Lorais Leseprobe - Auf dem Friedhof hat man mehr Spass

Lorai stöckelte über den schmalen Kiesweg und züchtete mit jedem Schritt Krampfadern. Es war nicht gerade einfach, das Gleichgewicht in diesen zehn Zentimeter hohen schmalen Schuhen zu halten. Diese dünnen Bleistiftabsätze waren echt tödlich. Das fand zumindest ihre Wirbelsäule. Aber ihr Hirn fand sie natürlich super schön. Sie seufzte, aber sie hatte es ja genau so gewollt. Aus Protest. Ok, nur eine leise Randnotiz an das Leben, aber besser als gar nichts. Eine Rebellin zu sein brauchte halt etwas Übung. Auch wenn es nur für den Friedhof war.

 

Möglichst gerade aufgerichtet trippelte Lorai genervt hinter der schleichenden Gruppe her und versuchte dabei möglichst lässig auszusehen. Alle waren in Schwarz gekleidet, trotz der Hitze. Ausser Tante Rosi natürlich. Die war in einen toten Fuchs gewickelt. Wäre es nicht gerade Sommer, würde das Tier ja tiptop auf den Friedhof passen. Gut, eigentlich war es eher ein Rudel, denn bis der Bauchumfang von Rosi gedeckt war, reichte eines der armen Viecher nicht im Entferntesten aus. Am faszinierendsten waren aber Tantchens Füsse. Lorai starrte dauernd darauf. Die waren so richtig dick aufgequollen und wie immer, passten sie nicht wirklich in die flachen kleinen Schühchen. Kleine Fettlappen stülpten sich jeweils links und rechts zitternd über den Lederrand. Lorai konnte nur mutmassen, wie es den kurzen wahrscheinlich viereckigen Zehen ging.

 

Sie musste sich endlich zusammennehmen, um nicht immer auf das wippende Fett auf dem Kies zu starren. Ihre Schuhe waren allerdings, was das anbelangte, aber auch nicht wirklich besser. Sie waren zumindest  genauso eng. Die Blasen an den Fersen japsten jetzt schon nach Luft. Gut, knallrot und nuttig waren sie immer noch, die Traumschuhe, aber bei ihr versuchte das Fett wenigstens nicht verzweifelt, zu fliehen. Aber zur Dokumentation ihrer tiefen Trauer sollte es reichen. So war das halt auf einer Beerdigung. Alles schön konform, wie es sein soll. Also schwarz, tot und befehlsmässig traurig. Ausser bei Lorai. Dabei wäre heute Party angesagt gewesen! Schliesslich war er tot und was noch besser war, er würde es auch bleiben. Aber alle heulten. Froh zu sein, wäre somit natürlich total unpassend. Zumindest für die verbleibenden Verwandten. Die Regeln verlangten, dass man ganz offiziell, seit acht Uhr morgens klar ersichtlich und zutiefst bekümmert war. Vor siebzehn Uhr durfte dieser Zustand auch auf keinen Fall enden. Auch der Tod hatte Bürozeiten. Nachher sah es nämlich keiner mehr.

 

Lorai verstand echt nicht, was der Blödsinn sollte. Eigentlich wollte sie ja gar nicht zu dieser Beerdigung. Tatsächlich war sie noch nicht lange von ihrem Welschlandjahr zurück und hatte gerade andere Sorgen. Zum Beispiel in die Badi gehen oder so. Jedenfalls wäre alles besser gewesen, als hinter einer hässlichen braunen Metallurne her zu dackeln. Andererseits gab ihr diese Formalität die Sicherheit, dass es auch tatsächlich so war, wie es schien. Er war da drin und kam auch nicht mehr raus. Punkt. Auch wenn es schwierig war, sich vorzustellen, dass ihr Grossvater tatsächlich in dem lächerlich kleinen Gefäss war. Er war ein grosser, dünner und sehr knochiger Mann gewesen. Lorai fand, dass er für die kleine Urne zu viele Knochen gehabt hatte. Na ja, vielleicht hatte der Bestatter ja die Hälfte der Asche in den Abfallkübel gewischt, um Kosten zu sparen. Man wusste es nicht. Lorai fand den Gedanken, dass der böse alte Mann möglicherweise zum Teil im Abfall gelandet war, allerdings äusserst erheiternd. Sie musste sich ein Grinsen verkneifen und deckte daher den Mund mit einer Hand ab. Das wäre so kurz vor der Grabstelle, schon sehr asozial gewesen.