Leseprobe Ina Tomec - Ayleva

 

Ayleva – Die Reise im Licht des Nebels  

 

©Ina Tomec


(Leseprobe, Seite 15)    

    

 

 

Ayleva spürte die Wärme der Sonne auf ihrer Haut, hörte das leichte Rauschen des Windes und das Zwitschern der Vögel. Langsam öffnete sie die Augen und blinzelte in die Sonne.  Warum lag sie in der Lichtung des Waldes? Wie war sie hierher gekommen? Schlagartig fiel ihr die letzte Nacht ein, der stürmische Regen vom Vortag, ihr Fund auf dem Dachboden. An mehr konnte sie sich nicht erinnern. Bei dem Gedanken, eine Schlafwandlerin mit wundersamen Träumen geworden zu sein, musste sie lachen. Sie stand auf, versuchte sich zu orientieren, um einen Weg nach Hause zu finden. Doch der Wald war ihr plötzlich fremd. Kopfschüttelnd lief sie den schmalen Pfad entlang, der an der Lichtung vorbei zum nahe gelegenen Bach führte. Es verwirrte sie, dass ihr Nachtkleid zerrissen und schmutzig war, sie aber keine Spuren eines Sturmes entdeckte. Ihre Füße fühlten sich wund an, Arme und Beine zeigten blutige Kratzspuren. Hatte sie doch nicht geträumt?


Plötzlich vernahm sie Stimmen. Sie lief am Bach entlang und sah zu ihrer Erleichterung nur drei Kinder am Wasser spielen. Sie hatten dieselben feinen Gesichtszüge und leicht gewellten dunkelblonden Haare. Vermutlich waren es Geschwister. Der kleine Junge mochte wohl fünf, sein größerer Bruder etwa neun und die Schwester kaum älter sein. Ihr Spiel bestand darin, dass die beiden Brüder mit kleinen Steinen auf die Schwester zielten. Es waren wohl keine schmerzhaften Treffer, doch das Mädchen zeigte sich genervt.
Ayleva setzte sich zu den Kindern. »Hallo.«
Aber die Kinder reagierten nicht auf ihren Gruß.
Sie räusperte sich und versuchte es erneut. »Hallo, warum lasst ihr eure Schwester nicht in Ruhe? Was hat sie euch getan?«
Keine Reaktion.
Natürlich war ihr bewusst, dass Kinder nicht mit Fremden reden sollten. Dennoch wurde sie langsam ärgerlich, da die drei nicht einmal in ihre Richtung blickten. Als sie dem Mädchen die Hand beschützend auf die Schulter legen wollte, gefror ihr förmlich das Blut in den Adern. Was in aller Welt hatte das zu bedeuten? Sie konnte das Mädchen nicht fühlen. Ihre Hand ging durch sie hindurch. Aylevas Puls begann zu rasen. Es war, als zöge man ihr plötzlich den Boden unter den Füßen weg.
»Hallo, seht ihr mich denn nicht? Könnt ihr mich hören?«, rief sie hysterisch.
Die Geschwister reagierten nicht. Sie war für sie unsichtbar, konnte sich deshalb nicht bemerkbar machen. Sie fuhr auf und sprang in den Bach. »Natürlich könnt ihr mich sehen! Wollt ihr mich zum Narren halten? Warum tut ihr das?«, schrie sie, so laut sie konnte.
Vergeblich.
»Hört auf damit«, rief das Mädchen verärgert.
»Nun sag endlich, was du belauscht hast, Gerda. Du läufst doch nicht grundlos mit rotem Gesicht in den Wald. Was hat unser Vater in der Hütte zu dem Fremden gesagt?«, fragte der ältere Junge.
»Wie ich gehört habe, steht unser Herr im Streit mit der Kirche. Doch davon verstehst du noch weniger als ich, Robert.«
Weitere Steine folgten.
»Nun sag schon!«,
»Es ging um Ländereien, Höfe und hohe Steuerabgaben, die unser Herr der Kirche wohl nicht geben will. Der Fremde sagte zu Vater, er wolle diese Unruhe ausnutzen, um den eigenen Geldbeutel aufzufüllen und damit Wohlstand zu sichern. Vater hat gelacht, es würde ihm schon etwas einfallen. Bevor sie aus der Hütte kamen, rannte ich in den Wald und versteckte mich.«
»Unser Vater ist ein böser Mann. Alle hier hassen ihn. Genau wie ich«, sagte der Junge leise.
»Schweig, Robert! Er ist unser Vater! Auch ich weiß nicht, was das alles bedeutet. Doch niemand darf davon erfahren, hörst du! Auch nicht die Großmutter. Wir dürfen niemandem davon erzählen, sonst kommen sie uns alle holen«, rief Gerda mit erhobenem Zeigefinger.
Robert riss die Augen weit auf. Er versprach, dass er das Gehörte wie ein Geheimnis behüten werde.
Robert schnappte sich den kleinen Alexander und zog ihn an den Füßen zu einer Lichtung. Der Kleine kreischte vor Vergnügen. Gerda folgte den beiden mit langsamen Schritten.
Aber keiner interessierte sich für Ayleva.
Das kann doch nicht sein! Was geschieht hier? Ich werde wahnsinnig! Wovon erzählen die Kinder? Welcher Herr steht im Streit mit welcher Kirche?
Erst jetzt fiel ihr die merkwürdige Kleidung der Kinder auf. Sie trugen notdürftig geflickte Gewänder aus grob gewebtem Leinen, die sie mit einer Kordel um die Hüfte festbanden. Als Schuhwerk dienten abgenutzte Sandalen. Ihre Hände und Füße waren schmutzig, die Haare zerzaust.
Sie wollte die Kinder nicht aus den Augen verlieren. Aufgewühlt und neugierig folgte sie ihnen.
Die drei schlenderten lachend und unbeschwert ihres Weges. Von ihrem Streit untereinander war nichts mehr zu bemerken. Sie überquerten die große Wiese, auf der eine neue Wohnsiedlung gebaut werden sollte. Doch kein Schild der Bauherren war mehr zu sehen, dafür entdeckte sie in der Ferne am Wegrand einen Hof. Merkwürdig! Es gab keine asphaltierten Straßen, über die Autos fuhren, nur steinige Wege oder festgetretene Sandspuren.