Märchen - Die Prinzessin wünscht...

 

Diese Seite enthält Werbung in Form von Rezensionen, Verlinkungen , Empfehlungen oder Links auf Verkaufsportale, die im Text oder in Bildern hinterlegt sind.

 

Ein Märchen

 

von

 

Louise Bourbon 

 

und 

 

Le. Alex Sax

 

 

Wir haben die Parts abwechselnd geschrieben. Die Teile sind mit dem Urheber bezeichnet. Es ist ein Vergnügen, so zu arbeiten. Vor allem macht Louise Spass, also gerne wieder!

 

 
Die Prinzessin wünscht sich…
 


 
Teil Louise Bourbon:

 
Es war einmal eine Prinzessin, die war schön, so schön, dass selbst die Sonne, die doch so vieles gesehen, sich hinter den Wolken verkroch, wenn sie ihrer ansichtig wurde. Das Auge ihres Vaters ruhte mit Wohlgefallen auf ihr, und für ihre Mutter aber war die Gegenwart der Tochter ein stetes Vergnügen. Doch als die Prinzessin dem Mädchenalter zu entwachsen schien und der Zeitpunkt gekommen war, ihr einen Gatten zu suchen, da wurde sie traurig. Denn viele, viele Prinzen präsentierte man ihr, und doch nicht einer weckte in ihr das Verlangen, ihn zu küssen. Und dabei war doch irgendwann genau dieses erforderlich, denn dies hier ist ein Märchen, und im Märchen küssen Prinzen Prinzessinnen immer. 


Nun ging die Kunde von einer Prinzessin im Nachbarland, die es an Schönheit und Geist jederzeit mit der unseren hier hätte aufnehmen können. Die Prinzessin hatte einige Bildnisse von ihr gesehen, und ihre Bonmots, die die Runde machten, waren so wohl gesetzt, dass es eine Freude war, sie zu lesen. Die Prinzessin entbrannte zu ihr in inniger Leidenschaft.


Eines Tages, als die Prinzessin, ihren Kummer betrauernd, in den weitläufigen Gärten ihres Vaters auf und ab schritt, näherte sich ihr ein altes Weib, runzlig und bucklig, und fragte: Madame, Ihr beugt Euren Rücken fast so sehr wie ich! Was bekümmert Euch? Die Prinzessin erkannte in ihrer Weisheit, dass die alte Frau eine Fee war. Natürlich ist es eine Fee, das hier ist ein Märchen! Die Prinzessin sagte: Ach, gute Fee, ich soll verheiratet werden. Nun, entgegnete die Fee, wenn es weiter nichts ist! Ihr seid so schön und von solchem Geist, dass Ihr die Zierde am Hofe Eures Vaters seid, der zudem der mächtigste Mann der Welt ist. Und die Königin ist die reizendste Frau der Welt. Welcher Schwiegersohn würde nicht gern an einem solchen Hof sein Gastrecht nehmen? Die Sonne selbst, die sich an so vielen Plafonds Eurer Gemächer befindet, kann nicht anders als zu lächeln.
Nun, erwiderte die Prinzessin, deren Trauer bei diesen Worten nur noch größer wurde, genau das ist ja die Schwierigkeit! Um wie viel glücklicher wäre ich, wäre es eine Prinzessin, die das Gastrecht am Hof meines Vaters nutzen wollte. Um wie viel glücklicher wäre ich, würden meine Lippen das zarte Gegenstück einer Prinzessin und nicht das kratzige Kinn eines Mannes berühren. Von anderen Dingen ganz zu schweigen. Und die Prinzessin wurde so traurig, dass sie sich am liebsten in ein Bassin gestürzt hätte, aber dies war leider streng verboten, denn der Bademeister hatte seinen freien Tag. 
Oh, antwortete die Fee erstaunt, da muss ich mich bedenken. Ich kann zwar verzaubern, aber nicht hexen. 
 


Teil Le. Alex Sax:


 
Aber ich kann zaubern, dachte sich die Fee dann lächelnd und schnippte mit den Fingern. Da wurde Prinzessin Marie Anne schwarz vor Augen, sie fiel sanft, wie auf einer Wolke, zu Boden und in eine selige Dunkelheit.


Irgendetwas kitzelte die Prinzessin alsbald an der Nase. Sie nieste und hustete, wovon sie langsam aufwachte. Sie öffnete zögerlich die Augen und blickte direkt in zehn Augenpaare, die sie besorgt von oben anblickten während sie leise auf sie einredeten. Marie Anne schwebte inmitten von Engeln. Die Prinzessin erschauerte, als sie deren wunderschöne Augen sah, die mit den fröhlichsten Farben umrandet waren. Allesamt gehörten sie zu engelsgleichen Frauen. Langsam richtete sich die Prinzessin auf und musste wieder niesen, als sie ein Engelsflügel streifte. Alles war weiss und golden. Es glitzerte wie ein Sternenhimmel vor ihren erstaunten Augen. Die Frauen, die ihr aufhalfen, waren in weisse Federn gehüllt, die mit Gold verziert waren. Es war wie ein Traum. Die Prinzessin war sich sicher, dass die Fee sie direkt ins Paradies geführt hatte. Bald stand sie in der Frauenschar, inmitten dieser Federwolken während sie fremde und aufregende Düfte ein atmete. Zu ihrem Glück war weit und breit war kein bärtiger Prinz zu sehen.

 
Die Frauen schnatterten und streichelten sie zur Beruhigung. Die Prinzessin fand das himmlisch. Sie wollte nie wieder weg, von diesem wunderbaren Ort. Endlich waren ihre geheimsten Wünsche erfüllt worden. Sie blickte in die Luft und sah überall glitzernde Lichter und Spiegel bis an die Decke, die die wallenden Federn auf allen Seiten wieder spiegelten. 


Plötzlich ertönte eine tiefe männliche Stimme. Sofort  teilten sich die gefiederten Engel, um eine Gasse zu bilden. Erstaunt sah die Prinzessin nach vorne und schloss ganz geblendet die Augen. Da kam ein goldener Mann. Seine Kleidung glitzerte in der Farbe der Sonne und er hatte schwere güldene Ketten überall. Das musste der König dieses Paradieses sein. Als er vor der Prinzessin stand, verneigte sich diese, um ihm ergeben die Hand zu küssen. Der König hielt kurz inne, dann klatschte er mit der flachen Hand auf den halb nackten Po der Prinzessin und donnerte: «Man Mädchen, hast du wieder gekokst? Jetzt ist aber Schluss! Los alle auf die Bühne aber plötzlich. Denkt ihr, das Paradies läuft ohne eure blanken Hintern oder was?» 


Mit Geheul nahmen die Mädchen die erstarrte Prinzessin in die Mitte und zerrten sie aus der Garderobe. Die königliche Hoheit schrie verzweifelt nach der Fee, wusste aber gleichzeitig, dass es nichts nützen würde. Sie hatte bekommen, was sie sich gewünscht hatte. 


Moralité:


Die Prinzessin erwachte aus ihrem Traum,
Und sah zum Glück: Es war nur Schaum.
Was als Prinz erscheint, nicht immer einer ist.
Manchmal greift nur Tücke und nur List.
Das echte Glück, ganz wahr und pur,
Findet man beim König nur.


 
... ja, Feen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren, dachte Prinzessin Marie Anne, als sie im Moulin Rouge über die Bühne stolperte ...

 

 

Teil Louise Bourbon:

 

Als nun der Abend herein gebrochen und die Prinzessin immer noch nicht wieder zurückgekehrt war, besorgten sich König und Königin gar schrecklich. Sie ließen die gesamten Gärten absuchen, es wurde aber nur eine alte Fee gefunden, die offensichtlich, erschöpft ob ihres Tagewerks, unter einem Baum eingeschlafen war. Man ließ sie also vor den König bringen, der sie andonnerte:


«Was wisst Ihr über den Verbleib meiner Tochter?»


«Mit Verlaub, Sire, welche genau? Ihr habt derer so viele, dass zu keiner Geburt die Feen geladen werden können, weil das königliche Besteck dafür nicht ausreicht.»
«Die Princesse Marie Anne, liebe Fee. Wer denn sonst? Die anderen kehren gemeinhin artig nach Hause zurück.»
«Woher wissen denn Majesté, dass ich etwas wissen könnte?»


«Madame, ich weiß stets, wer sich in meinen Gärten herumtreibt, und daher weiß ich auch, dass Ihr eine Fee seid. Und die Königin Louise hier ist noch 1000 mal schöner als Ihr.»
«Majesté, mit Verlaub, Ihr habt die Zitatzeichen vergessen.»
«Pardon?! Wer sagt denn das?»
«Die Gebrüder Grimm.»
«Wer bitte sind denn die? Haben sie etwa die Prinzessin entführt?»
«Sie erzählen Märchen im 19. Jahrhundert.»


«Ach, wieder diese Zukunftsmusik. Plagiieren sie etwa mon Maître Perrault hier? Und wenn sie die Prinzessin entführt haben, verfüge ich, dass sie so lange keine eigenen Einfälle haben werden und immer nur das aufschreiben können, was ihnen erzählt wird, bis die Prinzessin wieder an ihren Bestimmungsort eingetroffen ist. Und für Monsieur Perrault verlange ich satisfaction!»


«Ersteres wird schwer werden», sagte die Fee. «Mir ist da ein kleines Ungeschick geschehen ...»


«Ungeschick?! Mit meiner Tochter?! Meine Frau sieht mich gerade erbost an. Pardon Madame», sagte der König und nickte zur Königin hin, «Unsere Tochter selbstverständlich.»


«Nun, die Princesse ist versehentlich im 21. Jahrhundert gelandet. In einem Varieté. Ich bin in die Anagrammfalle getappt. Ich wollte ihr schenken, was sie erträumte, revaît, und nun ...»


«Madame, Ihr lasst euch besser etwas einfallen. Und zuvor schafft ein paar Marzipanküchlein mit Schlafpulver und dem Puder des Vergessens her. Wenn die Königin Louise all das in Erinnerung behält, wirft sie ihr Zepter nach Euch.»


«Ich könnte versuchen, Majesté in die Gegenwart zu bringen. Dort könnten Majesté die Tochter wieder abholen.»


«Könnten ist etwas wenig, Madame.»


«Selbstverständlich kann ich! Aber Ihr solltet etwas mit Eurer Kleidung unternehmen. Im 21. Jahrhundert ist man, wie sagen wir, etwas spartanischer. Und äh, die Frisuren sind etwas praktischer.»


«Nichts leichter als das», sprach der König, «ich verberge meine Haare unter einer Badekappe und tarne mein Zepter als Schlagstock. Nun ja, zumindest Letzteres. Und dann wollen wir doch mal sehen. Und noch ein paar Küchlein ohne diese speziellen Zutaten für Madame Bourbon hier.»

 

«Wer ist denn das?»


«Das ist die Frau, die ich zwinge, all diesen Blödsinn hier aufzuschreiben.»

 


Teil von Le. Alex Sax:


Die Fee sah vergnügt zu, wie der König sich wütend entfernte. Lächelnd hob sie die Hand und schnippte wieder mit den Fingern. Vor ihren Augen verschwand der König und hinterliess eine verzweifelte und ratlose Königin.


Geblendet schloss Louis XIV die Augen. Woher kam denn diese blendende Sonne auf einmal? Als er Gelächter hörte, riss er sie wieder auf und starrte in die Richtung des Geräusches. Aber das Licht stach weiter grell in seine Augen. Verwirrt sah er sich um und bemerkte, dass er auf einem glitzernden Boden stand. Ein paar Meter neben ihm lag ein länglicher Schatten. Er fasste sein Zepter fester, als der Schatten anfing, sich zu bewegen. Gleichzeitig ertönte ein Geheul, das von einer riesigen Menschenmenge erhoben wurde. Des Königs Adern gefroren zu Eis, als er in dem Schatten einen Tiger erkannte. Ein Knurren auf der anderen Seite liess ihn erkennen, dass da ein zweites Tier war. Es war die Mähne eines Löwen, der ihm mit gebleckten Zähnen entgegenblickte. Nun wusste der König, wo er war. Die Fee hatte ihn in ein Kolosseum gesetzt. Es war eine Falle. Er war im alten Rom gelandet. Entschlossen wollte er auf den Tiger zugehen und hob sein Zepter, als das Licht nach hinten schwenkte. Louis wurde blass. Die Wärter führten Frauen in die Arena. Sie sollten wohl die ersten Opfer sein. Wutentbrannt hob er sein Zepter und verkündete mit Stärke: «Nehmt mich, ihr Unseligen, und lasst die Frauen frei. Ich werde an ihrer Stelle kämpfen und meiner Stellung zur Ehre gereichen!»

 


Teil Louise Bourbon:


Währenddessen kam in Versailles die sanft entschlummerte Königin wieder zu sich. Noch leicht benommen, murmelte sie:
«Hat mein Ehegatte tatsächlich wieder einmal versucht, mich mit Schlafpulver und dem Pulver des Vergessens abzulenken? Nun, ich habe da schon meine Pläne für ihn. Aber das muss warten. Zuerst muss ich die beiden wieder hierher zurück schaffen. Und erfahren, wo sie eigentlich abgeblieben sind. Man schaffe mir die unselige Fee herbei!»
Da näherte sich ihr eine Frau, die von Kopf bis Fuß in einen weiten Umhang gehüllt war.
«Madame, wir sollten alleine sprechen», wisperte sie.
Die Königin sah ihr ins Gesicht und stutzte.
«Wir kennen uns, nicht wahr? Ihr habt doch etwas mit diesen Vampiren zu tun, denen wir hier Obdach gewährt haben. Sie beschützen uns ja gut, aber heute haben sie leider versagt!»
«Das liegt daran», erwiderte die vermeintlich Unbekannte, «dass Vampire gegen Zauber nichts ausrichten können. Aber ich kann.»
Als sich die beiden Damen zurückgezogen hatten, schlug die Zauberin den Schleier zurück, mit dem sie ihr Haupt verhüllt hatte.
«Merlinea», sagte Königin Louise, «enchantée!»
«Ich dachte, dass Ihr mich erkennt. Ich bin gekommen, Euch zu helfen. Schließlich seid Ihr eine von uns, auch, wenn Ihr eure Fähigkeiten in dieser sterblichen Hülle verbergen müsst.»
«Wo sind der König und meine Tochter?»
«Madame, eine Fee, die Euch nichts Gutes will, hat die Princesse ins 21. Jahrhundert geschickt, das ist leider wahr. Und der König ist hinterher, um Eure Tochter zurückzuholen. Leider sieht die Sache gerade nicht besonders gut aus. Seht selbst:»
Und Merlinea ergriff ihre Glaskugel und bot sie der Königin an. Deren Augen weiteten sich vor Entsetzen, als sie das Szenario sah:

 


Teil Le. Alex Sax:

 

Ein lautes Gejohle und Geschrei brandete auf und nahm ihm die Möglichkeit, weiter zu sprechen. Jetzt sah er vor sich die Menschen sitzen, die schrien und ihre Hüte schwenkten.
«Barbaren allesamt!», schrie er. Dann hob der König das Zepter wieder und rannte mit wehender Perücke auf den Tiger zu, um ihm den Schädel einzuschlagen. Das Tier bewegte sich und riss sein Maul weit auf, als Louis ausholte. Kurz vor dem Tiger fiel der König aber plötzlich zu Boden und rührte sich nicht mehr. Nur noch ganz weit weg, hörte er jemanden Papa rufen. Marie Anne!
«Bei Euch hat wohl die ganze Familie einen an der Schüssel was?» Henri de Bouillon, der Chef des Varietés, riss Marie Anne zurück, die sich schluchzend über ihren Vater geworfen hatte. Sein bulliger Sicherheitsmann zog die Spritze aus des Königs Hintern und verstaute das Ding wieder in seiner Tasche. «Schleif den Alten von der Bühne, damit die Show weitergehen kann», brüllte Henri. Der bullige Typ nahm den benebelten König huckepack, riss die schreiende Marie Anne am Hals und zerrte beide hinter die Kulissen. Dort warf er den König einfach in das Büro seines Chefs und stellte sich demonstrativ neben die Tür.
Langsam wachte Louis wieder auf, weil ihm jemand dauernd auf den Arm hieb. Es war seine Tochter, die sündig gekleidet versuchte, ihn zu wecken. Als er die Augen aufschlug, starrte er direkt in Bouillons Gesicht und erstarrte. Henri de Bouillon grinste unverschämt zurück.
«Na mein Sohn, damit hast Du nicht gerechnet nicht wahr?» Henri zog langsam ein Messer aus seinem goldenen Sakko und ging auf Louis und die versteinerte Prinzessin zu.
«Kardinal Mazzarin stammelte der König» und brach wieder ab. Zu mehr reichte es nicht mehr. Wie konnte das sein? Vor ihm stand sein Vater, der schon lange tot war.
«Tja, Alter! Entschuldige, so sagt man das heute, aber jetzt bist du dran. Auf den Tag habe ich lange gewartet. Und heute darfst du ein letztes Mal Papa zu mir sagen». Der Kardinal stand mit wirrer Miene schon fast über dem König, der immer noch am Boden lag und hob das Messer, um es ihm in die Kehle zu rammen.
«Wieso tust du das?», fragte der König entsetzt.
Der Kardinal setzte sein breitestes Grinsen auf und flüsterte: «Wenn du tot bist, dann gehe ich an deiner Stelle zurück. Dann bin ich der König, der auch noch deine liebliche Gattin beglücken darf. Ich habe den Tod betrogen, wie du siehst. Und nun Ende der Diskussion.» Damit hob er das Messer.

 


Teil Louise Bourbon:

 

«Madame, ich weiß, das ist in Eurer Zeit modern, aber Ihr dürft jetzt nicht in Ohnmacht fallen.»
«Sehe ich so aus?!» entgegnete die Königin, «ich rase vor Zorn! Machen wir's kurz, es gilt keine Zeit zu verlieren. Könnt Ihr mich zu ihnen schicken?»
«Das kann ich», sagte Merlinea und lächelte fein, «und noch ein wenig mehr.» Sie schnippte mit den Fingern. «So, ich habe die Zeit angehalten. Hoffentlich bekommt der Kardinal einen Muskelkrampf. Madame, in der Weihnachtszeit ist es mir gestattet, einer Person mit einer reinen Seele, die mit liebenden Herzen handelt, die magische Kraft der Feen zu übertragen. Dieses Jahr erwähle ich Euch. Geht und holt Eure Familie zurück.»
«Doch was machen wir, wenn meine Abwesenheit hier bemerkt wird?» fragt die Königin sorgenvoll. «Ihr könnt mich doch nur durch die Zeit schicken, wenn diese wieder läuft.»
«Das ist wahr, weise Königin, aber ich habe vorgesorgt. Zum Glück ist es spät am Abend, und die Beleuchtung gedämpft. Die Vampirin Louise wird für die Zeit Eurer Abwesenheit Eure Rolle einnehmen. Ihr Gatte wird die des Königs übernehmen. Gegessen haben die beiden zum Glück schon. Und die Zähne geputzt. Die Ähnlichkeiten sind groß genug.»
«Habt Dank, Ma chère. Aber wie kommen wir wieder zurück?»
Merlinea wies auf ihre Glaskugel.
«Ich werde von hier aus alles im Auge behalten. Und Euch zurückbringen, wenn die Gefahr vorbei ist. Nehmt dies», sprach sie und drückte der Königin ein Medaillon in die Hand, «so sind wir verbunden, und ich kann Euch in Eure Zeit zurückholen. Sollte allerdings unsere altmodische Technik im 21. Jahrhundert versagen, habe ich hier noch eine Alternative.»
Merlinea reichte der Königin einen flachen rechteckigen golden glänzenden Gegenstand. «Was ist denn das?» fragte die Königin und beäugte misstrauisch die Gabe der Zauberin. Diese lachte: «Es ist das iPhone Eurer Autorin. Die Hülle wird Euch gefallen, und sie selbst wird nicht bemerken, dass das Ding für einen Augenblick verschwunden ist. Schließlich hat sie genug damit zu tun, diese Geschichte hier aufzuschreiben. Ich habe die "BringMeBackToMyTime" App bereits vorinstalliert. Ihr müsst einfach nur "Bonjour, Siri, bring me back to my Time” sagen.»
«Was für eine barbarische Sprache ist denn das», echauffierte sich die Königin. «Pardon, aber für das passende Sprachpaket war keine Zeit.», entgegnete Merlinea, «die App soll Euch auch nur im Notfall dienen. Um aber Euren Mann und Eure Tochter zurückzubringen, müsst Ihr mit reinem Herzen an sie denken. Kein Zorn. Für Eure temperamentvollen Ausbrüche ist später noch Zeit. Und nehmt Euer Zepter mit, es wird alle Fähigkeiten meines Zauberstab besitzen. Beeilt Euch, der Kardinal will aus dem Tod des Königs ein öffentliches Schauspiel vor Publikum machen.»
«Habt Dank», sagte die Königin noch einmal und verschwand vor den Augen der Magierin.

 


Teil Le. Alex Sax:


Schnell schubste der König seine Tochter von sich, damit ihr nichts passieren konnte, und bot dem Attentäter heldenhaft seine Brust dar. Gleichzeitig hob er den Blick, um seinem Mörder in die Augen sehen zu können. Er war der König, und er würde wie einer sterben. Würdevoll und gelassen. Aber anstatt des Messers, das ihn durchstossen sollte, plumpste eine Ratte auf seinen Bauch. Verwirrt sah sich das Tier kurz um, rannte über sein Gesicht und verschwand in der Dunkelheit der Bühne. Das Publikum klatschte begeistert, während der König nicht wusste, wie ihm geschah. Dann hörte er eine liebliche Stimme durch den Saal donnern:
“Diener, helft dem König auf, aber sofort!“
Sogleich eilten einige Bühnenarbeiter herbei, die taten wie geheissen. König Louis stand im Licht, neben ihm seine Tochter im Federkleid, und schmunzelte. Da stand sie, seine Königin, die im Licht glänzte wie alle Juwelen seines Königreichs.
„Der Mörder hat nun die Gestalt, die ihm zusteht. Als Ratte wird er im Dreck leben“, befand Königin Louise trocken.
Während das Publikum weiter tobte und Gefallen an der Zaubervorstellung fand, drehte sich die Königin um und sah den Tiger.
„Frankreich braucht nur einen Tiger, nämlich den König,“ rief sie aus und berührte das Tier mit ihrem Zepter. Die grosse Katze verschwand, und zum Vorschein kam eine kleine Miezekatze, die mauzend der Ratte hinterherrannte.
„Katzen! Es reicht jetzt!“
Damit schwenkte sie ihr Zepter, und alle drei verschwanden von der Bühne des Varietés. Niemand sah sie jemals wieder. Auch der Besitzer des Varietés blieb auf ewig verschwunden. Die Polizei fand nur noch seinen Goldschmuck, den er auf dem Boden zurückgelassen hatte. Das gab in Paris noch lange zu reden.

 

 

Gemeinsamer Abschluss Le. Alex Sax und Louise Bourbon:


Merlinea schüttelte den Kopf und sah zu, wie König Louis XIV samt Frau und Tochter wieder auf der Wiese vor dem Schloss erschien. Ja, Schnippen konnte sie immer noch gut. Lächelnd betrachtete sie die Eule, die unsicher in einem Baum sass und mit den Augen klimperte. So endeten Feen, die sich unerlaubt einen Nebenverdienst in Zeitreisen erlaubt hatten und ihren geschwätzigen Mund nicht halten konnten. Schliesslich war das nicht die erste Untat, die die Fee sich geleistet hatte. Merlinea hatte es eilig und löste sich gekonnt in Luft auf, während die Eule wütend vor sich hin krächzte. Sie musste unbedingt mit der Feengewerkschaft sprechen. So ging das nicht weiter.


Königin Louise drehte sich zu Mann und Tochter um und sagte lächelnd:
«Bienvenue, geliebter Gatte, geliebte Tochter. Wollen doch mal sehen, ob die neuen Kräfte dieses Zepters auch hier funktionieren. Schliesslich ist immer noch Weihnachten.»


Hinter einem Baum versteckt, stand die Vampirin Louise und leckte sich die Lippen. Wie ein Geist näherte sie sich dem Vogel. Der Eulencocktail kam genau richtig.

 

Werbung: Rezensionen, Verlinkungen und Empfehlungen müssen neu als Werbung gekennzeichnet sein.