Leseprobe Anna Becker - Sog des Blutes

 

Sog des Blutes 

 

Kapitel 1 


Das würzige Aroma der Liebe hing in der Luft. Una MacFarley öffnete leicht die Lippen, als sie am Fenster ihres Hotelzimmers stand, und sog es ein.

 

Die Pubs hatten längst geschlossen und die Menschen gaben sich nun anderen Vergnügungen hin. Es wäre ein Leichtes, in eins der Häuser einzudringen und ein Pärchen zu erwischen, das seine Sinne auf Interessanteres gerichtet hatte. Zwei auf einen Streich, wie köstlich. Und wie romantisch im Schein des Juni-Vollmondes.


Zum Glück für die beiden hatte Una keinen Durst. Ihre letzte Mahlzeit lag fünf Tage zurück und die Sättigung würde noch ein paar Tage vorhalten. Der Mann war ergiebig gewesen. Ein aufreizender Gang, ein provozierender Blick – und schon kam das Abendessen von alleine anspaziert.


Una sah keinen Tag älter als fünfundzwanzig aus. Den Anblick ihrer langen, braunen Haare, ihrer grünbraunen Mandelaugen und der wohlproportionierten Figur genossen unfreiwillige Blutlieferanten allerdings nur kurz. 


Eigentlich hatte sie den Vereinigten Staaten einen Besuch abstatten wollen, aber in letzter Sekunde änderte sie ihre Meinung. Una lockte es auf die Isle of Skye, die westlich des schottischen Festlands vom Atlantik umspült wird. Die Insel der inneren Hebriden, auch „Wolkeninsel“ genannt, hatte eine unvergleichlich zauberhafte Atmosphäre.


Sie war mit der Fähre angekommen und hatte in Portree in einem Hotel eingecheckt. Natürlich hätte sie über die Skye Bridge anreisen können, aber Una liebte es, auf dem Meer zu fahren.


Tageslicht und Sonnenschein waren für sie ungefährlich, und so genoss sie es besonders, unterwegs zu sein. Sie vermied es jedoch, sich am Tag zu lange draußen aufzuhalten, da es sie ermüdete.


Auch Kruzifixe, Weihwasser, Silber, Knoblauch oder heiliger Boden waren für sie nicht bedrohlich. Alles Märchen. Nur ein ins Herz getriebener Holzpflock und die Enthauptung führten zum Vampir-Tod.


Armer Angus.


Ein angespitztes Stückchen Baum hatte sie und ihn für immer getrennt. Er war ihr Schöpfer und Geliebter gewesen und sie hatte noch so viel von ihm lernen wollen. Indessen zerfiel er zu einem Häufchen Staub und sie erfuhr lediglich ein paar Basisinformationen über das Vampir-Dasein. Zum Beispiel, dass jeder Vampir, neben den gängigen Fähigkeiten, über eine individuelle Gabe verfügte. 


Una schloss das Fenster und verbannte die Nacht aus dem gemütlichen Zimmer; das Treiben um sie herum hatte sie sentimental gemacht. Sie holte ihr neues Taschenbuch aus ihrer Reisetasche hervor. Neugierig darauf, es zu lesen, hatte sie auf einen nächtlichen Streifzug über die Insel verzichtet.


Es handelte sich um eine romantische Komödie der jungen Autorin Ginevra Nolan, die mit diesem Debütroman einen Bestseller gelandet hatte.


Una betrachtete das Foto auf der Rückseite des Buches und schätzte die Abgebildete auf Anfang zwanzig. Nun wollte Una herausfinden, wie gut die junge Dame tatsächlich schrieb. Die Vampirin hatte in über zwei Jahrhunderten Tausende von Büchern verschlungen, tat es nach wie vor wöchentlich, und erkannte literarische Qualität auf den ersten Blick.


Die Geschichte fing vielversprechend an, aber nach drei Seiten stutzte Una. Ein Absatz kam ihr bekannt vor. Klang wie aus einem anderen Roman. Oder täuschte sie sich? Je mehr sie las, desto sicherer war sie sich: Hier war gnadenlos kopiert worden. Sie klappte das Buch zu und warf es verärgert auf die Matratze.


Una durchforstete ihr Gedächtnis und nacheinander tanzten Buchtitel vor ihrem geistigen Auge.
Auf einmal brachte sie, als passionierte Vielleserin, Ginevra Nolans angebliches Meisterwerk Stück für Stück mit anderen Romanen in Verbindung. So eine Schweinerei! Vor allem deshalb, weil diese „Schriftstellerin“ schamlos bei weniger bekannten Autoren gewildert und dabei auch noch haargenau die gleichen Sätze übernommen hatte.


Buchstäblich arme Poeten, die unter dem Radar der Öffentlichkeit flogen, hatten ihr als Quellen gedient. Aber in Ginevras Buch existierte weder ein Quellenverzeichnis noch eine Danksagung.
Ginevra Nolan hatte deren Geschichten gelesen und sich rücksichtslos bedient. Was für eine Masche … Wie unfair … Und das viele Geld erst, das sie mit ihrem sogenannten Bestseller scheffelte. Ginevra Nolan war eine Diebin geistigen Eigentums und indirekt ebenso eine Diebin von Tantiemen. 


Ich muss ruhiger werden, dachte sich Una, die als Vampirin ihre menschlichen Emotionen beibehalten hatte. Ihre Wut flaute nicht ab. Sie bleckte ihre Fangzähne und ihr Magen knurrte, obwohl sie satt war.


Nur Blut konnte Una jetzt beschwichtigen, was ihr im Moment jedoch ganz und gar nicht in den Kram passte. Sie war schließlich nicht mit der Absicht hergekommen, jemanden anzugreifen; auch wenn der verführerische Duft der Liebespaare ihren Appetit angeregt hatte. Sie wollte einfach ein paar Tage Urlaub machen; und die Isle of Skye hatte sie magisch angezogen.


Nein, diese Insel sollte ihr kein Opfer liefern. Vielleicht eine andere?

 

 

Kapitel 2 


Der Gestank in der alten Autowerkstatt im Edinburgher Stadtteil Stockbridge war hoch konzentriert. Neben Duftspuren von Benzin, Gummi, Stockflecken und Schimmel roch es beklemmend nach süßlicher Fäulnis. Obwohl Detective Inspector Steafan Moore und Detective Sergeant Gawyn Rutherford einiges gewohnt waren, erzeugte dieser Geruchs-Mix akuten Brechreiz. Jeder, der sich hier aufhielt, trug eine Schutzmaske – als ob das helfen würde …


Mobile Scheinwerfer warfen ihr grelles Licht auf drei leblose Wesen, die unter einem Reifenstapel hervorgezogen worden waren und sich in unterschiedlichen Verwesungsstadien befanden; teilweise auch mumifiziert. Der Raum und die Leichen wurden von jedem Winkel aus fotografiert.


Von Lichtkegeln umgeben wirkten die Leute von der Spurensicherung mit ihren weißen Schutzanzügen wie Gespenster. Sie bewegten sich scheinbar planlos, doch sie folgten einer gut einstudierten Choreografie. Dieses Horror-Ballett wurde von einer Kakofonie aus Ausrufen und Würgegeräuschen begleitet. DS Rutherford erbrach sein schottisches Frühstück bestehend aus gebratenen Würstchen, gebackenen Bohnen, gegrillten Tomaten und Pilzen sowie Rührei und Bratfisch vor dem Gebäude. 


Der Gerichtsmediziner lief auf DI Moore zu, der am Eingang stand.


„Diese Männer sind keines natürlichen Todes gestorben, wie es scheint. Sie wurden gebissen und ausgesaugt“, war seine Eröffnung.


„Ach was!“, entgegnete ihm Moore. „Das hätte ich Ihnen auch sagen können. Selbst ein Laie und Fan von Vampirfilmen wäre zu diesem Schluss gekommen, so wie die aussehen.“


Steafan Moore und sein Sergeant gehörten zu den Ersten, die die Leichen in Augenschein genommen hatten. Eine Nachbarin hatte die Polizei wegen des Gestanks gerufen, und nachdem eine Streife mit zwei Mann das Tor aufgebrochen hatte, waren Moore und Rutherford auch schon eingetroffen. Der hochgewachsene, schlanke und blonde Detective Inspector und sein gedrungener, athletischer und schwarzhaariger Sergeant; zwei wie Tag und Nacht, nicht nur äußerlich.


„Aus meinem Mund ist es aber offiziell“, konterte Dr. John Dow und grinste.


Er war ein kleiner, hagerer Mann mit kahlem Schädel und blassblauen Augen, der sich in Anbetracht seines Nachnamens als Kind mit einer gehörigen Portion Humor wappnen musste, um Angriffe zu parieren. Drüber stehen und drüber lachen, war seine Devise.


John Doe wurden männliche Personen genannt, die man nicht identifizieren konnte. Unbekannte Leichen erhielten diesen Namen. Und da Dow und Doe gleich ausgesprochen wurden, brauchte John Dow sehr viel Humor. Als er Rechtsmedizin studierte, war der Doppelsinn perfekt. Ihm war selbst nicht klar, ob er diese Laufbahn unbewusst aus diesem Grund eingeschlagen hatte.


„Jetzt mal im Ernst. Wie erklären Sie sich das?“ Moore war auf die Antwort gespannt.


„Nun, meine Tochter würde sagen, dass hier tatsächlich ein Vampir zugange war. Aber sie lebt in ihrer eigenen Welt – Fantasy-Freak. Scherz beiseite. Ich gehe natürlich von profaneren Möglichkeiten aus. Von einem Serienkiller zum Beispiel, der gern ein Vampir wäre. Die Einstichstellen können mittels eines spitzen Gegenstands oder sogar mithilfe eines künstlichen Gebisses erzeugt worden sein. Und dann wurde das Blut abgezapft. Vampiristen


wahrscheinlich. Ich muss die Leichen erst noch näher untersuchen. Nach der Autopsie kann ich mehr sagen.“

„Klar. Ich brauche Ihren Bericht so schnell wie möglich.“ 


Dr. Dow verabschiedete sich und stieß beim Rausgehen mit Sergeant Rutherford zusammen, der gerade hereinstolperte. Sein Gesicht war grau.


„Geht’s wieder, Gawyn?“


„Ja, Sir. Ich begreife nicht, warum ich so übel auf diese Leichen reagiere, sind ja nicht meine ersten.“


„Sie sind unheimlicher als alle, die ich bisher gesehen habe. Ich kann Sie verstehen. Wer macht bloß so was? Und warum?“


„Ein Monster macht so etwas, ein Irrer, der selber nicht weiß, warum er das tut! Sie sagen es: Diese Leichen sind unheimlich. Meine selige Mutter hat mir Geschichten erzählt, als ich ein Kind war. Schauermärchen von Untoten und so. Das könnte hier passen. Sie glaubte an solche Sachen. Ich auch – bis ich zehn war. Jetzt nicht mehr. Ich bin Realist.“


„Ich habe nichts anderes erwartet. Ich meine, ich weiß, dass Sie Realist sind. Das sind wir alle in diesem Job.“


So überzeugt von seiner Aussage war Steafan Moore allerdings nicht und erinnerte sich an seine Großmutter väterlicherseits, Rosamunde, und ihre Gruselgeschichten. Wie hatte er die Unterhaltungen mit ihr genossen! Dieser Mordfall wäre ganz nach ihrem Geschmack gewesen. Er schmunzelte.


„Ist was, Sir?“


„Nein, nichts. Eigentlich ist es nicht komisch. Nur eigenartig. Wie ich Dr. Dow kenne, werden wir bald mehr wissen. Fangen Sie mit der Befragung der Nachbarn an. Jemand muss etwas gesehen oder gehört haben. Und finden Sie heraus, wer der Besitzer dieses Ladens hier war oder noch ist.“
Der Sergeant klopfte sich sein staubig gewordenes Jackett ab und verließ sichtlich erleichtert die Garage. Sie war ein sekundärer Tatort; getötet wurden die drei Männer woanders, was das Fehlen von Kampf- und Blutspuren bewies. 


Steafan Moore wollte sich noch einmal umsehen, nachdem die Jungs von der Spurensicherung gegangen waren. Die Garage strotzte nur so vor Schmutz und um sich seinen neuen grauen Anzug nicht zu versauen, bewegte er sich so vorsichtig wie eine Katze.


Überall lag zentimeterhoch Dreck: auf Blechkanistern und Werkzeugen, auf Regalen und Arbeitsflächen, auf der Hebebühne und auf dem alten Schreibtisch. Selbst an den Ketten, die von der Decke hingen. Aber diese Stellen wirkten völlig unberührt. Nur die Fußspuren auf dem staubigen Boden und die Fingerabdrücke auf den Reifen waren beim Betreten des Raumes aufgefallen.


Moore und Rutherford hatten keine Spuren am Eingang gesichtet, als sie in die Garage traten. Die Fußabdrücke verliefen vom Reifenhaufen zur Rückwand. Nur … da gab es keine Tür. Vermutlich grenzte die Wand an die Rückseite eines anderen Gebäudes. Seltsam. Der Inspector blickte hoch und sondierte daraufhin die Deckenkonstruktion.


Moore ging von einem Mann als Täter aus; eine Frau hätte diese Männer nicht tragen können. Andererseits waren die Fußabdrücke so klein wie die einer Frau. Oder es handelte sich um einen zierlichen Mann – mit enormen Kräften. Das war nicht unbedingt das Unerklärliche, sondern vielmehr die Frage des Eindringens. Drei Mal war der Täter eingebrochen, ohne Einbruchspuren zu hinterlassen. Ein Rätsel.


Dann die Todesursache. Für seine Großmutter wäre der Fall klar gewesen. Zu gern hätte er ihr davon erzählt, leider lebte sie nicht mehr. Gesunder Menschenverstand und eine starke Vorliebe fürs Übernatürliche waren bei ihr kein Widerspruch.


Wie ein Meisterdetektiv hätte Rosamunde Moore blitzschnell kombiniert und ein Geschöpf der Nacht verdächtigt. Aber selbst zu Großmutters Zeiten nannte man das Wort „Vampir“ nicht in einem Atemzug mit einem Kriminalfall. Es hätte für den Ermittler Konsequenzen gehabt.


Es musste für alles eine plausible Erklärung geben, redete sich Moore ein. Wenn er Glück hatte, fand er im Archiv ähnliche Fälle. Ritualmorde vielleicht.


Lachhaft, wenn er dieses Phantom nicht erwischte. „Phantom“ war eine gute Bezeichnung, besser als Vampir. Phantom klang reeller. 

 


Kapitel 3 


Der Fund in der Garage hatte Gawyn Rutherford auch aus einem anderen Grund kalt erwischt.


Sein jüngerer Bruder Barnie war aus der geschlossenen Anstalt ausgebrochen und seit Wochen unauffindbar. Scheinbar war er irgendwo untergetaucht. Die Anstaltsleitung machte sich große Sorgen … und selbstverständlich Vorwürfe. Das Getöse einer Großstadt konnte Barnie unberechenbar werden lassen, und er könnte Menschen verletzen, sie sogar auf grausame Weise töten … 


Barnie, ein Akrobat, war nicht mehr zurechnungsfähig seit seinem Unfall. Er war vom Trapez gestürzt und mit dem Hinterkopf unglücklich auf den Rand des Sicherheitsnetzes gefallen. Dadurch kam es zu einer Schädigung des Gehirns.


Gawyns und Barnies Mutter Linda war verzweifelt gewesen. Ihrem süßen Jungen, der sich von einem schmächtigen Kerlchen trotz seines kleinen Wuchses zu einem Kraftprotz entwickelt hatte, war so etwas Schreckliches zugestoßen. Der Kummer darüber hatte ihr das Herz gebrochen, und sie verstarb an einem Infarkt.


Gawyn besuchte Barnie so oft es ihm möglich war. Er hatte seiner Mutter geschworen, sich immer um ihn zu kümmern. Und nun war Barnie einfach ausgebüxt … 


Gut, dass Mom das nicht mehr miterleben muss, dachte Gawyn.


„Bitte, bitte, lass es nicht Barnie gewesen sein …“ 

 


Kapitel 4 


Ginevra Nolan sonnte sich in ihrem Erfolg – und das Licht einer extra für sie aufgestellten Designer-Leuchte umhüllte sie mit einer Art Glorienschein. Die Lesung in der renommierten Buchhandlung nahe des Trafalgar Square war fantastisch gelaufen, die Zuhörer hatten begeistert applaudiert.


War ja auch hervorragend, ihre literarische Komposition unterschiedlicher Provenienzen; kurz Plagiat genannt. Sie nahm an, so geschickt kopiert zu haben, dass man ihr nicht auf die Schliche käme.


Und überhaupt – wer durchstöbert auf purem Kopierverdacht hin einen Roman? Wer liest so viel und erinnert sich danach an einzelne Formulierungen? Keiner. Die Leute wollten unterhalten werden. Und genau das hatte sie ihnen geboten. 


Die Fans, die vor einer dreiviertel Stunde ihren Worten gelauscht hatten, bildeten nun eine Schlange, um sich von der Senkrechtstarterin eine persönliche Widmung abzuholen. Es mussten an die achtzig Personen sein, schätzte sie, als sie über den Rand ihrer goldgerahmten Cartier-Lesebrille spickte.


Zur Lesung waren es definitiv mehr gewesen, aber ein paar waren aus der Buchhandlung geeilt, um ein Taxi zu erwischen. Es regnete in Strömen – typisch London im Sommer.


Hatte sie für Leute Verständnis, die aus solch einem schnöden Grund eine Veranstaltung mit ihr verließen?


Natürlich nicht.


Die Gelegenheit, ihr gegenüberzustehen, ihr Lächeln einzufangen, ihren teuren Duft einzuatmen, den Roman von ihrer Unterschrift veredeln zu lassen – das alles hatten diese Banausen verpasst. Auch ihre Schönheit aus nächster Nähe zu genießen, den Schwung ihrer langen, kupferroten Haare und das Blau ihrer Augen zu betrachten, war diesen Kretins entgangen. 


Ginevra schüttelte ihre rechte Hand aus. Signieren war Schwerstarbeit und sie fragte sich, wann sie die Reihe ihrer Fans abgearbeitet haben würde.


Gefühlte hundert Bücher waren ihr unter die Nase gehalten worden; noch mal so viele schienen auf sie zu warten. Immer lächeln, keine Müdigkeit zeigen.


Sie hatte einen gewissen Grad an Berühmtheit erlangt, aber noch nicht die Spitze erklommen. Wenn man ihren Namen selbst in den entlegensten Winkeln dieser Welt voller Ehrfurcht aussprach, war sie am Ziel. Ihr Verlag war gefordert – sie brauchte wesentlich mehr Publicity.


Rover, dieser Trottel, legte sich nicht genug ins Zeug. Wenn das alles war, was die PR-Abteilung zu bieten hatte, dann gute Nacht! Vielleicht sollte sie ein weiteres Mal ein Wörtchen mit ihm reden. Letzte Woche erst hatte sie ihn vor seiner Sekretärin rundgemacht.


Ginevra verfügte trotz ihrer Jugend über eine Art, die Angst einflößend war.


Falls nötig, wandte sie noch andere Taktiken an: Sie konnte mit ihren Blicken Pfeile abschießen und einen mit herabsetzenden Beleidigungen und zynischen Bemerkungen bis ins Mark treffen. Sie würde Lester Rover auf die eine oder andere Weise schon weichkochen. 


Ginevra unterschrieb im Akkord, nur unterbrochen von ein paar Fragen junger Mädchen, die sie erstaunlich freundlich beantwortete, angesichts ihrer angeborenen Ungeduld und des aufreibenden Tages, den sie hinter sich hatte. Ihre Leserschaft bestand zu einem beträchtlichen Teil aus Teenagern, warum auch immer.


Sie hatte ursprünglich nicht an ein Buch für eine jüngere Zielgruppe gedacht, sie wollte einen Beststeller „schreiben“ und damit schnell reich und berühmt werden.


Was lag da näher, als sich bei anderen Autoren „umzuschauen“, die ihrer Meinung nach originell und talentiert waren. Wenn eine romantische Komödie als Jugendbuch durchging – umso besser!
Automatisch flog ihr Stift über die Seiten, Buch für Buch, und dann, endlich, stand der letzte Fan vor ihr.


Zur Abwechslung mal ein hübscher junger Mann in ihrem Alter. Groß, schlaksig, mit schulterlangen, blonden Haaren und Dreitagebart. Seine Augen wirkten dunkel.


„Ich möchte Sie gern auf einen Drink einladen“, sprach er sie unumwunden an.


Ginevra war so perplex, dass ihr fast der Stift aus der Hand fiel. Und auch der Geschäftsführer der Buchhandlung und seine Assistentin horchten auf.


Sie hatten sich während der Lesung und der Signierstunde zwar dezent im Hintergrund, aber stets in der Nähe befunden, um Ginevra zu Hilfe eilen zu können, falls jemand aufdringlich wurde. Nun, das hatte sich ohnehin niemand erlaubt. Bis auf diesen Mann. Mr. Smith und Mrs. Greene rückten an und stellten sich hinter Ginevra.


„Ich habe etwas vor, tut mir leid“, flötete sie ihm zu und signierte dabei.


Sie wollte es ihm nicht zu leicht machen. Wenn er wirklich Interesse hatte, sollte er ihre E-Mail-Adresse herausfinden und sie erneut fragen.


„Man sieht sich immer zweimal“, versprach er lächelnd, nahm das Buch, das sie ihm hinhielt, und verließ das Geschäft.


Der wird nicht aufgeben, dachte Ginevra. 


Zufrieden erhob sie sich, bedankte sich bei Mr. Smith und steckte den Umschlag mit ihrem Honorar ein. Sie schaute nicht hinein. 500 Pfund waren ausgemacht und sie hielt Mr. Smith für zu ehrlich, vielmehr für zu ängstlich, um sich nicht daran zu halten. Dieser Mann war doch der geborene Angsthase!


Sie eilte hinaus, steckte das Geld in ihre Prada-Tasche und begab sich auf den Weg zu ihrem Wagen, der in einer Seitenstraße geparkt war.


Der Regen hatte aufgehört, aber der Bürgersteig war voller Pfützen und sie sorgte sich um ihre High Heels. Wie ein Kind beim Spielen von „Himmel und Hölle“ hüpfte sie über die kleinen Teiche. Schließlich erreichte sie ihren Mini Cooper und fischte die Autoschlüssel aus der Tasche. 


Als sie im Begriff war, die Wagentür aufzuschließen, legte sich von hinten eine Hand fest auf ihren Mund. Sie wurde brutal vorwärts gestoßen und dann mit unglaublichem Tempo die Stufen zum Eingang einer Souterrainwohnung hinuntergezerrt. Das bekam sie noch mit. Auch, dass ihr Herz wild klopfte.


Vor Panik und Sauerstoffmangel wurde ihr schwarz vor Augen und sie spürte nicht mehr, wie sie auf dem Boden aufschlug.


Sie würde nie wieder etwas spüren. 

 

 

 

 

Ich habe einige Kurzgeschichten von Anna gelesen. Sie sind alle sehr klar geschrieben und haben äusserst interessante Ideen zugrunde liegen. Die Eine oder Andere hat mich auch kalt erwischt. Jedenfalls kommt es bei ihren Geschichten nie so, wie man denkt. Ich liebe diese Art des Schreibens.