Märchen - Nüsschen

Ich habe mich so gefreut, weil ich ein Päckchen aus fernen Landen bekommen soll. Andrea R. Walla schickt mir mein Blind-Date. Das sind Texte von Autoren mit Bildern von Andrea. Und jetzt sollte ich Meines bekommen. Dafür hat Andrea extra einen Express-Dienst genommen.  Was dann passierte ... kann man nur noch unter Märchen abbuchen. Deshalb hier die Geschichte von Nüsschen:

 

Es war einmal eine kleine Haselmaus namens Nüsschen. Zitternd, mit triefend nassem Fell stand sie vor ihrem Bau und wartete. Heftig atmete das kleine Bäuchlein vor sich hin, während Nüsschen immer wieder erwartungsvoll zum grossen Holzbau hinüber starrte. Da sass gemütlich der Biber, seines Zeichens Posthalter des Waldes, auf seinem dicken Hintern und sortierte die Post. Justin, wie er hiess, hatte seinen Bau so gross gemacht, dass er nicht übersehen werden konnte. Das war auch nötig, denn sein Postschalter stand ja mitten im tiefsten Wald. Fernab von jeder Zivilisation und war sehr schwer zu finden. Aber die Waldbewohner verliessen sich auf ihn und seine Hütte. Das klappte normalerweise auch ganz gut. 


Nüsschen drehte sich immer wieder um sich selbst, um das Fell zu trocknen. Riesige Wellen hatten vor einer Weile seine Behausung komplett geflutet. Inzwischen war das meiste aufgeräumt. Aber das Mäuschen kämpfte immer noch mit der Feuchtigkeit und den Würmern in seinem Bau. Die hatten sich einfach frech breitgemacht, weil es so schön nass war. 


Deshalb hatte Nüsschen ein Gedicht geschrieben, um der ganzen Welt zu sagen, was ihm widerfahren war. Den Text hatte es begeistert an die Blind-Date-Fee geschickt damit sie ein Bild dazu malte. Das Mäuschen seufzte wohlig vor sich hin. Es war so schön geworden und die Fee hatte versprochen, ihm das Bild zu schicken. Mit dem Express-Igel. Dafür hatte Nüsschen der Post eine Menge Haselnüsse gezahlt. 


Heute war es endlich soweit. Die Fee hatte das Bild dem rasenden Paket-Igel mitgegeben. Der würde bald da sein. Er kam aus dem weit entlegenen Land jenseits des Waldes. Nüsschen freute sich wie Bolle! Endlich konnte es seine dunkle Behausung mit dem Bild etwas aufmotzen. Schon halb trocken, setzte sich die kleine graue Maus auf den Waldboden und wartete. Und tatsächlich! Plötzlich raschelte es wild zwischen den Bäumen. Bald wurde eine lange Schnauze sichtbar. Entzückt sprang Nüsschen auf und winkte wie verrückt. Aber der Express-Igel sah die Maus nicht. Sein Reiter, der blinde Maulwurf, auf dessen Namensschild Stevie stand, steuerte einfach an Nüsschen vorbei. Die Pakete, die er zu liefern hatte, waren auf dem Igel aufgespiesst und ruckelten zittrig vor sich hin. Das Mäuschen rannte begeistert hinterher, als es sah, dass der Maulwurf seinen rasenden Igel auf die Biberpost zusteuerte. 


Aber was war das? Der Maulwurf hielt vor der Post, schnüffelte in die Luft, schüttelte den Kopf und drehte seinen Igel wieder um. Auch der Biber guckte erstaunt, als Igel und Maulwurf wieder in die Gegenrichtung davon rasten. Schockiert sah Nüsschen, wie sein Päckchen wieder den Wald verliess. Noch ein kurzes Schnauben und weg waren sie. 


Nüsschen stand einsam da. Tränchen kullerten aus den runden schwarzen Äuglein. Wieder einmal hatte der Paket-Express aus fernen Landen, die Schweizer Post nicht gefunden. Das Mäuschen wusste ja, dass es weitab der Zivilisation wohnte und es nebenan im Nachbarland ganz anders zuging. Aber, es schmerzte trotzdem. Leise weinend, schlüpfte es wieder in seinen Bau und warf die letzten frechen Würmer raus. Dann setzte Nüsschen sich auf den Boden und betete zur Fee. Sicherheitshalber auch zum Zickengott, dass doch noch alles gut wird. 


Und die Fee? Die schickte den blinden Maulwurf wieder zurück in die Pampa, in der Hoffnung, dass er diesmal die kleine Schweizer Poststelle finden würde. Aber so ist das halt, wenn man im Urwald lebt und der Igel kein GPS hat.

 

Und Nüsschen wartet und wartet ...