Leseprobe Ilona Bulazel - Der Meisterbau

Sir Randolph nippte an seinem Whisky und streckte genüsslich die Beine Richtung Kamin. Das Feuer verströmte eine angenehme Wärme. Genau das Richtige an einem kalten Novemberabend. Die Katze Snow, die zusammengerollt auf seinem Schoß lag, schien die Zufriedenheit ihres Besitzers zu spüren und fing gleichmäßig an zu schnurren. Sir Randolph hatte sich in seinem Alterssitz gut eingelebt. Nur zu gerne hatte er das hektische London verlassen, um seine letzten Jahre an der Nordküste Englands zu verleben. Als er das Haus mit dem kleinen Garten das erste Mal betreten hatte, da war ihm bereits klar gewesen, dass er hier den Rest seines Lebens verbringen wollte. Und selbst seine treue Haushälterin, die gute Miss Brody, war begeistert gewesen. »Endlich einmal ein Ort, an dem man sich als anständige Frau auch noch im Dunkeln auf die Straße trauen kann!«, hatte sie ausgerufen, als er mit ihr den kleinen Küstenort besichtigt hatte. Sir Randolph war es kaum gelungen, sich ein Schmunzeln zu verkneifen. Er konnte ja schlecht laut aussprechen, dass er sich um Miss Brody keine Sorgen machte. Immerhin erfreute sie sich mit ihren fünfzig Jahren bester Gesundheit und lief, mit ihrer Statur und dem beachtlichen Körpergewicht, kaum Gefahr belästigt zu werden. Sir Randolph war froh, dass sie eingewilligt hatte, diesen Umzug mit ihm gemeinsam zu machen. Als er seine Arztpraxis vor zwei Jahren aufgegeben hatte, war ihm die Entscheidung, die Großstadt zu verlassen, nicht schwergefallen. London war nicht mehr die Stadt, die er als junger Mann so sehr bewundert hatte. Viele geliebte Menschen waren zwischenzeitlich verstorben und zurück waren schmerzhafte Erinnerungen geblieben.

 

Hier an der Küste verblassten die dunklen Gedanken und er genoss den neuen Lebensabschnitt. Gelegentlich kam sein Nachbar zu einer Partie Schach vorbei. Karl Miller arbeitete für die Stadt und ihm unterstand unter anderem das Dezernat für Bauangelegenheiten. Somit hatte Sir Randolph auch einen perfekten Gesprächspartner gefunden, wenn es um seine zweite Leidenschaft ging: Neben dem Schachspiel faszinierte ihn nämlich auch die Architektur. Außerdem spekulierten die Männer bei einem Gläschen Portwein gerne darüber, wie wohl die Feierlichkeiten zu Königin Viktorias 60-jährigem Thronjubiläum ausfallen könnten. Die beiden philosophierten über die unterschiedlichsten Dinge: die baldige Jahrhundertwende, die Unruhen in den Kolonien und über die kleine heile Welt ihres Dorfes. Aber am anregendsten fand es Sir Randolph, mit seinem neuen Freund über die Bauwerke der Gegend zu sprechen. Ein Architekt namens Baptiste Knox hatte es dem ehemaligen Arzt besonders angetan. Dieser Architekt war in den Augen von Sir Randolph ein hochbegabter junger Mann, der unglücklicherweise auf dem Höhepunkt seines Schaffens auf tragische Weise aus dem Leben gerissen worden war. Baptiste Knox war dem Arzt deshalb bekannt, weil er in eben jenem Küstendorf seine ersten und einzigen Gebäude errichtet hatte. Bisher konnte Sir Randolph zwar keine komplette Biografie des Architekten zusammenstellen, jedoch ergab das, was er herausgefunden hatte, ein ziemlich klares Bild. So war der junge Mann offensichtlich aus dem südeuropäischen Raum gekommen. Vor vierzig Jahren tauchte er plötzlich hier in diesem kleinen Dorf auf und bot seine Dienste als Architekt an. Und tatsächlich war es ihm gelungen, drei Auftraggeber zu finden, denen er nacheinander ein Heim erschuf. Das erste Objekt, das irgendwie zurückhaltend, fast schüchtern wirkte und so aussah, als würde es sich ängstlich zwischen den hohen Bäumen auf der Vorderseite verstecken, hatte er für zwei Schwestern errichtet, die zwischenzeitlich verstorben waren. Der Besitz ging dann an eine entfernte Cousine aus Edinburgh. Der zweite Bau hatte einst einem russischen Prinzen gehört, der aber bereits nach wenigen Jahren wiederverkauft hatte. Dieser Bau war keineswegs zurückhaltend. Im Gegenteil, die Art der Konstruktion hatte fast etwas Aggressives, Besitzergreifendes. Aber auch der neue Besitzer verlor bald das Interesse daran, sodass es die letzten Jahre unbenutzt blieb. Das dritte Haus – eindeutig Sir Randolphs Lieblingsobjekt – war laut Gerüchten für die Geliebte eines bekannten Mitglieds des Oberhauses erbaut worden. Hier schien es so, als wäre dem Architekten die perfekte Mischung aus Haus eins und Haus zwei gelungen. Seit zwanzig Jahren gehörte das dritte Gebäude der Gemeinde, die dort ihre Archive führte. Ein Umstand, der es dem Arzt ermöglicht hatte, das Haus auch einmal von innen zu besichtigen. Der alte Sir Randolph hatte bei einem seiner ersten Spaziergänge im Ort die drei Häuser entdeckt und war, ohne jemals etwas von Baptiste Knox gehört zu haben, sofort begeistert gewesen. Jedes Anwesen für sich war ein prächtiges Kunstwerk. Die Gebäude standen in der gleichen Straße und waren nur durch die Gärten getrennt. Und so unterschiedlich die Bauwerke auch waren, so konnte man doch erkennen, dass sie alle aus der Architektenfeder eines Mannes stammten. Jedes hatte seinen eigenen Charme mit einer einzigartigen Raffinesse und es war schwer zu sagen, welches denn nun das schönste war. Manchmal glaubte Sir Randolph, er könne eine Steigerung erkennen, und zwar in der Form, dass das zuerst erbaute Haus vom zweiten übertroffen wurde und dieses wiederum vom dritten. Er hatte sich sogar die Mühe gemacht, ein wenig zu recherchieren. Schließlich gab es noch Dorfbewohner, die Baptiste Knox persönlich kennengelernt hatten. Diese Zeitzeugen schienen allerdings nicht sonderlich begeistert von dessen Person und seinem Talent. »Das war ein komischer Typ«, erfuhr Sir Randolph von einem alten Weib, das Fisch auf dem wöchentlichen Markt anbot, »der hatte etwas Unheimliches, Verschlagenes. Hab ihm nicht getraut.« Und der fast siebzigjährige Dorfpfarrer hatte nur resigniert die Arme gehoben: »Tja, er war nie im Gottesdienst. Ich hoffe, er hat seinen Frieden trotzdem gefunden. Der arme Bursche, war kein schöner Anblick.« Als der Arzt weiter nachhakte, stellte sich heraus, dass man damals den Pfarrer zum Leichnam von Baptiste Knox gerufen hatte. »Das war schon eine merkwürdige Geschichte«, führte der Geistliche seinen Bericht weiter, »da lag er mitten auf dem Boden der Eingangshalle am Tag nach der Fertigstellung seines letzten Hauses.« »Er lag einfach nur da?« »Na ja«, zögerte der Pfarrer, »es war furchtbar …« Und mit flüsternder Stimme fuhr er fort: »Ich habe ja, bei Gott, schon viele Tote gesehen, aber dieser junge Mann sah aus, als wäre der leibhaftige Teufel in ihn gefahren. Sein Gesicht war nur noch eine Fratze, richtig entstellt. Und er war ganz verrenkt«, der Geistliche bewegte die Lippen und schickte ein Gebet in den Himmel. Sir Randolph hatte nicht weiter in den Mann dringen wollen, denn er spürte dessen Entsetzen. Aber eine Auskunft erhielt er dann doch noch. Und zwar, dass Baptiste Knox bereits einen Interessenten für ein weiteres Haus gehabt hatte und dass dieses noch größer und schöner hätte werden sollen ...

 

 

Ich habe ihr Buch "Das Schandmaul" gelesen.

Die Leseprobe stammt nicht daraus.

Meine Rezension

und

Herz-Post!

(mit einem Klick auf das Bild)