Lorais Leseprobe - Das fliegende Auge

Vorsichtig öffnete Lorai die Tür zum Leichenhaus. Sibille hatte sich dabei dicht hinter sie gedrängt und zerrte nervös an ihrem Pullover. Dabei versuchte sie immer, über Lorais rechte Schulter zu schielen, weil sie links blind war. Besser gesagt, thronte da ein hässliches Glasauge mitten in ihrem Gesicht. Der Plastikrand des Glaskörpers ging fast von der Schläfe bis zur Nase.  Er war wegen des Wachstums nicht fix montiert. Sie wurde nur das Auge genannt. Lorai fand, dass es ihr dabei noch gut erging. Schliesslich war sie selber mit ihren roten Haaren die Dorfhexe. Aber auch da gab es Schlimmeres.

 

Die beiden waren wieder einmal auf dem Friedhof , um  nach Leichen zu suchen. Lorai fand das immer sehr aufregend. Bisher hatte sie nur tote Schweine zu Gesicht bekommen, die Köbi immer aus dem Flüsschen hinter dem Friedhof fischte, um sie dann stolz durch das Dorf zu schleifen. Die Bauern entsorgten die Tiere in dem dürftigen Gewässer. Meist waren die Kadaver aufgeschlitzt und die Därme hingen raus. Dann hatte das Dorf Köbi entsorgt. Jetzt wollte Lorai endlich einmal einen toten Menschen sehen.

 

Sie hatte die Tür kaum offen, da ertönte hinter ihnen ein Geheul, als würden sämtliche Geister des Friedhofs Amok laufen. Entsetzt schrien beide Mädchen auf und wollten sofort flüchten. Aber ihr Fluchtweg war versperrt. Da stand er! Olli der Frosch, in seiner ganzen quadratischen Breite und schwenkte zwei Würmer durch die Luft. Lorai knurrte vor sich hin. Nicht der schon wieder! Den Spitznamen hatte er nicht wegen seinem watschelnden Gang, sondern weil er in alles hineinbiss, was sich nicht schnell genug in einem Erdloch verkriechen konnte. Dasselbe Ungeziefer wollte er auch dauernd an sie verfüttern. Wenn sie sich weigerten, dann verprügelte er sie eben. Dabei hatte er eine Vorliebe für Mädchen. Sibille war schon grün im Gesicht wegen der Würmer, da sie etwas sensibel war. Lorai hatte aber auch keine Lust auf ein Intermezzo, da sie schon am Tag zuvor von Isabell eine Tracht Prügel bezogen hatte, weil die ihr Pausenbrötchen klauen wollte. Ja, das Kindergartenleben war hart.

 

Kurz entschlossen packte Lorai Sibille am Arm und zerrte sie hinter sich her zum Wäldchen, das direkt bei den Grabsteinen anfing. Dabei hatten sie dauernd den johlenden Olli im Ohr, der ihnen trotz seiner Körperfülle ziemlich schnell hinterher stapfte. Nach dem letzten Kreuz ging es leicht den Hügel hinunter, zu dem kleinen Rinnsal, dass aber natürlich wieder mal mit einem toten Schwein versperrt war. Das Tier lag auf dem Rücken und hatte einen offenen Bauch. Die Mädchen beachteten das Massaker nicht weiter, sondern hüpften darüber hinweg und auf der anderen Seite wieder den Hügel hinauf, auf die Bäume zu. Sie waren noch nicht oben angekommen, als sie ein schmatzendes Geräusch vernahmen und gleich hinterher einen Wutschrei von Olli. Erschrocken blieben sie kurz stehen und schauten zurück. Lorai konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Der fette Kerl hatte den Sprung über das Schwein nicht geschafft und war mit dem rechten Fuss mitten in den Gedärmen gelandet, wobei die Magenwände seinen Fuss festhielten. Wütend zerrte er daran und förderte seinen nun roten Turnschuh wieder an die Luft. Dabei schmatzte es wieder aus dem Schwein. So als würde es protestieren. Olli warf die Würmer weg und fing an, labbriges Zeug von Schuh und Socke zu entfernen.

 

Lorai und Sibille hielten sich nicht lange damit auf, sondern rannten weiter über eine kleine Wiese und auf die Bäume zu. Dabei lief Lorai nach links und Sibille nach rechts. Der Zusammenstoss war so heftig, dass Lorais Hand an Sibilles Kopf knallte. Der Schlag war so gezielt, dass sich ihr Glasauge löste und in hohem Bogen über die Wiese flog. Entsetzt schrie Sibille auf, doch sie hatten keine Zeit, das Auge zu retten, denn Ollis harte Fusstritte waren bereits wieder hinter ihnen zu hören. Lorai packte die nun kreischende Freundin am Arm und zerrte sie hinter ein Gebüsch, um sich zu verstecken. An Flucht war ja nicht mehr zu denken, denn sie mussten das Auge wiederhaben. Die Mädchen kauerten hinter dem Gestrüpp, wo Sibille sich krampfhaft ihre leere Augenhöhle mit der Hand zuhielt. Dabei schluchzte sie leise vor sich hin. Lorai war im ersten Moment nicht klar, weshalb das nun so ein Problem sein sollte, bis sie den grünen Schleim sah, der jetzt ungehindert aus Sibilles leerer Augenhöhle floss. Es war nicht so viel, aber er tropfte ihr trotzdem durch die zitternden Finger.

 

Aber für Mitleid blieb keine Zeit. Olli das Frettchen stapfte auf die Wiese und blieb demonstrativ in der Mitte stehen. Genau neben dem Glasauge, dass in der Sonne glitzerte. Als er seinen Fuss neben das Teil setzte, löste sich etwas Blutiges, das noch an seiner Socke hing und platschte genau auf das Auge. Sibille starrte wie hypnotisiert darauf, und fing an zu würgen. Das Geräusch machte Lorai nervös. Wenn das so weiterging, würde Olli sie hören. Sie hoffte inständig, dass Sibille nicht auch noch kotzen würde.

 

Sie schaute wieder zu ihrem Prügelfreund und sah sein dämliches Grinsen. Er hatte sie entdeckt und kam langsam auf sie zu. Jetzt hatte auch Lorai keinen Plan mehr. Es würde Haue setzen. Noch während sie neben der erstarrten und immer noch würgenden Sibille, nach einem Stück Holz zur Verteidigung suchte, ertönte eine schrille Stimme, die die Baumkronen wackeln liess. Olli zuckte zusammen und wollte fliehen. Aber es war zu spät. Da stand sie, klein und dürr und bellte ihn wegen seiner dreckigen Socke an. Seine Mutter hatte ihn gefunden. Der Mops kam nicht mehr dazu, etwas zu sagen, schon hatte ihn die resolute Dame am Ohr und schleifte ihn hinter sich her nach Hause.

 

Lorai grinste wieder, denn jetzt bekam er was hinter die Löffel. Seine Mutter sah nämlich nur aus, wie ein dürres Elend. Tatsächlich hatte sie eher die Qualitäten eines Schwingerkönigs. Kaum waren die beiden Prügeltrinen verschwunden, raste Sibille zu ihrem Auge, wo sie mit Todesverachtung das blutige Etwas am Gras abwischte.  Dann verschwand sie mit Schnappatmung im Wäldchen.

 

Lorai stand auf und ging langsam nach Hause. Dabei hatte sie immer die rasende Sibille vor Augen, die engelsgleich und mit wehenden, fast silbernen Haaren im dunklen Wald entschwand. Man hätte sie für eine Elfe halten können. Wäre da nicht dieses grün sabbernde Loch im Gesicht gewesen.