Vampire - Eiskalt

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Der herbe Duft von Karls Blut strömte Louise zart und süss um die Nase. Sie lehnte sich an den Sarg und genoss dieses kleine Erlebnis. Die beiden standen in der Klinik vor der Zimmertüre und warteten, bis die Ärzte fertig waren. Leise drangen knackende Geräusche an ihre Ohren. Das Brechen von Knochen, dazu der Duft des Blutes! Louise liebte ihre Arbeit als Bestatterin. Die Verstorbene war mit massiven Krämpfen verendet. Das hatte dazu geführt, dass die Gliedmassen von den Muskeln in alle Richtungen gezogen wurden. So sperrig passte sie natürlich nicht in den Sarg. Deshalb mussten ihr zuerst die Knochen gebrochen werden. Louise schmunzelte. Das war heute ihr Glückstag. Immer noch selig lächelnd und den Sarg streichelnd, zog plötzlich ein Luftzug über ihre Stirn. Er war so eiskalt, dass sie zurückzuckte und Karl anstarrte. Der schien aber nichts zu bemerken und hantierte hinter dem Sarggestell mit seinem Handy. Kaum hatte sie entschieden, dass sie sich das eingebildet hatte, kam die Kälte erneut. Diesmal kroch sie an ihrem Bein hoch. Erschrocken griff Louise nach ihrem Knie, weil es gefühlt gerade einfror. Dabei traf sie ein zarter elektrischer Schlag. Irritiert stolperte sie zwei Schritte nach hinten, wo sie mit dem Rücken an die Wand knallte. Louise starrte auf den Boden, wo sich ein dünner blauer Lichtfaden von ihr wegbewegte, auf das gegenüberliegende Zimmer zu.

 

Die Türe war offen und sie konnte einen Patienten sehen. Hechelnd lag er im Bett und stöhnte laut vor Schmerzen. Offenbar konnte er kaum mehr atmen. Eine junge Frau sass neben ihm und hielt verzweifelt seine Hand. Der blaue Faden kam aus seinem Mund und schien sich wieder dahin zurückzuziehen. Dabei wanderte er auch über die Hände der Dame. Für die Frau schien das unsichtbar zu sein. Der alte Mann fing heftig an zu schlucken und würgen, weil die Schmerzen immer stärker wurden. Seine Besucherin versuchte, ihn zu beruhigen. Aber das gelang nicht mehr. Plötzlich bäumte er sich auf, blieb kurz wie in der Luft stehen und sank dann in sich zusammen. Wie ein Ballon, den eine Nadel angepiekst hatte. Mit seinem letzten Atemzug sog der alte Mann den Lichtfaden scharf ein, so dass er ganz verschwand. Die Frau schluchzte laut auf und warf sich dem Toten auf die Brust, mit dem Gesicht zur Seite gewandt. Louise erstarrte, als sie sah, dass der Lichtfaden ein paar Sekunden später wieder austrat. Diesmal strömte er über das Gesicht des Toten und formte sich zu einer Kugel, die aussah, wie ein blaues Wollknäuel. Langsam senkte es sich und schlüpfte durch die Nase in die weinende Frau. Kurz zuckte noch ein blaues Nebelschwänzchen durch die Luft und peitschte auf die Brust des Mannes. Es sah aus, als würde es dabei in dessen Brustkorb verschwinden. Langsam kam es wieder heraus und zog etwas schwarzes und Schwabbeliges mit sich. Noch einmal ein kurzes Zucken und das Schwänzchen samt schwarzem Anhang, verschwand endgültig im Gesicht der Frau.  


«Ach, ein neuer Kunde»! Karl war für einen Menschen erstaunlich unsensibel. Da erfuhr Louise von ihm, dass der Tote an Lungenkrebs gestorben war. Ihr Mitarbeiter hatte da schon vor recherchiert, damit ihnen die Kundschaft nicht ausging. Jedenfalls hatte die junge Frau bereits die Karte ihres Institutes von Karl erhalten. Irgendwie brachte er sowas fertig, ohne dass jemand sauer wurde. Ja, der Gute war ein sehr wertvoller Mitarbeiter. Dann ging die Türe auf und ihre neue Leiche wurde zum Transport frei gegeben. Louise war allerdings nicht ganz bei der Sache. Dieser Eiskalte Nebel ging ihr nicht aus dem Kopf. Beinahe wäre ihr die Leiche runtergefallen, als sie diese in den Sarg packten. Zum Glück griff Karl noch rechtzeitig ein. Nicht dass es etwas ausgemacht hätte, da die gebrochenen Knochen sowieso herumhingen, aber es hätte mehr Arbeit gegeben, sie wieder vom Boden zu holen.  


Die frische Luft tat ihr gut. Louise streifte durch den Park. Es war dunkel und ruhig. Genauso, wie sie es mochte. Louis war auf der Camelot an einer Sitzung, also konnte sie ihrem Hobby frönen. Jogger! Ja, sie jagte wieder. Die Leichen hatten sie müde gemacht und ihre Blutwerte verschlechtert. Sie brauchte frisches und gesundes Blut. Wie eine Eule sass sie auf einem Ast und horchte in die Nacht. Nicht lange und der erste Duft stieg ihr in die Nase. Eine junge Joggerin lief unter ihr durch. Aber Louise blieb sitzen. Sie hatte definitiv keine Lust auf Veganer. Es musste ein Fleischfresser her. Bald wurde ihr Wunsch erfüllt. Als der Mann fast unter ihr war, stiess sie sich ab und stürzte auf ihn, wie ein Geier. Leise und tödlich. Es erfüllte Louise mit Freude, dass sie nichts verlernt hatte. Schnell war die Halsschlagader gerissen und das Blut spritzte warm und duftend in ihren Rachen. Mit ihren Händen presste sie sein Herz zusammen, damit auch wirklich alles Blut herausfloss. Schlürfend lag sie über ihm und spürte zufrieden, wie ihn das Leben langsam verliess. Ein letztes Zittern von ihrem Opfer, ein letzter Schwall Blut, den sie noch geniessen wollte, als ihr Eiseskälte ins Gesicht schlug. Erschrocken liess sie den toten Körper los und fiel auf ihren Hintern. Sie starrte auf den Mann, aus dessen Munde ein blauer Lichtfaden in die Luft peitschte. Er schlängelte sich über das blutige Gesicht, und wirbelte auf Louises Mund zu. Sie hatte noch nie in ihrem Leben so schnell reagiert. Bevor sie richtig denken konnte, hatte sie sich wieder auf den Baum geschwungen und sah nach unten. Der blaue Faden verfolgte sie nicht, sondern blieb bei ihrem Opfer. Er zog auch diesmal etwas Dunkles aus dem Toten heraus, dass schlussendlich an seinem Schwanzende hing. Auf der Höhe, wo vorher Louises Nase war, zuckte er hin und her und schien nicht zu wissen, wohin er nun sollte. Sie war ein paar Meter über ihm. Scheinbar war das zu weit. Zitternd rollte er sich in der Luft zusammen, wobei das schwarze Ende in die Mitte kam. Das Ganze sah wieder wie ein schwebendes Wollknäuel aus, das ziellos hin und her taumelte. Louise traute sich nicht von ihrem Hochsitz herunter und sah weiter zu. Plötzlich gab es ein leises Plopp und das Knäuel zerfloss wie Öl und tropfte auf den Boden. Fasziniert sah sie zu, wie sich die Ölspuren in kleine blaue Lichtblitze verwandelten und den Weg ganz kurz erleuchteten. Dann erstarb das Licht und alles war wieder ruhig und dunkel. Louise sprang vom Baum und betrachtete den Fleck. Geblieben war eine schwarze und schmierige Substanz, die an ein Haarshampoo erinnerte. Und sie war tot, genau wie die Leiche daneben. Louise ahnte langsam, was hier vorging. Blutverschmiert, wie sie war, rannte sie nach Hause.  


Kaum hatte Louise ihr Haus betreten, als sie auch schon Marie-Annes Geschrei aus der Küche hörte. Entsetzt rannte sie hin und prallte im Türrahmen wieder zurück. Auf dem grossen Holztisch, der mitten im Raum stand, lag Karl blutüberströmt und tot, auf seinem Bauch Medea, das Kindermädchen. Ihre Zähne und Klauen fletschten durch die Luft und versuchten, den blitzenden Faden in die Leiche zurückzuschieben. Der hatte sich zu einer dicken Schlange entwickelt, die blitzend immer wieder auf Louises Tochter zuschoss und dabei versuchte, Medea auszuweichen. Marie Anne stand neben dem Tisch, fauchte wie eine Furie und schien mit ihren Kräften das Gebilde zu schlagen. Das führte aber nur dazu, dass die Schlange immer grösser wurde. Sie wollte Marie-Anne. Louise raste zum Tiefkühler, riss einen tiefgefrorenen Hund mit offener Schnauze heraus. Dann packte sie das kalte glitschige Vieh und hielt es mit der geöffneten Schnauze direkt vor den dicken blauen Faden und mit der anderen Hand schützte sie das Gesicht ihrer Tochter. Es zischte und der Bläuling verschwand im Tiefkühlhund. Louise schleuderte das Tier zurück in sein kaltes Grab, packte ihre Tochter und Louis Junior, der vergnügt vom Boden aus alles beobachtet hatte und schrie entsetzt nach Merlinea.  


Es war dunkel. Louise sass still und alleine vor dem grossen Glassarg und betrachtete besorgt ihr Kindermädchen. Medea war ein Vampir, sie würde das überleben. Allerdings war es knapp gewesen und der Kampf mit dem Bläuling hatte sie viel Kraft gekostet. Wieso musste sie auch unbedingt Karl vernaschen? Schliesslich hatten sie immer noch die Schweden im Keller hängen. Sie schüttelte den Kopf. Medea war eben noch sehr jung. Da ging die Leidenschaft schon mal mit ihr durch. Trotzdem war Louise erschüttert. Nicht, weil Karl tot war. Aber wieso war er ein Opfer dieser Bläulinge geworden? War es die Leiche aus der Klinik? Louise stand auf. John hatte eine Sitzung einberufen, die für alle galt. Sie musste sich beeilen, sie war schon spät dran. Sie lächelte, denn der Administrator konnte sehr ungehalten reagieren, wenn sie nicht pünktlich waren. In der Beziehung benahm er sich ganz königlich.  


Im Sitzungssaal der Camelot wartete Louis am Eingang auf sie und bot ihr seinen Arm. Louise war glücklich, dass alle ihre Lieben noch am Leben waren. Liebevoll betrachtete sie ihren Mann, der in seinem dunkelblauen Anzug mit dem italienischen Hemd umwerfend aussah. Zusammen suchten sie einen Platz im überfüllten Saal. Dann kamen John und Merlinea und das Licht erlosch. Dafür wurden die Seitenwände der Camelot zu Fenstern, die sich mit Bildern füllten. Sie zeigten nicht den Weltraum, indem sie schwebten, sondern die Erde. Louise hielt den Atem an, als sie erkannte, was vor sich ging. Die Menschen lebten ihr Leben wie immer, aber sie starben anders. Die dunklen Götter hatten sich als Lichtwesen auf der Erde niedergelassen. Unsichtbar für die Menschen. Mit Schaudern sah sie, wie sie durch die geöffneten Münder in die Körper eindrangen und sich einnisteten. Merlinea verfärbte die Spiegel und die Zuschauer konnten wie auf einem Röntgenbild in die Körper hineinsehen. Dabei war gut zu erkennen, dass die Bläulinge Krankheiten verursachten, an denen ihre Opfer starben. Die Bläulinge brauchten den Schmerz und die Hoffnungslosigkeit, als Umgebung. Nur so konnten sie glücklich leben. Starb ihr Wirt, dann gingen sie auf den nächsten Menschen über, der dem Sterbenden am nächsten war. Dabei nahmen sie die Krankheit mit und bauten ihre Wohlfühloase im neuen Wirt auf. Damit war auch dieser zu einem schmerzhaften und elenden Tod verdammt. Louise schmiegte sich erschüttert an Louis. Das Problem waren nicht die Menschen an sich, sondern die verdorbene Nahrung, die sie damit waren. Und für Zeus und seine Truppe war es scheinbar unmöglich, die Bläulinge zu finden oder gar auszurotten. Es war deutlich! Würde der Gottvater es trotzdem tun, dann würden alle Menschen sterben. Auf einen Schlag. Auch konnten sie selber Opfer dieser Dinger werden. Das war noch gefährlicher. Das Licht ging wieder an und die Fenster verschwanden. Ernst stand John vor ihnen und erklärte die Erde für sie alle verloren. 


Louise spazierte durch die Dunkelheit Versailles. Ihr altes zu Hause, das nun für immer ihr Neues sein würde. Louis und die Kinder schliefen, genauso, wie König Louis XIV und Königin Louise. Sie war inzwischen im Spiegelsaal, der heller war als sonst. Louise trat an die nun durchsichtige Wand und schaute hinaus. Sie liebte den Weltraum, denn er war immer dunkel. Vor ihr leuchtet wunderschön blau die Erde. Den Planeten, den sie nie mehr betreten würden. Sie stand mit der Versailles inmitten der anderen Raumschiffe. Es war eine Flotte, die eine erstaunliche Grösse hatte. Über allen thronte die Camelot. Neben ihr schwebte ruhig und dunkel die Buckingham mit Shakespeare als Kommandanten.  Er, der ihr Königspaar Oberon und Titania nannte. Sie kannten sich wohl schon lange. In all den schwebenden Schlössern um sich herum erkannte sie auch die Colonia. Der Kölner Dom, geführt von Ludwig II von Bayern.  Dort war nun Medea zu Hause. Jedes Land hatte sein eigenes Schiff, das nun im All schwebte und gefüllt war mit Göttern, Zauberern und Vampiren. Zurückgeblieben war eine Kopie, die man anfassen konnte. Merlinea hatte ganze Arbeit geleistet. Und Katress? Als Herrin von Atlantis hatte sie dafür gesorgt, dass die Menschen nichts bemerkten. Louise schmunzelte vor sich hin. Katress war wirklich gut.   


Louise lief langsam zu ihrem Schlafgemach zurück. Dabei zog sie die Nase kraus. Es roch immer noch nach Verbranntem. Die Königin hatte aufgeräumt. Franny, Liesel und Vroni! All ihre Bilder hatte sie angezündet. Und natürlich alles was mit Napoleon zu tun hatte. Kein einziger alter Widersacher war auf diesem Schiff mehr zu finden. Jetzt konnte sie das ja tun, da Versailles kein Museum mehr war. Zum Schluss hatte Königin Louise den königlichen Hermelinmantel ihres Mannes genommen und war mit dem König kichernd verschwunden. Die Vampirin lächelte vor sich hin. Hoffentlich war das Ding bequem genug für die zwei Verliebten. 


Louise hatte es noch nicht ganz zurück zu ihrem Bett geschafft, als alles taghell wurde. Erschrocken starrte sie aus dem Fenster. Die Schiffe leuchteten und waren in Bewegung. Fasziniert erkannte sie, dass die Schlösser und Kirchen sich äusserlich in Raumschiffe umwandelten. Dann spürte sie das Brummen unter ihren Füssen. Louise sah nach draussen zur Erde, die rasend schnell immer kleiner wurde und schliesslich ganz verschwand. Traurig ging sie ins Bett. Sie hatte ihre Heimat geliebt. Louise legte sich neben ihren Mann und fragte sich, was die Zukunft wohl bringen würde. Dann schlief sie ein.

 

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