Leseprobe  Federfarbenfee - Am Anfang war Lila

Im nächsten Moment findet sich Priska in der Stube eines heruntergekommenen Gebäudes wieder. Die blinden, schmutzigen Fensterscheiben lassen nur spärliches Licht in den Raum. Dort drüben steht ein wurmstichiger Schaukelstuhl. Ein verschlissenes Kissen liegt auf der Sitzfläche. In den Ecken türmen sich Berge von zerfledderten Büchern und Zeitschriften. Und auf dem alten Kohleherd steht vergessen ein schwerer, schwarzer Topf aus Gusseisen. Hier wohnt niemand mehr. Alles, was nicht niet- und nagelfest und von auch nur geringem Wert war, wurde offensichtlich bereits vor langer Zeit geplündert. Priska ist äußerst unbehaglich zumute. Ein modriger Geruch liegt in der Luft. Sie muss Ranieri finden. Zögerlich macht sie einen Schritt Richtung Tür. Die morschen Dielen geben knarzend nach und Priska zuckt zusammen. Wie bei einem Tier, das Gefahr wittert, meldet sich nun auch bei ihr der Fluchtreflex. Es besteht kein Zweifel. Sie ist im alten Haus. Ihr Herz klopft hart und schnell gegen die Brust. Mit bis zum Zerreisen angespannten Nerven tappt sie vorwärts. In panikgeschwängerten Situationen wie dieser scheint für Priska die Zeit beinahe still zu stehen. Sekunden werden zu Ewigkeiten, Bewegungen erfolgen in Zeitlupe und jedes einzelne Bild, das sich auf ihre Netzhaut brennt, bleibt dort für immer. Irgendwann ist sie an der Tür angelangt und betritt den schummrigen Hausflur. Sie sehnt sich danach, dieses Haus auf dem schnellsten Wege zu verlassen. Aber sie will um keinen Preis Ranieri im Stich lassen. Unschlüssig und zitternd verweilt sie an der Schwelle. Über ihr ertönen plötzlich Schritte. Die Decke knarrt und ächzt unter der Erschütterung, als würde sie im nächsten Moment durchbrechen. Priska möchte rufen, aber ihre Kehle fühlt sich an, als wäre sie mit einem dicken Strick umwickelt. Auch das Atmen fällt ihr schwer. »Priska?« Das ist Ranieris Stimme. Er klingt ein wenig dumpf und weiter entfernt, als er ist, aber Priska wird augenblicklich von einer Welle der Erleichterung überflutet. Sie eilt zum Treppenaufgang.

 

Dann verändert sich alles. Es scheint, als hätte jemand das Loch in der Sanduhr gewaltsam erweitert. Wo sich die Sekunden zuvor zäh hindurchquetschten, rieselt der Sand nun in einem irrsinnigen Tempo nach unten. Zwei schwarze Augen starren Priska unverwandt an. Das hagere Gesicht ist gezeichnet von Verlust, Bitterkeit und dem unterschwelligen Bedürfnis nach Vergeltung. Priska spürt förmlich, wie die Freude über Ranieris Lebenszeichen schlagartig ausgelöscht wird von einer bösartigen Kälte, die ihr bis unter die Haarwurzeln kriecht. Die dunklen Augen gehören einer Frau mittleren Alters, die oberhalb des Treppenabsatzes von einem vergilbten Schwarz-Weiß-Foto auf sie herabschaut. Diese Erkenntnis hilft Priskas aufgewühlter Seele jedoch nicht, denn über ihrem Kopf hört sie Ranieris schmerzerfüllte Schreie und im gleichen Moment hinter sich das Rascheln eines langen Rockes. Als sie die letzten Stufen der baufälligen Treppe erreicht hat, wirft sie im Laufen hastig einen Blick nach unten. Sie vermeint eine Bewegung wahrzunehmen. Eine Art Nachbild von einer schwarz gewandeten Gestalt, die gerade um die Ecke in die Stube entschwindet. Noch vor wenigen Minuten hatte Priska eben dort innegehalten. »Das ist wie in einem furchtbaren Alptraum«, denkt sie verzweifelt, während sie fast besinnungslos in die Richtung stolpert, aus welcher sie Ranieris Rufe vernommen hat. Die Kammer rechter Hand befindet sich genau über der Stube. Hier muss er sein. Rasch tritt sie ein, um der Angst zuvorzukommen, die sie in Kürze endgültig lähmen würde. Jemand schiebt sich bedächtig in ihr Sichtfeld. Doch es ist nicht Ranieri. Noch bevor ihre Augen an ihr Gehirn weitergeben, was sie da vor sich sieht, spürt sie es. Die Härchen auf ihren Unterarmen stellen sich auf und die Kälte in ihr wird zu Eis.

 

Sie ist groß. Priska registriert zuerst die reich verzierte Brosche, welche am Kragen der Spitzenbluse befestigt ist. Sie will es nicht und schaut dennoch nach oben. Zwei schwarze Augen fixieren sie lauernd. Der lange Rock raschelt, als sie auf Priska zugeht.

 

Schweißgebadet und panisch röchelnd fährt sie hoch. Ihre Finger sind in der Bettdecke verkrallt. Sie hat also tatsächlich geträumt. Krampfhaft versucht Priska, ihre Lungen so schnell wie möglich wieder mit Sauerstoff zu versorgen. Die Atemnot und das völlig aus dem Takt geratene Herz lassen ihre Brust fast bersten. Als sie wieder Luft bekommt, hangelt sie sofort nach dem Schalter ihrer Nachttischlampe. Die grässlichen Augen, die sie noch immer aus der Dunkelheit heraus zu verfolgen scheinen, verblassen im hellen Schein der beinahe grellen LED-Glühbirne. Priska spürt, wie ihr Schlafanzugoberteil klamm an ihrem Rücken und auf ihrer Brust klebt. Fröstelnd zieht sie sich die Bettdecke bis ans Kinn. In ihr toben widersprüchliche Gefühle. Die Angst vor der schwarzen Frau wird überlagert von der intensiven, alles verzehrenden Glut ihrer ersten Liebe. Sie flackert noch etwas nach und verebbt schließlich zu einem sanften Glimmen, während sich die letzten Schwaden der Traumnebel auflösen. Was bleibt, ist eine qualvolle Sehnsucht. Sie schluckt schwer. Es ist lange her, dass sie von Ranieri geträumt hat. Ein schmerzhafter Stich durchfährt ihr Herz, das noch immer nicht in seinen normalen Rhythmus zurückgefunden hat.

 

Auch die schwarz gekleidete, verhärmte Frau, welche sie tatsächlich nur von der gespenstischen Schwarz-Weiss-Aufnahme im alten Haus kennt, ist ihr schon viele Jahre nicht mehr in ihren Träumen begegnet. Jenes Foto hatte sich allerdings derart in ihr Hirn gefressen, dass sie seitdem keine Porträtaufnahmen aus dem 19. Jahrhundert betrachten kann, ohne in Angstzustände zu verfallen. Bereits als kleines Mädchen war ihr unheimlich zumute, wenn Personen auf den Gemälden der alten Meister sie mit ihren Augen verfolgten. Sie positionierte sich in jeden nur erdenklichen Winkel zu den Bildern und dennoch: Die Gesichter starrten sie an, egal, wo sie stand. Ein bekanntes Phänomen, das sie noch immer verstört. Im Vergleich zu der Fotografie im alten Haus sind die Augen auf den Kunstwerken in den Pinakotheken jedoch leere, tote Glasmurmeln. Priska merkt, wie sich das Bild der schwarzen Frau von Minute zu Minute unauslöschbarer in ihrem Kopf manifestiert. Nein, diese, sie in ihren Grundfesten erschütternden Ängste würde sie nicht mehr mit sich spazieren tragen. Nie mehr. Verzweifelt und zugleich verbissen versucht sie, an etwas anderes zu denken.

 

Sie wirft einen Blick auf ihren Wecker. Es ist zwei Uhr. Noch ausreichend Zeit, um eine halbe Schlaftablette einzunehmen, die ihr helfen würde, den morgigen Tag zu überleben, ohne gleichzeitig gegen den bleischweren Überhang ankämpfen zu müssen, den diese sogenannten Z-Drugs gerne hervorrufen. Priska schlägt die warme Decke zur Seite und stemmt sich aus ihrem Bettenlager. Bevor sie sich auf den Weg nach unten zum Arzneimittelschrank macht, schleicht sie so leise wie möglich zum Elternschlafzimmer hinüber. Der Anblick des friedlich schnarchenden Luis und ihrer Tochter, die sich eng an des Vaters Rücken gekuschelt hat, normalisiert ihren Puls endlich.

 

Unten angekommen, teilt sie eine der kleinen, weißen Tabletten und spült sie mit einem großen Schluck Sprudel hinunter. Um den Rest des Glases zu leeren, braucht sie etwas länger. Wasser mit Gas, wie die Südtiroler sagen, kann sie nie auf Ex trinken. Beinahe versonnen betrachtet sie die zischenden Kohlensäurebläschen, wie sie an die Oberfläche treiben, sich vereinigen, wieder voneinander lösen und schließlich zerplatzen. »Alles wird gut«, beschwichtigt sie sich und ihre Gedanken, die sich ungeachtet ihrer Bemühungen nicht bändigen lassen.

 

Es fühlt sich an wie eine Bestätigung, als ihr in diesem Moment jemand sanft über den Kopf streicht. Nur ein Hauch von einer Berührung, aber sie ist echt. Priska dreht sich reflexartig um, obwohl sie weiß, dass es unnötig ist. Denn hinter ihr steht niemand. Die unsichtbare Geisterhand ist längst verschwunden.

 

 

 Der  Blog-Roman von Federfarbenfee

 

"Am Anfang war Lila" ist ein Blogroman von Federfarbenfee, der still und leise auf einer wunderbaren Homepage blüht und gedeiht. Die Autorin schreibt ihre Geschichte nach und nach auf. So hat der Leser die Möglichkeit, sie in der Entstehung und mit den Korrekturen zu verfolgen. Ich liebe die spannende und auch geheimnisvolle Geschichte und warte immer gespannt auf das nächste Kapitel.  Das Warten lohnt sich!