dasselbe unergründliche Schweigen in ihnen, dieselbe unfassbare Trauer und ein ewiger Trotz. Diese Bilder waren das Manifest der Stärke eines im Schmerz geborenen Kindes. Verkörperte sie dies alles wirklich? Sie war erschüttert. Zum ersten Mal wurde ihr klar, dass sie kein Konzept von ihrem eigenen Ich besaß. Wer war sie überhaupt? Was mochte sie gern? Was hasste sie? Wovon träumte sie? Vollkommene Leere hallte ihr entgegen. War dies die Antwort?
Sie nahm das oberste Portrait. Es zeigte sie mit offenen Haaren. Hier waren sie lockiger dargestellt, als sie tatsächlich waren. Die Lippen waren zusammengepresst und der Blick seitwärts gerichtet. Der Hauch eines Lächelns lag auf dem Gesicht, jedoch war es kein Lächeln der Freude. Es waren die Grübchen der Verzweiflung, das Angesicht einer Fratze. Irina hasste es. Sie ließ es auf den Boden fallen und nahm sich ein Weiteres. Endlich wählte sie eines heraus. Was sie nun sah, gefiel ihr. Es zeigte sie im Profil. Ihre Haare waren zu einem strengen Zopf nach hinten geflochten. Noch nie hatte sie sich so gesehen. Der Blick dieser Irina war ruhig und strahlte Frieden aus. Es war, als hätte sie ihren lang verschollenen Zwilling wiedergefunden. So wollte sie sein, das war ihr Ideal.
„Du kannst es behalten, wenn du willst.“
Cornelius stand angelehnt im Türrahmen und verschränkte die Arme. Er schaute sie aus glasigen, traurigen Augen an. Irina erschrak. Weshalb diese Trauer? Sollte er sich nicht beschämt fühlen? Tatsächlich, sie fand weder Scham noch Ärger in seiner Stimme. Man könnte fast sagen, er wirkte gleichgültig, läge nicht ein Funke eines anderen Elements in seinem Ton. So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte seine Gemütslage nicht interpretieren.
„Dies war das Letzte, das ich angefertigt habe.“
„Es gefällt mir am besten.“ Sie traute sich nicht zu fragen, warum er sie immer und immer wieder gezeichnet hatte. Sie hatte zu viel Achtung vor ihm.
„Du fragst dich bestimmt, warum ich diese Portraits angefertigt habe.“
Irinas Augen weiteten sich. Panik keimte in ihr auf. Konnte er etwa jeden ihrer Gedanken lesen? War er denn so mächtig?
Er lachte leise auf. „Keine Sorge, meine Blume. Deine Gedanken kann ich nicht lesen, nur dein Gesicht gibt leichtfertig die Geheimnisse deiner Seele preis.“
Irina errötete, beschämt und zornig zugleich, und legte das Portrait wieder zurück.
„Ja, das möchte ich allerdings wissen.“
„Das ist gut. Bleib immer so neugierig.“
Irina ballte ihre Hände zu Fäusten. Er machte sich über sie lustig.
„Ich habe diese Portraits aus einem unbestimmten Grund gemalt.“ Cornelius‘ Augen nahmen wieder einen abwesenden Glanz an. Es schien ihr, dass er in einer anderen Welt verweilte. Er schritt auf sie zu und ergriff ihre Handgelenke. Seine Hände fühlten sich kalt und rau an. Irina zitterte.
„Ich tat es aus Unwissenheit.“
Sie schaute auf zu seinen Augen und es wurde ihr klamm ums Herz.
„Ich wusste nicht, was der Zweck dieser Portraits sein sollte. Ich habe es erst verstanden, als ich sie bereits angefertigt hatte. Dann war es schon zu spät.“
Sie spürte, dass er um Vergebung bat. Was hatte er getan?
„Du bist in Gefahr, meine Blume.“
Sie blinzelte, als er ihre Knöchel noch fester umklammerte. Er tat ihr weh.
„Es tut mir leid.“
Er ließ von ihr ab und ging langsam hinaus in den Garten. Irina wusste nicht, wie lange sie noch an der Schwelle gestanden hatte. Sie lächelte. Ihre Mutter hatte es ihr immer vorausgesagt. Das Leben hatte noch etwas Besonderes für sie vorbereitet. Sie wusste nicht, was, aber es würde etwas Großartiges sein. Daran gab es nun keinen Zweifel mehr. Sie nahm das Portrait, das sie von der Seite zeigte, und hüpfte summend in die Nacht hinaus. Draußen wehte ihr ein Wind entgegen, der einen schweren, süßen Duft trug. Er kam ihr bekannt vor. Warum war es so schwierig, Düfte zu beschreiben? Es roch nach Milch, aber dann wieder nicht. Dann schwor sie, Rosen zu riechen, doch der Duft hatte sich wieder verflüchtigt. Sie schloss die Augen. Wieder diese Trauer, doch diesmal war es eine, die nicht schwer auf den Schultern lastete. Es war die Trauer, die einen wissen ließ, dass die Welt schön war, während man es nicht fertigbrachte, diese Schönheit anzuerkennen. War dies nicht die schlimmste Art von Trauer?
Der nächste Windstoß war so stark, dass er ihr das Portrait aus der Hand riss. Die Nacht hatte das Bild an sich genommen und würde es nie wieder hergeben. Irina starrte in die Dunkelheit. Sie war erleichtert. Es war Zeit zu gehen.

 

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