Louise Bourbon - La Rose Bourbon

Dieses Mal, Monsieur Le Nôtre», sagt der König, «muss sie etwas ganz Besonderes werden. Besonderer als alle Züchtungen bisher. Sie soll zart sein und fragil, aber zugleich auch die Stärke erahnen lassen, die sie in sich trägt. Sie soll zeigen, was ich im Herzen trage. Sie soll weiß sein für die unverbrüchliche Treue, die ich geschworen habe, und Rot für die immerwährende Liebe, die in mir brennt und immer brennen wird.

 

Diese Rose soll all das bekunden, wenn ich es nicht mehr sagen kann. Sie soll die Zeit überdauern und die Welten. In dieser Welt hier soll sie Botschaft sein, wenn man mir nicht erlaubt, zu sprechen.»

 

Die Augen des Königs verdunkeln sich.

 

«Sie empfängt Euch noch immer nicht?»

 

Eine ungehörige Frage ist das für einen Gärtner. Doch ich bin sein Freund, sofern er Freunde haben kann. Er sucht mich hier in der Stille dessen, was unter meinen Händen wächst.

 

Er schüttelt kaum merklich den Kopf.

 

Ich sehe ihn aufmerksam an.

 

«Manchmal», sage ich vorsichtig, mir der Gewalt meiner Worte bewusst, «würdet Ihr gerne tauschen, nicht wahr?»

 

Der König sieht mich an.

 

Ich weiß, dass Monsieur Le Nôtre seine ganz eigenen Gedanken hat, wenn er seinen Garten hegt und pflegt. Dieses hier, das ist sein Königreich, nicht das meine. Ein Königreich im Kleinen. Er muss sorgen für all das Leben, das hier wächst. Vernachlässigt er diese Sorge, vernachlässigt er auch das Leben. Er ist die Sonne dieser kleinen Welt. Und der Gärtner ist ein glücklicher Mann.

 

Der König sieht mir in die Augen:

«Ja, Monsieur Le Nôtre, manchmal ist dieses hier das einzige, was ich haben möchte. Wenn nicht ...»

 

«die schönste der Rosen fehlen würde», sagte ich leise.

 

«wenn nicht die schönste die Rosen fehlen würde», bestätigt er und wendet den Blick ab.

 

Beide denken wir an die Frau, die hinter Mauern gefangen sitzt. Die Frau, für die er dieses Werk begonnen hat. Die Frau, mit der er hierher kam, in glücklicheren Tagen. Hier waren sie nur Liebende, nichts sonst. Sie, sie hat es verstanden. Alles, was Blumen sagen und sprechen können.

 

«Gebt den Feen ein schönes Zuhause, Monsieur Le Nôtre. Die Dryaden sind wohlgestimmter, wenn sie wissen, dass man sie zu schätzen weiß.»

 

Die andere, die sich anmaßt zu sein, was sie nicht ist, sie erscheint hier nicht. Kräuter und Pflanzen sind ihr nur recht, wenn sie sie für ihr dunkles Werk verwenden kann. Der König flieht sie, wo er kann, und wenn es ihm nicht gelingt, dann kommt er hierher und erinnert sich.

 

Ich sehe ihn an, wende den Blick ab, als ich seine feuchten Augen sehe.

 

Nach einem Augenblick der Stille sage ich:

«Ich verspreche Euch, Sire, ich werde erschaffen, was noch nicht erschaffen worden ist. Ich werde ihre ganze Einzigartigkeit in diese Rose legen.»

 

Der König wünscht, dass ich sie vor dem Hof präsentiere. Es ist Anerkennung für die eine und Herabwürdigung für die andere zugleich. Es ist gelungen, weiß in den Kelchen, rot in den Spitzen, eine Rose, eine Liebe, selbst auf die Entfernung sichtbar.

 

«Wie wünscht Ihr sie zu nennen?», frage ich.

 

«Rose Bourbon», sagt der König fest, «für Louise Françoise.»

 

Ein Raunen geht durch den Saal. Der König streckt die Hand aus, sanft, fast zärtlich dem ersten Stock entgegen.

 

«Ist es die erste?» «Oui, Sire. Die erste.»

 

«Dann bringt sie nach Paris. In die Rue d'Enfer.»

 

Dort nimmt einen Tag später eine junge Frau diese Rose entgegen. Sie hält sie in ihren Händen, sprachlos. Keine wirkliche Nachricht, nur ein Zettel: die Rose Bourbon. Louise Françoise. Sie ist Hoffnung. Sie ist ein Versprechen. Sie ist Liebe. Sie ist immer.

 

Dann beginnt sie zu weinen, leise Tränen, die auf die Blütenblätter fallen. Diese eine Rose vergeht niemals. Diese eine Liebe vergeht niemals. Sie weiß, dass sie sie bewahren wird. Sie weiß, dass sie ihre Farbe sein wird in diesem Schwarz, ihr Licht in dieser Dunkelheit.

 

Für diesen Augenblick ist Soeur Louise de La Misericorde verschwunden und hat Louise de La Vallière Platz gemacht.

 

Dann löst sich ein Blatt von der Blüte und fällt in ihre Hand. Eine ihrer Tränen tropft darauf.

 

Sie fast einen Entschluss.

 

«Schickt dieses Blatt zurück an denjenigen, der mir dieses hier sandte», sagt sie. «Er wird verstehen.»

 

Einige Kilometer von der Hauptstadt entfernt nimmt der König das Blütenblatt entgegen. Seine Tränen tränken es ebenfalls. Das Medaillon, in das er das Blättchen einfassen lässt, trägt er bis zu seinem Tod.